Auch zu einem weiteren, im September bei Reprodukt erscheinenden Titel, gibt nun eine Leseprobe: “Jenseits”von Kerascoët und Fabien Vehlmann ist eine Geschichte, die sich wie ein modernes Märchen liest.
Es beginnt mit einem heiteren Kaffeetrinken, zu der die junge Dame ihren Schwarm eingeladen hat. Kuchen und heiße Schokolade werden gereicht, und es verspricht ein vergnügliches Rendezvous zu werden. Doch die Idylle schlägt in blankes Entsetzen um, als dicke violette Tropfen von der Decke fallen und alles zusammenzubrechen droht. In letzter Sekunde entkommen die beiden ans Tageslicht, um zu erkennen, dass es nicht ein Haus oder eine Höhle war, aus der sie geflohen sind – hinter ihnen liegt, um ein Vielfaches größer als sie selbst, ein Mädchen leblos im Gras. Eine Reihe weiterer kleiner Geschöpfe entsteigen dem toten Körper, und sie alle müssen sich nun gemeinsam in einer bedrohlichen Natur zurechtfinden.
Um den unvermittelten Umschwung zwischen Freude, Mitgefühl und Grausamkeit kreist “Jenseits” von Kerascoët und Fabien Vehlmann. Die Erfahrungs- und Gefühlswelt eines Kindes wird in eine Figurenkonstellation projiziert, die dem Reich der Märchen entsprungen scheint.
New York, ein Mord auf offener Straße. Der Täter entkommt angeschossen und flüchtet zunächst zu seiner Geliebten. In derselben Nacht entsteht ein bizarres Geschöpf – Prosopopus. Diese fleischgewordene Cartoonfigur tritt in das Leben des Mörders, und durch das Auge der Videokamera, mit der es den Mann zu filmen beginnt, offenbaren sich die Ursachen und Abgründe des anfangs begangenen Verbrechens. Und bald wird klar: Das groteske Wesen verfolgt einen unbarmherzigen Plan.
Prosopopus ist ein spannender, vielschichtiger Thriller, der von einer perfiden Intrige und einem moralischen Dilemma erzählt. Absurde Momente scheinbar unschuldiger Kindlichkeit stehen in krassem Gegensatz zu roher Brutalität. Vor allem das unbeschwerte, stumme Dauerlächeln der Zigarre rauchenden Cartoonfigur wird dabei zum Sinnbild dieser unheimlichen, fantastisch aufgeladenen Geschichte, deren raffiniertem Sog man sich nicht entziehen kann.
Thomas von Steinaecker feiert in der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” Ben Katchors “Der Jude von New York” (avant-verlag) als einen “Höhepunkt in der Geschichte des Comics”.
Lieber Biber
Höhepunkt in der Geschichte des Comics: Ben Katchors Hauptwerk “Der Jude von New York”
Mit überwältigendem Erfolg zeigte vor einiger Zeit eine Ausstellung in Frankfurt die Geschichte einer auf den ersten Blick ungewöhnlichen, in Wirklichkeit aber logischen und sehr folgenreichen Verbindung: die des Comics und des Judentums. Ungewöhnlich vor allem angesichts der zentralen Stellung, die das Bildverbot im Judentum einnimmt. Zugleich logisch, weil im New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts, während der Anfangphase des Comics, im Sprachgewirr der jüdischen Einwanderer Bilder die Kommunikation erleichterten. mehr
In der ersten Septemberhälfte erscheint der von Jean-Claude Denis geschriebene und von Dupuy-Berberian gezeichnete Band “Beinahe reich” (Reprodukt), eine gleichsam amüsante wie melancholische Geschichte über das vermeintliche Glück eines Lottogewinns.
Étienne, ein arbeitsloser Privatdetektiv, hat das große Los gezogen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Er hat im Lotto gewonnen. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, denn Étienne ist dermaßen verwirrt von dieser Fügung des Schicksals, dass er nicht nur seine Orientierung verliert – ihm kommt auch der Lottoschein abhanden. Wer würde da noch behaupten, Fortuna sei ihm hold gewesen?
Das neue Album von Dupuy und Berberian zeigt die beiden Väter von “Monsieur Jean” von einer unbekannten Seite: Mit schwungvollem Strich und in ungewöhnlich stimmungsvoller Farbgebung illustrieren sie ein Szenario ihres Freundes und Kollegen Jean-Claude Denis. Basierend auf einer Kurzgeschichte der drei Autoren entwirft Jean-Claude Denis ein Szenario, in dem Liebe und Existenzangst sich zu der spannenden Frage verdichten, ob Étienne am Ende nun Millionär wird oder nicht.
Ab sofort findet sich dazu auf der Verlagswebsite eine achtseitige Leseprobe, die man sich auch als PDF-Datei (3 MB) herunterladen kann.
