Martin Zeyn hat für die “taz” vom 28. Februar ein Telefongespräch mit “Watchmen”-Autor Alan Moore geführt, das er unter dem Titel “Nixons sadistische Superhelden” in einem Artikel verarbeitet hat. Auf www.tagesspiegel.de berichtete Wolf von Dewitz am 27. Februar über “Menschen im Morast”.
Vor allem auf amerikanischen und englischen Webseiten und Blogs aber ist “Watchmen” derzeit das große Thema, weltweit kommt die Verfilmung von Zack Synder am 5. März in die Kinos. Ein interessantes Interview mit Alan Moore hat Adam Rogers am 23. Februar für das Magazin “Wired” geführt. Hier spricht Alan Moore ausführlich darüber, warum er Verfilmungen seiner Comics ablehnt: “Legendary Comics Writer Alan Moore on Superheroes, The League, and Making Magic”
“You can also spend as much time as you want absorbing every image. This is especially true of something like Watchmen, where I was trying to take advantage of Dave Gibbons’ brilliant capacity as a former surveyor for including incredible amounts of detail in every tiny panel, so we could choreograph every little thing. The little symbols and signs appearing in the background, every little touch could be choreographed to the last detail, and we knew that the audience—because they’d be reading at their own pace—would be able to study each panel and to take in these almost subliminal details. Even the best director in the world, even a person as talented as Terry Gilliam, could not possibly get that amount of information into a few frames of a movie. Even if they did, it would have zipped past far too quickly. Because the audience at the movie theater is not in control of the experience in the same way somebody reading is.”
Ebenfalls auf wired.com: Adam Rogers spricht mit “Watchmen”-Zeichner Dave Gibbons über die Arbeit an der Graphic Novel und über die Erfahrungen am Set des “Watchmen”-Films: “Artist Dave Gibbons’ Gut Feelings on the Watchmen Movie”
Gerade ist bei Panini Comics mit “Watching the Watchmen – Die Entstehung einer Graphic Novel” rechtzeitig zum Start des Films ein Begleitband zur Graphic Novel erschienen, der Skizzen, Charakterentwürfe und Vorzeichnungen von Dave Gibbons enthält.
Watching the Watchmen, ISBN 978-3-86607-817-8, 284 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, farbig, 34,90 EUR, erschienen bei Panini Comics.
Einen Trailer zum am 5. März in den deutschen Kinos startenden Film gibt es hier zu sehen:
Noch im letzten Jahr erschien bei Horlemann mit “Kampung Boy” eine erste Graphic Novel des aus Malaysia stammenden Autors Lat auf Deutsch. In dem bereits vor über dreißig Jahren erstmals erschienenen Band, der in seiner Heimat als Klassiker zählt, erzählt der Autor vom Aufwachsen in einem Pfahldorf.
Lat erzählt aus dem Leben von Mat, einem muslimischen Jungen, der im ländlichen Malaysia der 1950er Jahre aufwächst: von seinen Abenteuern und Streichen, seiner religiösen Erziehung, seinen Angelausflügen und der Arbeit auf der familieneigenen Kautschuk-Plantage. Doch die traditionelle ländliche Lebensweise im Dorf (Kampung) ist bedroht durch die sich ausbreitenden Zinnminen mit ihren industriellen Arbeitsplätzen. Als Mat dann für den Besuch der weiterführenden Schule in die Stadt gehen muss, kann er nur hoffen, dass sein Kampung nach seiner Rückkehr noch da ist.
Lat öffnet mit seinen kraftvollen und ausdrucksstarken Zeichnungen und den lakonischen Texten ein Fenster zu einer Welt, die heute nahezu verschwunden ist. Der Autor, geboren 1951, ist der wohl bekannteste Cartoonist Südostasiens. Seine regelmäßig im Editorial der „New Straits Times“ veröffentlichten Karikaturen nehmen politische und gesellschaftliche Ereignisse aufs Korn.
Einige Seiten aus dem Buch können in der Internet-Buchdatenbank Libreka eingesehen werden.
