Im Asperger Verlag Cross Cult erscheinen in den nächsten Monaten eine Reihe interessanter Graphic Novels. Der vor allem für die Comics um den inzwischen zweimalig verfilmten “Hellboy” und die “Sin City”-Serie bekannte Verlag hat sein Programm im Laufe der Zeit stetig erweitert und neben Fantasy- und Superhelden-Comics nun auch einige Krimi- und Horrortitel im Programm. Nachdem dort schon Alan Moores und Melinda Gebbies “Lost Girls” erschienen ist – das inzwischen in der zweiten Auflage vorliegt – wird im Dezember ein weiteres wichtiges Werk von Alan Moore folgen, das in diesem Fall von Eddie Campbell umgesetzt wurde. “From Hell” erzählt eine gründlich recherchierte “Jack the Ripper”-Version, deren Verfilmung mit Johnny Depp bereits vor einigen Jahren erfolgreich im Kino lief. Der zunächst bei Speed Comics erschienene Band war lange Zeit vergriffen und wird in einer überarbeiteten Neuauflage vorgelegt.
1888 bringt ein bis heute anonymer Mörder vier Prostituierte im Londoner Stadtteil Whitechapel um. Morde von ausgesprochener Brutalität: vier Frauen werden die Kehlen aufgeschlitzt, ihre Unterleiber verstümmelt. Der Täter und seine Motive liegen bis heute im Dunkeln.
1988 begann Alan Moore die Arbeit an “From Hell”. Zehn Jahre sollte er für dieses monumentale Werk benötigen, das mehr ist als nur eine minutiöse Aufarbeitung und Interpretation der Ereignisse in Whitechapel jener Tage. Auf sechshundert Seiten schildert dieser berühmte grafische Roman, wie sich reale Ereignisse und irrationale Ängste im London Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Massenparanoia ungekannten Ausmaßes ausufern …
“Die schonungslos präzise, Blut triefende Autopsie eines kriminalistischen und kriminellen Ereignisses, das bis in die heutige Zeit nachhallt. Das Skalpel gehört einem Mörder, doch Moores Hand ist es, die es führt.” – Die Welt
Im kommenden Jahr folgt mit John J. Muths “M”, einer Comicversion von Fritz Langs Filmklassiker, eine weitere Graphic Novel. Diese zuerst auf drei Teile angelegte Serie war in Deutschland bisher nur unvollständig erschienen und wird bei Cross Cult komplett als Einzelband vorgelegt.
From Hell, ISBN 978-3-936480-53-5 , Hardcover, schwarzweiß, 604 Seiten, 49,50 Euro, erscheint bei Cross Cult
In den letzten Jahren gab es immer wieder Berührungen zwischen klassischer Literatur und Comic. Inhaltlich und vom erzählerischen Anspruch her etablierten sich Graphic Novels als Comicform, die in Buchhandlungen problemlos in der Belletristik-Abteilung einzuordnen wären. Dazu kommt ein weiterhin steigendes Interesse seitens des vom klassisch geschriebenen Roman kommenden Lesepublikums, das sich für diese Art von Comicgeschichten begeistert. Nun ist es aber nicht so, dass die Annäherung nur von einer Seite geschieht: Romanautoren zeigen sich offen für Elemente des Comics und verarbeiten sie in ihren eigenen Büchern oder werden selbst zu Comicautoren.
In Jonathan Lethems Bestseller “Die Festung der Einsamkeit” (Tropen Verlag) spielt der Superhelden-Mythos eine bestimmende Rolle. Zudem outete sich der Autor als erklärter Comicfan zum Beispiel von Adrian Tomines “Halbe Wahrheiten” (Reprodukt). Wie Stefan Pannor auf “Spiegel Online” berichtet, hat Jonathan Lethem vor kurzem für Marvel Comics eine zehnteilige Comicserie geschrieben, die nun komplett vorliegt. In “Omega the Unknown” interpretiert er eine kurzlebige Superheldenserie von Steve Gerber aus den siebziger Jahren, die bereits in “Die Festung der Einsamkeit” auftauchte.