Beinahe reich, ISBN 978-3-941099-20-3, 84 Seiten, farbig, 25,5 x 19 cm, Klappenbroschur, 17 EUR, erscheint im September bei Reprodukt
Für die “Frankfurter Rundschau” sprachen Moritz Baumstieger und Steven Geyer mit David Polonsky, der gemeinsam mit Ari Folman für den Animationsfilm in “Waltz with Bashir” und die neu veröffentlichte Buchversion des Films (Atrium-Verlag) verantwortlich zeichnet.
“Wir hatten so viele Kriege”
Der israelische Comic-Zeichner David Polonsky spricht im FR-Interview darüber, wie er den Libanon-Konflikt in einer Bildergeschichte verarbeitete.
Herr Polonsky, Sie sind Jude und Karikaturist, Sie müssen es wissen: Gibt es den berühmten jüdischen Humor wirklich?
Oh ja! Und ich hoffe inständig, dass er in meinen Zeichnungen steckt. Ich will die Einsicht rüberbringen, dass wir alle kleine, ärmliche Wesen sind, die nicht alles können oder wissen. Das ist das typisch jüdische Humorverständnis. Und Humor ist für meine Arbeit das Allerwichtigste! Aber ich mag keinen Holzhammer-Humor, ich bin eher subtil. Obwohl ich manchmal lieber etwas weniger subtil wäre. mehr
Ab sofort verschickt Reprodukt monatlich einen an den Buch- und Comichandel gerichteten Newsletter. Darin wird über aktuelle Aktionen wie Buchpräsentationen, Signieraktionen oder Ausstellungen informiert. Zusätzlich wird auf ausgewählte Artikel und Rezensionen in den Medien sowie auf aktuelle Neuerscheinungen hingewiesen.
Betreut wird der Handels-Newsletter von Sebastian Oehler, der unter anderem den verlagsübergreifenden Graphic-Novel-Flyer initiierte. Interessierte Händlerinnen und Händler können den Newsletter beziehen, indem sie eine Mail mit dem Betreff “Newsletter abonnieren” an handel@reprodukt.com schicken.
Nachdem auf dem Blog des Berliner Verlages Reprodukt bereits das Lettering als integraler Bestandteil des Comicmachens vorgestellt wurde, widmet sich ein neuer Beitrag heute der Übersetzung. Kai Wilksen, tätig für Verlage wie avant-verlag, Reprodukt, Carlsen oder Cross Cult, stellt dort die Besonderheiten der Comic-Übersetzungsarbeit vor. Illustriert wird der Beitrag unter anderem mit Beispielen aus Frederik Peeters “Blaue Pillen” (Reprodukt).
Comics machen: Übersetzung
Schon ein kurzer Blick auf die graphische Literatur in anderen Sprachen macht deutlich, dass es die Comicfreunde ziemlich gut haben, die Englisch und Französisch lesen können. Für alle anderen gibt es zum Glück immerhin mehr und mehr Übersetzungen.
Seit einigen Jahren übersetze ich jetzt Comics, zunächst nur sporadisch, mit den Jahren immer mehr und mittlerweile in einem Umfang, dass es zum wichtigsten Teil meiner Arbeit geworden ist. mehr
Bereits am 8. August in “Die Welt” erschienen: Ein Porträt des Carlsen-Verlegers Klaus Humann, geschrieben von Wieland Freund.
Der Mann, der Harry Potter machte
Klaus Humann ist der erfolgreichste Verleger Deutschlands. Er brachte Joanne K. Rowlings “Harry Potter” wochenlang in die Bestsellerlisten und schaffte dabei eine enorme logistische Meisterleistung. Kaum hatte Harry ausgezaubert, produzierte der Carlsen-Verleger den nächsten Riesenhit: Stephenie Meyer.
Hamburg, Völckersstraße, unweit des Bahnhofs Altona. Hier findet sich ein schönes, altes, mittlerweile von Townhouses umzingeltes Backsteingebäude, in dem, bevor aus der industriellen eine informationelle Gesellschaft wurde, eine Maschinenfabrik untergebracht war. Nur denkt man sich den Schmied, der hier gewiss einmal beschäftigt war, heute am besten nicht als schuftenden Fabrikarbeiter, sondern als tolkieneske Figur, als von der „Edda“ abgeleiteten Fantasy-Heros vielleicht, fundamental bärtig und womöglich einen Zauberhammer schwingend. mehr
Ulrich Tilgner, seit 30 Jahren Korrespondent für den Nahen und Mittleren Osten unter anderem für ARD, ZDF und heute für das Schweizer Fernsehen, hat für die deutsche Neusausgabe von Joe Saccos “Palästina” (Edition Moderne, erscheint im Oktober) ein aktuelles Vorwort geschrieben. Dieser Text lässt sich schon jetzt auf der Website Tilgners nachlesen.