Kampung Boy, ISBN 978-3-895022-68-5, 144 Seiten, s/w, 9,90 EUR, erschienen bei Horlemann
Nun erschien auch eine erste Kritik des Bandes. Auf dem Kulturportal www.textem.de schreibt Britta Madeleine Woitschig:
Eine Kapriole der Kulturpolitik
Trotz diverser Sonntagsreden von einer multikulturellen, globalisierten Welt wird unsere mediale Wahrnehmung durch Nachrichten, Reportagen und fiktive Werke von wenigen Ländern für große Regionen geprägt. Was Asien betrifft, wird meist auf die wirtschaftliche Lage Chinas und Indiens referiert; Bollywood hat sich inzwischen in Wohnstuben und Kinosälen ebenso etabliert wie Kunst- und Martial-Arts-Filme aus Japan, Honkong, Südkorea und Taiwan; am geläufigsten sind jedoch Mangas und Anime, vor allem aus Japan – der Rest befindet sich aus unserer westlichen Perspektive im toten Winkel. Dabei haben auch die dortigen Medien ihre Stars.
Der 1951 im ländlichen Malaysia geborene Lat, mit bürgerlichem Namen Mohammed Nor bin Khalid, erreicht in Südostasien mit seinen Karikaturen in Zeitungen wie der „New Straits Times“ und seinen Comics ein Millionenpublikum – während sein Name hierzulande nur Schulterzucken erntet. mehr
Nicolas Mahler (“Die Zumutungen der Moderne”, Reprodukt) und Ulli Lust (“Fashionvictims, Trendverächter”, avant-verlag) werden beim Comic-Festival nextComics in Linz vom 6. bis zum 8. März zu Gast sein. Thema des Festivals sind die Wechselwirkungen zwischen Comics und Film, elektronischen Medien, Musik und Theater. Genauere Informationen finden sich auf der Website des Festivals: www.nextcomic.org.
Das Programm des Festivals lässt sich als PDF-Datei herunterladen (1,5 MB). Sebastian Broskwa von Pictopia wird ebenfalls vor Ort sein, um auf dem Festival die Programme von avant-verlag, Edition 52, Edition Moderne und Reprodukt zu präsentieren.
Vom Stellenwert des Künstlers im dekonstruierten Medium: Art Spiegelmans Selbstporträt “Breakdowns: Portrait des Künstlers als %@*!”
In den 1970er Jahren, an deren Ende Spiegelmans damaliges Werkkompendium erstmals erschien, war die Welt natürlich nicht in Ordnung. Allenfalls die Comicproduktion gestaltete sich, vor allem im amerikanischen Raum, überschaubarer. In Frankreich war der Comic als opulente Buchausgabe längst etabliert, und auch Formexperimente in Magazinen wie “Pilote” und später vor allem in “Métal Hurlant” und “À Suivre” loteten die vermeintlichen Grenzen der Gattung redlich aus. mehr
Nach einem Bombenattentat auf einen Busbahnhof ist es zunächst nicht möglich, eines der Opfer zu identifizieren. Der Taxifahrer Kobi und eine junge Frau versuchen gemeinsam herauszufinden, ob es sich vielleicht um den Vater Kobis handelt. Die in leisen Bildern erzählte und dennoch packende Geschichte aus Israel kombiniert Elemente von Krimi, Alltagsreportage und Liebesgeschichte.
Rutu Modans “Blutspuren” wurde mit einem Eisner Award ausgezeichnet. Sie ist Mitbegründerin des Künstlerkollektivs Actus Tragicus und Mitherausgeberin der israelischen Ausgabe von “MAD”. Ihre Illustrationen erscheinen in renommierten Zeitungen wie der “New York Times”, dem “New Yorker” oder “Le Monde”.
Der Vortrag beginnt um 11 Uhr und wird in englischer Sprache abgehalten.
Am 4. März folgt dann am selben Ort der nächste Vortrag, wenn Comic-Experte Andreas C. Knigge zu Gast sein wird und zum Thema “Mit Bildern erzählen – Leben und Werk Will Eisners” referiert. Beginn ist hier 18.30 Uhr.