Es gibt noch weitere Berührungspunkte: Michael Chabon erzählt in seinem 2001 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman “Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay” (Droemer/Knaur) aus der Frühzeit der Comic Books und dem Aufstieg zweier jüdischer Comiczeichner. Nicht nur, dass viele Erzählmomente der realen Biografie von Will Eisner, der auch den Begriff Graphic Novel prägte, entlehnt sind; die für das Buch erdachte Superheldenfigur “The Escapist” wurde für den Verlag Dark Horse von zum Teil namhaften Autoren und Künstlern tatsächlich in Comics umgesetzt.
Doch schon vor Michael Chabon hatte sich Tom DeHaven in seiner “Dugan”-Trilogie mit der Frühzeit der US-Zeitungscomics und Comic Books befasst und vom Aufstieg einer Comicfigur und ihrer Zeichner geschrieben. Zuletzt hat dieser 2005 mit “It´s Superman!” (Chronicle Books) eine eigene Romanversion um die Herkunft und frühen Jahre des prototypischen Superhelden geschrieben.
Dass es auch in Deutschland Annäherungen gibt, zeigt sich nicht nur in der Offenheit einiger Großverlage für Comics (“Fun Home” bei KiWi oder “Maus” bei S. Fischer). Wie hier bereits berichtet, hat zum Beispiel Thomas von Steinaecker in seinen zweiten Roman “Geister” (fva) einige Comicpassagen eingearbeitet. Ähnlich war bereits Phoebe Gloeckner in ihrem 2002 erschienenen “Diary Of A Teenage Girl” (Frog Books) verfahren, ohne jedoch damit so spielerisch zu verfahren wie aktuell von Steinaecker. Desweiteren trug zum Beispiel Lesebühnen-Autor und Proust-BloggerJochen Schmidt das Skript zu einer Erzählung in Mawils Band “Action Sorgenkind” (Reprodukt) bei.
Zwischen Comics und klassischer Literatur finden Annäherungen auf vielerlei Art statt. Belletristik-Autoren arbeiten Motive aus Comics und der Geschichte der Comics in ihre Romane ein oder verfassen selbst Comicgeschichten. Auf der anderen Seite nähern sich Comics durch Graphic Novels formal und inhaltlich klassischen Romanen an. Die Möglichkeiten, in denen sich beide Sphären befruchten können sind – wie es Thomas von Steinaecker mit seinem von Comic-Passagen durchsetzten “Geister” zeigt – vielfältig, und es wird spannend zu sehen, was sich in Zukunft tun wird.
In der ARD-Büchersendung “Druckfrisch” empfahl am Sonntag Abend Moderator und Literaturkritiker Denis Scheck mit blumigen Worten Alan Moores und Melinda Gebbies “Lost Girls” (Cross Cult). Erfreulicherweise zeigt hier auch eine Literatursendung Interesse an Graphic Novels. Bei Denis Scheck überrascht das nicht: Als Moderator der Verleihung des Max-und-Moritz-Preises auf dem Comic-Salon in Erlangen hat er genuines Interesse an Comicgeschichten gezeigt und mit “Fun Home” von Alison Bechdel (KiWi) eine preisgekrönte Graphic Novel selbst ins Deutsch übertragen. Der kurze TV-Beitrag lässt sich hier in der ARD-Mediathek noch einmal ansehen.