Im Traum war ich wieder unterwegs auf der Strasse zwischen Ramallah und Nablus – auf dem Rücksitz eines Sammel-Taxis eingezwängt zwischen Palästinensern. Dabei bin ich seit Jahren nicht mehr die kurvige Strecke durch die kahle Hügellandschaft vorbei an den alten Dörfern der Palästinenser und den Siedlungen militanter Israelis gefahren. Aber Joe Saccos Zeichnungen haben mich aufgewühlt, wie es kein Fernsehbericht und auch keine Rundfunk- oder Zeitungsreportage schaffen konnte. Es sind die Zeichnungen des sonst nicht Gezeigten, die beunruhigen. Die Banalität der Texte bewegt in ihrer Schonungslosigkeit. Aber erst in der Kombination liegt das Erschütternde, das Erfahrungen und Eindrücke wieder aufbrechen lässt. Kleine Geschichten mit Bildern, die anfangs beliebig und unbeholfen anmuten, treffen die Wirklichkeit gut oder sogar besser als klassische Reportagen. Joe Sacco schafft Zugang zu einem der großen politischen Konflikte der Neuzeit.mehr
In der Rubrik “Auf meinem Nachttisch” des Radio-Literaturmagazins “Bücher” auf WDR 5 stellte am 8. August Comicautor Ralf König (“Hempels Sofa”, Rowohlt) Manu Larcenets vielfach ausgezeichnete Geschichte “Der alltägliche Kampf” (Reprodukt) vor.
Der alltägliche Kampf” erzählt die Geschichte des jungen Fotografen Marco, den immer wieder die Probleme des Alltags einholen. Er hat Schwierigkeiten mit seiner Freundin, seine Eltern altern zusehends, und sein Vater erkrankt an Alzheimer. Auch seine Fotokunst kann er nicht so leicht an den Mann bringen. ”Der alltägliche Kampf” ist eine melancholische, leise erzählte Geschichte über das Erwachsenwerden, die Liebe und ihre Konsequenzen.
Die Sendung lässt sich hier als mp3-Datei herunterladen (Der Beitrag beginnt im letzten Viertel.).
Nachdem es längere Zeit relativ ruhig um den Begriff “Graphic Novel” gewesen war, hat vor allem die Initiative einiger Verlage, ihre Titel mit einem entsprechenden Sticker auszuzeichnen, für willkommenen Wirbel gesorgt. Einen interesanten Beitrag dazu liefert nun Stephan Ditschke auf dem Kulturblog “Klammer auf, Klammer zu”, in dem er der oft statischen Diskussion um Sinn und Unsinn des Begriffs eine kulturtheoretische Note hinzufügt.
Was der Streit um das Label »Graphic Novel« über das Feld der Comics verrät
Im letzten Monat sorgte ein Posting des Marketing-Blogs der Independent-Comic-Verlage, www.graphic-novel.info, für Diskussionen: In Zukunft, so vermeldete man, würden »ausgewählte Bücher« mithilfe eines Stickers auf dem Cover als Graphic Novels ausgezeichnet. Das Thema Graphic Novel ist kein neues, und der Begriff treibt seit einigen Jahren nicht nur in den deutschsprachigen Feuilletons sein Unwesen, sondern hat inzwischen als Genrebezeichnung auch in die Wissenschaft Einzug gehalten. mehr
In den vergangenen Tagen wurden wieder einige Comics und Graphic Novels in der überregionalen Presse und in Internetfeuilletons besprochen.
Thomas Hummitzsch widmete sich bereits am 4. August der Neuauflage von Alan Moores und Eddie Campbells Jack the Ripper-Version “From Hell” (Cross Cult) und schreibt auf der Seite des Onlinefeuilletons “Berliner Literaturkritik” über diese “Höllenfahrt in Schwarz-Weiß”.
Für das online erscheinende “Titel-Magazin” hat sich Alexander Frank am 6. August die beiden bei Schreiber & Leser erhältlichen Bände “blue” und “Liebe und andere Kleinigkeiten” der japanischen Autorin Kiriko Nananan angesehen und fasst sie unter der Überschrift “Preziöse Krisen” zusammen.
In der gestrigen Ausgabe der Frankfurter Rundschau findet sich eine Besprechung von Ben Katchors “Der Jude von New York” (avant-verlag). Ole Frahm, Redakteur und Mitgleid der ArGL (Arbeitsstelle für graphische Literatur) an der Universität Hamburg, sieht den “Klang der Erleichterung” ein zentrales Motiv des Bandes.
Während die Verlage ihre Buchveröffentlichungen für das Herbstprogramm vorbereiten, hat es in den letzten Tagen wieder einige Pressebeiträge über Graphic Novels gegeben.
Unter der Überschrift “Zeichnungen aus dem Krieg” hat Pieke Biermann am 4. August die Graphic Novel-Umsetzung des Films “Waltz with Bashir” (Ari Folman und David Polonsky, Atrium) im Deutschlandradio Kultur vorgestellt. Der Artikel lässt sich hier nachhören.