Will Eisner ist eine der einflussreichsten Figuren in der Geschichte des US-amerikanischen Comics. Mit seinem maskierten Detektiv The Spirit (die gleichnamige Hollywoodverfilmung kam im Februar 2009 in die Kinos) schuf er eine der erfolgreichsten Figuren der 1940er Jahre. Eisner revolutionierte 1978 das Genre Comic, als seine erste ‘Graphic Novel’ (illustrierter Roman, Comicroman) “A Contract with God” erschien (dt. “Ein Vertrag mit Gott”, erscheint in deutscher Neuauflage im Frühjahr im Carlsen Verlag). Die Alltagsgeschichten, die im jüdischen Einwanderermilieu spielen, spiegeln Eisners persönliche Erfahrungen und Erinnerungen wider. Diesem Band bedeutet für den Comic einen wichtigen Schritt hin zu einem künstlerisch literarisch ernstzunehmenden Medium.
Andreas C. Knigge ist Autor und Journalist, der aber auch selbst gelegentlich Comics schreibt, übersetzt und herausgibt. Mit Will Eisner, den Knigge 1977 kennen lernte, verband ihn eine jahrelange Freundschaft, nachdem er dessen “Spirit” erstmals ins Deutsche übersetzt hatte.
Jüdisches Museum Frankfurt am Main, Untermainkai 14/15, D-60311 Frankfurt am Main
Tel. (069) 212 350 00, Fax (069) 212 307 05 info@juedischesmuseum.de
Öffnungszeiten: Di-So 10-17 Uhr, Mi 10-20 Uhr
Am Sonntag, den 1. März 2009 findet die Berliner Comicbörse in neuen Räumen statt: Im Ellington Hotel, schräg hinter dem KaDeWe in Charlottenburg. Sowohl avant-verlag als auch Reprodukt sind erstmalig mit einem Stand dabei. Fil (“Didi & Stulle”) und Mawil (“Action Sorgenkind”) werden am Stand von Reprodukt signieren, Ulli Lust (“Fashionvictims, Trendverächter”), Kai Pfeiffer (“Plaque”) und Ulrich Scheel (“Die sechs Schüsse von Philadelphia”) nebenan am Stand von avant-verlag.
Auch weitere Zeichner sind zu Signieraktionen angekündigt, unter anderem Reinhard Kleist (“Cash”, “Havanna”, Carlsen), Marie Sann (“Sketchbook Berlin”, Tokyopop) oder Fahr Sindram (“Losing Neverland”). Mit Salleck Publications, Piredda Verlag, Comicwerk, Eidalon oder Inkplosion präsentieren sich viele Verlage zum ersten Mal auf einer Berliner Comicbörse.
Berliner Comicbörse im Ellington Hotel, Nürnberger Str. 50-55, D-10789 Berlin
Tischreservierungen: Carsten Laqua, Tel. (030) 76 70 30 66
email: galerielaqua@aol.com, www.comic-börse-berlin.de
Öffnungszeiten: So 10-15.30 Uhr
Andreas Essl schreibt am 21. Februar auf www.tagesspiegel.de über “Love & Rockets”. Der Artikel war online bereits bei “Die Zeit” erschienen, aber dankenswerterweise wird nun auf die in deutscher Sprache erschienenen Bände verwiesen und auch auf Reprodukt verlinkt.
Frauen sagen, wo’s langgeht
Jaime und Gilbert Hernandez sind Stars der amerikanischen Comic-Buch-Szene. Seit fast 30 Jahren zeigen sie in ihren Heften einen großen Kosmos amerikanischer Realität.
Ganz selten passiert es Autoren, dass aus ihrem ersten Werk ein ganzer Zyklus entsteht, der es erlaubt, Charaktere über Jahre hinweg zu formen, sie dick, weise, faltig werden oder auch sterben zu lassen. Ein narratives Gewebe zu entwerfen und trotzdem neue Ufer anzusteuern. Denn wer hat schon die Kraft, stets dieselbe Geschichte weiterzutreiben. Selbst Harry Potter ist tot. mehr
Mit Jiro Taniguchis “Bis in den Himmel” ist für April 2009 eine weitere deutschsprachige Graphic-Novel-Veröffentlichung des bekannten japanischen Autors angekündigt. Nach “Der Wanderer im Eis”, “Die Stadt und das Mädchen” und dem Fünfteiler “Gipfel der Götter” ist dies im Münchner Verlag Schreiber & Leser nun – je nach zählweise – die fünfte Graphic Novel Jiro Taniguchis, der für seinen bei Carlsen erschienenen Band “Vertraute Fremde” mit der Auszeichnung “Comic des Jahres 2007″ bedacht wurde.