Vom 4. bis 6. Dezember wird sich Reinhard Kleist aufmachen in den Süden Deutschlands um dort eine Ausstellung seiner Werke zu eröffnen und zwei Signierstunden abzuhalten. Los geht es am Donnerstag, dem 4. Dezember, wenn er in der Comicbuchhandlung “X für U” in Freiburg von 16 bis 19 Uhr seine Bücher mit Zeichnungen und Signaturen veredeln wird. Weiter geht es tags darauf in Biberach: Der örtliche Kunstverein zeigt im Kunsthaus am Viehmarkt ab dem 5. Dezember bis zum 6. Januar 2009 eine Ausstellung mit Arbeiten aus “Cash – I see a darkness”, “Havanna” (beide Carlsen Comics) und “Elvis” (Ehapa). Abschliessend führt es ihn am 6. Dezember nach Heilbronn, wo er in der Osianderschen Buchhandlung wieder eine Signierstunde abhält: Von 14 bis 18 Uhr wird er vor Ort sein.
Kunstverein Biberach, Komödienhaus am Viehmarktplatz, 88384 Biberach/Riß Öffnungszeiten:
Mittwoch – Freitag 14 – 17 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage 11 – 17 Uhr
Geschlossen: 24./25./31. Dezember 2008, 1. Januar 2009
X für U Buchhandlung, Rempartstr. 7, 79098 Freiburg
Osiandersche Buchhandlung, Fleiner Str. 3, 74072 Heilbronn
“Publisher´s Weekly” hat ein Interview mit der Bibliothekarin Karen Green von der Columbia Universität geführt. Sie spricht unter anderem über ihren eigenen Anfang mit Graphic Novels und den Umgang mit ihnen an amerikanischen Hochschulbibliotheken.
Comics Go to the Ivy League
So I made three arguments. One was increasing exposure in the mainstream critical press, and I brought New York Times and New Yorker reviews [of comics]. I also went into the MLA bibliography and looked up people like Alan Moore and found all the scholarly articles that had been written. I went into the dissertion abstracts database and looked up Art Spiegelman, and saw all the dissertations that were being written on comics. mehr
Falls deutsche BibliothekarInnen mitlesen und etwas zum Thema Graphic Novels in hiesigen Bibliotheken schreiben möchten: Bitte eine e-mail an info@graphic-novel.info.
Auf den ersten Blick ziemlich alltägliche Geschichten. Trotzdem, vielleicht auch ein wenig deswegen, absolut fesselnd, klug und poetisch. Den Autoren gelingt es, durch genaue Beobachtungen, kleine Gesten, originelle Dialoge, Witz und Esprit ihren Charakteren Tiefe und Farbe zu verleihen. mehr
Halbe Wahrheiten, ISBN 978-3-938511-39-8, 104 Seiten, schwarzweiß, Klappenbroschur, 13 Euro, erschienen bei Reprodukt
12 Gründe, dich zu lieben, ISBN 978-3-939585-11-4, 160 Seiten, schwarzweiß, Hardcover, 16 Euro, erschienen bei Modern Tales
Rutu Modans im Juni begonnene Fortsetzungsgeschichte “The Murder of the Terminal Patient” hat mit dem 16. Teil nun ihr Ende gefunden. Wie bereits berichtet erscheinen in der “New York Times” unter dem Titel “The Funny Pages” Woche für Woche Fortsetzungen von Comic-Geschichten, die namhafte Künstler, die für ihre Graphic Novels bekannt sind, gestalten. Nach Seth (“Eigentlich ist das Leben schön”, Edition 52), Daniel Clowes (“Ghost World”, Reprodukt), Jason (“Pssst”, Schwarzer Turm) und Chris Ware (“Jimmy Corrigan”, in Vorbereitung bei Reprodukt) ist dies die inzwischen fünfte dort erschienene Geschichte. Rutu Modan ist hierzulande vor allem für ihre in der Edition Moderne erschienene Graphic Novel “Blutspuren” bekannt.
Auf der dazugehörigen Website sind sämtliche Geschichten im PDF-Format zum kostenlosen Download bereitgestellt. Zusätzlich findet sich dort noch immer eine interaktive Diashow zum Thema Graphic Novels sowie eine Bildergalerie, in der Rutu Modans Schaffen beleuchtet wird.