Im nächtlichen Tokio ereignet sich ein Verkehrsunfall, an dem zwei Menschen beteiligt sind: ein 17jähriger Motocross-Champion und ein 42jähriger Familienvater. Einer von beiden überlebt – nur, welcher?
Aus dem Reich der Toten noch einmal zurückzukehren – diesen Menschheitstraum hat Jiro Taniguchi, der Meister der leisen Töne, in einen packenden Bildroman umgesetzt.
Ebenfalls im April erscheint, wie bereits angekündigt, Jiro Taniguchis “Der spazierende Mann” bei Carlsen. Über mangelnden Nachschub kann man sich im Falle von Taniguchi derzeit also alles andere als beklagen.
Bis in den Himmel, ISBN 978-3-941239-10-4, broschiert, 304 S., s/w, 16,95 EUR, erscheint im April 2009
Im Februar erscheint von Michael Meier die Graphic Novel “Die Menschenfabrik” im von ihm mitgegründeten Verlag rotopolpress. Dabei handelt es sich um die Adaption einer Kurzgeschichte von Oskar Panizza aus dem Jahr 1890, die man hier online lesen kann.
Eine nicht näher beschriebene Person wird auf einem Ausflug von der Dunkelheit erfasst und stößt bei der Suche nach einer Unterkunft auf eine Fabrik. Ein kleines Männchen, der Inhaber, öffnet und erklärt, dass es sich hier um eine „Menschenfabrik” handle. Bei einem gemeinsamen Rundgang durch das Gebäude wird deutlich, dass die makabre Benennung zutreffend gewählt ist. In der Fabrik werden tatsächlich Menschen jeden Alters und Geschlechts wie am Fließband produziert. Die anfängliche Neugier des Gastes schlägt schließlich in pure Abscheu um. Im Zentrum steht die moralische Frage einer industriellen Fertigung von Menschen. Ist der Mensch wirklich frei? Darf er zur willenlosen Ware werden?
„Sie können nicht Menschen machen wollen, wie man Brot macht?!“
„In der Tat, in der Tat. Ich akzeptiere ihren Vergleich. Wir machen Menschen, wie man Brot macht!“
Dazu wird es eine Ausstellung mit Originalzeichnungen geben. Eröffnung ist am Freitag den 20.02.2009 um 21 Uhr.
Die Menschenfabrik, 23 x 16,7 cm, 56 Seiten, vierfarbig, 15 EUR
rotopolpress, Friedrich-Ebert-Str. 95, D-34119 Kassel
Tel. (0561) 630 55 83
Die Kollegen von www.comicgate.de haben soeben darauf hingewiesen: Mit www.comic-check.ch gibt es nicht nur für die Schweiz ein neues Comicportal in deutscher Sprache, auf dem in vielen Artikeln, Interviews und Rezensionen auf die ganze Bandbreite der Comics verwiesen wird.
Gegründet wurde es von dem Luzerner Journalisten Dave Schläpfer und Sasa Rasic, die viele Beiträge aus ihren umfangreichen Archiven für das Portal aufgearbeitet haben, so dass man von vornherein auf einen großen Bestand an redaktionellem Material verweisen kann. So gibt es etwa ein aktuelles Interview mit Frank Miller zur Verfilmung von Will Eisners “The Spirit” neben einer Besprechung von Scott McClouds “Comics neu erfinden” (Carlsen, 2002) oder einer aktuellen Rezension von Chester Browns “Fuck”. Auch wenn die Qualität der Beiträge schwankt, bilden Idee und Umsetzung der Website ein sehr erfreuliches Unterfangen.
Mit einem Blick auf den deutschen Markt wäre auch der “Comixene” zu wünschen, dass sie sich zeitgemäß von der Idee des (unregelmäßig erscheinenden) Printmagazins verabschiedet, um die somit frei gewordene Energie in einen spannenden Internet-Auftritt fließen zu lassen, der dem selbsternannten Anspruch nach Aktualität bei einem breiten Themenspektrum gerecht wird.
Jan Oberländer sprach für den Berliner “Tagesspiegel” und “Die Zeit” mit Autor Alan Moore anläßlich der Neuauflage seiner “Jack The Ripper”-Interpretation “From Hell” (Cross Cult).
Tinte ist mein Blut
Jack the Ripper lebt: Alan Moore über seine neu aufgelegte Graphic Novel „From Hell“ – und seinen Klassiker “Watchmen”, der demnächst ins Kino kommt.
Als der Königliche Leibarzt Dr. William Gull in einem düsteren, blutverschmierten Zimmer gerade die Prostituierte Marie Kelly in Stücke schneidet, macht in seinem Kopf irgendetwas klick. Plötzlich befindet er sich in einem modernen Großraumbüro. Computer, Kopierer, Handymenschen. „Wacht auf und schaut mich an!“, ruft Gull. Niemand hört ihn.
Die Vision geht schnell vorüber, aber die Verbindung zur Gegenwart ist hergestellt. In seinem faktengesättigten, aber ausdrücklich fiktiven Comic-Epos „From Hell“ porträtiert der englische Autor Alan Moore den Mann, der 1888 im Londoner Stadtteil Whitechapel fünf Frauen bestialisch ermordete, als „Hebamme des 20. Jahrhunderts“. mehr in “Der Tagesspiegel” und in “Die Zeit”.
Bereits im Januar wurde im “Falter” ein Porträt über den österreichischen Cartoonisten und Comiczeichner Nicolas Mahler (“SPAM”, “Die Zumutungen der Moderne”, beide Reprodukt, “Die Herrenwitz-Variationen”, Edition Moderne) veröffentlicht, das Peter Iwaniewicz geschrieben hat und auf das wir hier gerne auch mit Verspätung hinweisen:
“Wird schon Kunst sein, irgendwie”
Wie begegnet man einem Menschen, dessen Leben in fast allen seinen Publikationen autobiografisch ausgebreitet wurde? Kann man einem Künstler wie Nicolas Mahler überhaupt vorurteilsfrei gegenübertreten und ein differenziertes Porträt schreiben, wenn man doch eh schon alles aus seinen Comics und Cartoons erfahren hat?
Nicolas Mahler lebt bei seiner Mutter, hat zu Heizdecken einen stärkeren erotischen Bezug als zu Frauen, hängt mit seinen Nerd-Freunden in der Comicszene ab und verweigert sich konsequent jedem Kunstestablishment. Darf man diesem Eindruck trauen, oder gilt hier Friedrich Schillers Aphorismus „Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen und siegt Natur, so muss die Kunst entweichen“? mehr
Der in der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” veröffentlichte Beitrag von Martin Frenzel mit dem Titel “Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Eine junge Generation von Zeichnern entdeckt die Graphic Novel neu” wartet gleich mit einigen Merkwürdigkeiten auf. So bleibt die Tatsache, dass der Artikel unter anderem mit dem Cover einer aktuellen “Prinz Eisenherz”-Wiederveröffentlichung illustriert wird, unkommentiert. Das wundert, denn weder handelt es sich dabei um eine Graphic Novel im heute gebräuchlichen Sinn, noch wird im Folgenden irgendein Bezug zur “jungen Generation” hergestellt – Hal Fosters Zeitungscomics erscheinen seit 1937. Desweiteren auf ein in Deutschland nicht veröffentlichtes Buch von Art Spiegelman einzugehen, geht ebenfalls am Thema vorbei. Dessen “Jack and the Box” (Raw Junior) richtet sich zwar tatsächlich an ein junges Lesepublikum, bei einigen anderen im Artikel genannten Titeln ist das aber zumindest strittig (“Rampokan”, avant-verlag; “Der alltägliche Kampf”, Reprodukt). Das ist insofern von Belang, als dass der Artikel auf der Kinder- und Jugendmedienseite erscheint.
Wenn man sich auch sonst allgemein über Berichterstattung und Anerkennung in der überregionalen Presse freut, so hinterlässt diese mangelhafte Darstellung ein großes Fragezeichen, zumal sich Thomas von Steinaecker,Gottfried Knapp oder Christoph Haas in der jüngsten Zeit im Feuilleton der “Süddeutschen Zeitung” erfolgreich um scharf konturierte Artikel zum Thema Graphic Novel bemüht haben. Und nicht zuletzt auch deshalb, weil eine Sammlung von Kurzrezensionen zu Titeln, die zudem noch sehr unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, den besprochenen Büchern kaum gerecht wird.
Thomas von Steinaeckers in der gestrigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” erschienene Besprechung von Peter van Dongens Zweiteiler “Rampokan” (avant-verlag) ist nun auch online lesbar:
Wer naiv ist, hat im Dschungel keine Chance
Erst vor kurzem wurde weltweit „Tim & Struppis” achtzigster Geburtstag als einer der Eckdaten des Comics gefeiert. Der Zeichner und Autor Hergé perfektionierte hier nicht nur einen Stil, der bis heute Schule macht: die Ligne claire, die scharf konturierte Figuren vor höchst realistischen Hintergründen auftreten lässt. In zwei Dutzend Bänden wird darüber hinaus auf phantasievolle Weise eine der großen Zauberformeln der Literatur variiert – die der Abenteuergeschichte. Und die verspricht: Romantik und Action an exotischen Schauplätzen, charmante Helden, schöne Frauen und finstere Schurken. Man kann also bei dem jungen Journalisten und seinem Foxterrier immer das ein oder andere über eine fremde Kultur lernen und wird dabei auch noch wunderbar unterhalten. mehr
Auch in der neuen Online-Version von Elke Heidenreichs Büchersendung “Lesen!” sind Comics für erwachsene Leserschaft kein Thema. In der aktuellen Sendung ist der Schauspieler Michael Kessler zu Gast, mit dem sie sich zwar einem Comic widmet, bei diesem handelt es sich jedoch um die Neuauflage einiger “Lurchi”-Comics, mit denen vor Jahrzehnten Schuhe beworben wurden (“Lurchis Abenteuer – Das lustige Salamanderbuch” von Heinz Schobel, Esslinger Verlag). Elke Heidenreichs Sendung ist inzwischen auf dem am Kölner Literaturfest beteiligten Portal litCOLONY beheimatet, wo auch Bestsellerautor Frank Schätzing über seine Liebe zu “Donald Duck”-Comics zu berichten weiß.
Das soll jedoch nicht heissen, dass es auf der Website keine anständigen Comic-Besprechungen gäbe: Mit Fred Vargas und Edmond Baudoins “Das Zeichen des Widders” (Aufbau Verlag) und Lewis Trondheims und Appollos “Insel Bourbon 1730″ (Reprodukt) werden dort auch einige aktuelle Graphic Novels vorgestellt.
Mit Vorstellungen in seiner ARD-Sendung “Druckfrisch” hat Denis Scheck anspruchsvollen Comics dankbarerweise eine Bresche in der öffentlich-rechtlichen TV-Literaturkritik geschlagen. Dem hatte sich Elke Heidenreich immer verweigert, machte aber aus ihrer Sympathie für Volker Reiches “FAZ”-Strip “Strizz” dabei nie einen Hehl. Man darf also gespannt sein, wie sich das neue Literaturformat im ZDF mit Amelie Fried und Iljoma Mangold, das ab Mai zu sehen sein wird, dahingehend verhält.
Der durch die Verfilmung seines Spartaner-Dramas “300″ auch einem breiten Publikum bekannt gewordene Comicautor Frank Miller hat bei der Verfilmung von “The Spirit” erstmals selbst Regie geführt. Die derzeit in den Kinos zu sehende, hyperstilisierte Adaptation des Comic-Klassikers von Will Eisner steckt zum Teil herbe Kritik ein (Besprechungen in Die Welt und tageszeitung). An der Vorlage soll das weniger liegen: Die von 1940 bis 1952 in US-amerikanischen Sonntagszeitungen erschienenen Geschichten gehören unbestritten zu den Klassikern der Comicgeschichte. (Eine ambitionierte Gesamtausgabe wird derzeit von Salleck Publications verlegt.)
Hierzulande bekannt ist Will Eisner als Autor einer der ersten Graphic Novels: “Ein Vertrag mit Gott”. Diese 1978 erschienene Sammlung von Kurzgeschichten, die Szenen aus dem jüdischen New York erzählen, war bereits 1980 bei Zweitausendeins in einer deutschsprachigen Ausgabe verlegt worden. Im Mai folgt eine Neuauflage bei Carlsen, bei der der Originalband um viele weitere Geschichten ergänzt wurde, die Eisner im Anschluß an “Ein Vertrag mit Gott” anfertigte. Bis zu seinem Tod 2005 war Will Eisner als Comicautor aktiv, zuletzt erschien mit “Das Komplott. Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion” (DVA) auch sein letztes Buch auf Deutsch, eine Aufarbeitung des Mythos um das diffamierende Pamphlet, das traurigerweise immer noch vielerorts Beachtung findet.
Ein Vertrag mit Gott und andere Geschichten, ISBN 978-3-551-75044-0, 528 Seiten, Hardcover, 17,0 x 24,0 cm, s/w, 29,90 EUR, erscheint im Mai bei Carlsen
Passend zur Berlinale ist die erste Ausgabe des neuen Kulturmagazins “Cargo” erschienen. Im Mittelpunkt steht dabei die Sprache des Films, die von zum Teil namhaften Autoren aus verschiedenen, mitunter überraschenden Blickwinkeln betrachtet wird. So beschäftigt sich in der Startnummer Regisseur Christian Petzold (“Die innere Sicherheit”, “Yella”, “Jerichow”) mit einem Comic, den er aus der Perspektive und mit dem Fachvokabular eines Filmemachers untersucht. Er betrachtet dabei mit “Trip nach Hawaii” eine Kurzgeschichte von Adrian Tomine (“Halbe Wahrheiten”), die in der Sammlung “Sommerblond” (beide Reprodukt) erschienen ist, deren Erzähltechnik – Bildausschnitte, Blickwinkel, Szenenfolge – er untersucht.
Auf seinem Blog bei “FAZ.net” untersucht Andreas Platthaus wiederum Christian Petzolds Analyse und erklärt und ergänzt diese aus seinem eigenen Blickwinkel auf die Welt der Comics. Beides interessante Unterfangen.
Derzeit sorgt seine täglich in der der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” erscheinende Serie “Archetyp” wieder für einigen Wirbel unter denjenigen, die ihre religiösen Einstellungen über Humor und Pressefreiheit stellen. Davor machte er vor allem mit seinen mutigen Beiträgen zu den “Mohammed-Karikaturen” von sich reden. Nun ist Ralf König aber nicht nur für Comic-Strips und religiös-politische Statements bekannt, sondern auch für seine seit rund 25 Jahren erscheinenden Graphic Novels – und weil darauf an dieser Stelle noch nicht hingewiesen wurde, soll das ohne besonderen Anlaß nun trotzdem geschehen.
Denn Ralf König ist nicht nur eine feste Größe der deutschsprachigen Comiclandschaft, sondern ebenfalls dafür mitverantwortlich, dass Graphic Novels schon seit Jahrzehnten tausenden LeserInnen bekannt sind, ohne, dass es damals den Begriff dafür gab. Spätestens mit der gleichnamigen Verfilmung von “Der bewegte Mann” (1991), die ein fulminanter Publikumserfolg und mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet wurde und Schauspieler wie Joachim Król, Til Schweiger und Rufus Beck etablierte, wurden seine Comics einem breiteren Publikum bekannt.
Erste Comics hatte der 1960 in Soest geborene König Ende der 70er-Jahre in verschiedenen Underground- und Schwulenzeitschriften veröffentlicht und setzte sich damals schon mit dem Thema Homosexualität auseinander. Dem Thema widmete er sich seitdem in einer Vielzahl von Strips und Comic-Romanen, die meistens komödiantisch angelegt sind, ernsthafte Themen wie AIDS aber nicht ausblenden. Schon seit 1987 erscheinen seine Graphic Novels bei Rowohlt, weitere Titel erschienen bei einer Vielzahl von Verlagen von Eichborn über MännerschwarmSkript bis Carlsen. Seine Bücher erscheinen unter anderem auf Spanisch, Englisch, Italienisch und Französisch.
Im Laufe der Zeit ist Ralf König mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet worden, darunter dem “Prix Alph´Art” für “Wie die Karnickel” auf dem Comicfestival Abgoulême 2005 sowie dem “Spezialpreis der Jury” auf dem Comic-Salon in Erlangen 2006. Ralf König wohnt in Köln und hat eine umfangreiche Website mit einem ausführlichen Lebenslauf, Informationen zu allen Büchern, Preisen, Verfilmungen und vielem mehr.
Der am letzten Wochenende auf dem Comicfestival in Angoulême als “Bestes Album” ausgezeichnete Band “Pinocchio” von Winshluss wird 2010 auf Deutsch erscheinen. Die Rechte an dem ambitionierten Album sicherte sich der Berliner avant-verlag.
Die Geschichte der Holzpuppe “Pinocchio”, die zum Leben erwacht, wurde ursprünglich 1881 von dem Italiener Carlo Collodi erfunden und unter dem Titel “Die wundersamen Abenteuer von Pinocchio” als Buch veröffentlicht. Seitdem gibt es unzählige Versionen des Stoffes, am bekanntesten darunter ist wohl der abendfüllende Zeichentrickfilm der Walt Disney Studios aus dem Jahre 1940. Aber auch im Medium Comic gab es bereits mehrere Adaptionen des bekannten Kinderbuchklassikers.
Keine davon geht so frei und frech mit dem ursprünglichen Material um wie die gerade in Frankreich erschienene und als “Bester Comic” auf dem Comic-Festival in Angoulême ausgezeichnete Version von Winshluss. Er interpretiert die Geschichte mit einem großen Schuss schwarzem Humor. Eine gelungene Neuinterpretation für Erwachsene!
Bereits jetzt können einige Seiten aus dem Buch als PDF-Leseprobe angesehen werden (ca. 1 MB).
Am gestrigen letzten Festivaltag des Comicfestivals im französischen Ângouleme wurden eine Reihe von Comics mit den renommierten Festivalpreisen ausgezeichnet. Darüber hinaus wurde der “Grand Prix de la Ville d´Angoulême” vergeben, der in diesem Jahr an den Franzosen Blutch ging. Dieser Preis bedeutet nicht nur die Anerkennung des Gesamtwerks des Autoren sondern auch, dass der Ausgezeichnete im nächsten Jahr dem Festival als Präsident vorstehen und maßgeblich mitgestalten wird. So waren zuletzt Lewis Trondheim (“Außer Dienst”, Reprodukt) und Dupuy-Berberian (“Monsieur Jean”, Reprodukt) mit der Auszeichnung bedacht worden. “Das ist ein Bekenntnis des Festivals zum anspruchsvollen Comic” schreibt dazu Feuilletonist Andreas Platthaus auf seinem FAZ-Blog. Mit Reprodukt und dem avant-verlag (“Blotch – Der König von Paris”) haben sich just in diesem Frühjahr gleich zwei Verlage daran gemacht, Werke des gebürtigen Strassburgers Blutch (bürgerlich: Christian Hincker) auf Deutsch zu veröffentlichen.
Mit dem zweiten Teil von “Der kleine Christian” (original: “Le petit Christian”) wurde Blutch auch als Autor ausgezeichnet – das Buch wurde als eines von fünf Titeln mit dem Preis “Les Essentiels d’Angoulême” ausgezeichnet. “Der kleine Christian” erscheint im März bei Reprodukt. Desweiteren wurden u.a. Posy Simmonds (“Tamara Drewe”) und Émile Bravo ausgezeichnet. Letzterer wurde für seine Bearbeitung des Funny-Klassikers “Spirou & Fantasio” gewürdigt, der in den nächsten Tagen bei Carlsen erscheint. Im April folgt dann mit “Meine Mutter ist in Amerika und trifft Buffalo Bill” die von Jean Regnaud geschriebene Graphic Novel, die sich an ein jüngeres Publikum wendet.
Der Preis für das Beste Album ging an das düstere und grafisch beeindruckende “Pinocchio” von Vincent “Winshluss” Paronnaud, der in Deutschland hauptsächlich als Mit-Regisseur der Filmversion von Marjane Satrapis “Persepolis” bekannt ist. Ebenfalls ausgezeichnet wurde Joann Sfar, dessen Weiterführung des Kinderbuchklassikers “Der kleine Prinz” – “Le petit Prince” – als essentieller Comic für junge Leser ausgezeichnet wurde. Weitere Werke des umtriebigen Sfar erscheinen auf Deutsch im avant-verlag (“Die Katze des Rabbiners”, “Klezmer”) und Reprodukt (“Donjon”). Eine detaillierte Auflistung der Gewinner kann man sich auf der Website des Comic-Festivals verschaffen.