Graphic Novels
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Monatsarchiv für März 2010

“Tödliche Mischung”

Mittwoch, den 31. März 2010

Lars von Törne auf der Comicseite des “Tagesspiegels” vom 31. März ĂĽber “Gift” von Peer Meter und Barbara Yelin.

Tödliche Mischung

Ihre ersten Bücher erschienen nur in Frankreich. Mit dem gemeinsam mit dem Autor Peer Meter verfassten Meisterwerk „Gift“ kommt Barbara Yelin jetzt auch in deutsche Buchläden.

Dunkle Wolken hängen über der Stadt. Der Himmel ist so bleigrau wie die Fassaden und die Gesichter der Menschen, die geduckt durch die Straßen eilen. Die Atmosphäre auf Barbara Yelins neuen Bildern wirkt bedrohlich und latent gewalttätig, auch wenn noch gar nichts Sichtbares passiert ist. Das ist die Kunst der Berliner Zeichnerin: Sie kann mit dem Bleistift intensive, vielschichtige Stimmungen erzeugen wie nur wenige andere Comic-Künstler. mehr

Comics im Radio und Fernsehen

Mittwoch, den 31. März 2010

Drei Beiträge im Radio und Fernsehen befassten sich in den letzten Tagen mit aktuellen Comicneuerscheinungen sowie einem Titel, der bereits vor rund einem Jahr erschien und nun aus aktuellem Anlass aufgegriffen wird.

In der Sendung “Resonanzen” auf WDR3 stellt Christian Gasser Will Eisners “Ein Vertrag mit Gott” (Carlsen) vor. Der Beitrag lässt sich hier anhören. Die von Flix erstellte Comicumsetzung von Goethes “Faust – Der Tragödie erster Teil” (Carlsen) ist aktueller Buchtipp auf “Das Ding” vom SWR. Auch der Beitrag von Christiane Falk kann online gehört werden.

Bereits am vergangenen Montag strahlte das NDR Kulturjournal einen Bericht ĂĽber Olivier Kas und Alfreds “Warum ich Pater Pierre getötet habe” (Carlsen) aus, in dem der Autor ausfĂĽhrlich zu Wort kommt und einen Missbrauch durch einen katholischen Geistlichen noch einmal rekapituliert. Der Beitrag lässt sich hier online ansehen.

Weitere Sekundärliteratur erschienen

Mittwoch, den 31. März 2010

Neben den vor einigen Tagen vorgestellten SachbĂĽchern zum Thema Comic und Comictheorie ist schon seit einiger Zeit ein weiterer Band erhältlich, der natĂĽrlich nicht verschwiegen werden soll: “Comics – Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums” (transcript), herausgegeben vom Lektor und Doktoranden Stephan Ditschke, der Komparatistin Dr. Katerina Kroucheva und dem Amerikanisten Dr. Daniel Stein, versammelt Aufsätze, die sich Comics von verschiedenen Seiten nähern.

Doch was genau ist eigentlich ein Comic? Mit welchen Mitteln wird in Comics erzählt und Bedeutung transportiert? Welche Formen und Gattungen gibt es, wie haben sie sich entwickelt und welche Stellung nehmen sie in den Kulturen der Gegenwart ein? Diese und viele weitere Fragen beantworten Journalisten, Zeichner und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen am Beispiel von Comics aus über hundert Jahren und unterschiedlichen Kulturkreisen. Der Band bietet so eine umfassende wissenschaftliche Einführung in das weite Feld der Geschichte und Theorie des Comics.

FĂĽr den Berliner “Tagesspiegel” hat Sven Jachmann einen Blick in das Buch geworfen: “Zeichen der Zeit”.

Comics – Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums, ISBN 978-3-8376-1119-9, 366 Seiten, Softcover, 29,80 EUR, erschienen bei transcript

Hayao-Miyazaki-Filmreihe auf arte

Mittwoch, den 31. März 2010

Genau so wie beim Spielfilm gibt es beim Animationsfilm Autoren, die es schaffen, ihren Werken ein unverwechselbare Handschrift zu verpassen und ihnen einen individuell künstlerischen Anspruchs verleihen. Einem der bekanntesten Trickfilm-Autoren widmet der deutsch-französische Kultursender arte ab dem 5. April eine sechsteilige Reihe: Gewürdigt wird der japanische Regisseur, Drehbuchautor und Zeichner Hayao Miyazaki.

Jeweils Montags und Donnerstags werden seine bekanntesten Filme gezeigt, darunter “Mein Nachbar Totoro” (1988), “Prinzessin Mononoke” (1997) und “Chihiros Reise ins Zauberland” (2001). Ergänzt wird die Reihe um eine Dokumentation, die Miyazaki und seine Produktionsfirma Studio Ghibli porträtiert und am 8. April gesendet wird.

Miyazakis Zauberland. Man erkennt den Stil Miyazakis stets daran, wie er aus der Abbildung von Alltagsgegenständen die poetischsten Bilder zaubert. Ob Tiere, die sich in Flugzeuge oder Eisenbahnen verwandeln, oder die immer wieder auftauchenden alten Damen, die auf den ersten Blick so streng und gefährlich wirken und dann doch im Verlauf der Geschichte zeigen, dass sie ein großes Herz haben. Besonders sind auch seine Protagonisten, immer wieder sind die Helden starke Kinder und vor allem toughe Mädchen. Seine Filme weisen wiederkehrende Themenkomplexe auf, sie spielen dort, wo sich Natur und Technik berühren, wo die Welt der Menschen auf die Welt der (Natur-)Geister stößt. Auf welcher Seite sich die Sympathien von Hayao Miyazaki befinden, ist unübersehbar.

Für „Chihiros Reise ins Zauberland“ gewann er neben dem Oscar 2002 den Goldenen Bären bei der Berlinale, 2005 den Goldenen Löwen für sein Gesamtwerk bei den Filmfestspielen von Venedig und eine Oscarnominierung 2006 für „Das wandelnde Schloss“. Miyazaki ist so erfolgreich und sein Werk so prägend, dass das „Time Magazine“ ihn 2005 zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt zählt.

Details zur Reihe und die Fortsetzung des einfĂĽhrenden Textes finden sich auf der Website von arte.

“Der brave Soldat im Ersten Weltkrieg”

Dienstag, den 30. März 2010

Alexandra Kedves schreibt in der heutigen Ausgabe des in ZĂĽrich erscheinenden “Tages-Anzeigers” ĂĽber Jean-Jacques Verneys und Jacques Tardis “Elender Krieg 1914-1915-1916″ (Edition Moderne):

Der brave Soldat im ersten Weltkrieg

Jacques Tardis neuer Comic «Elender Krieg» erzählt eine Art Splattermovie. Ein starkes Buch.

«Putain de guerre!» titelt das Original, das der französische Starzeichner Jacques Tardi 2008, 90 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, veröffentlicht hat. Die Stossrichtung ist klar: Kriegskritik ohne Wenn und Aber. Sie ist seit langem ein grosses Thema des 1946 geborenen KĂĽnstlers, der als Pionier eines neuen Realismus gefeiert wird und nichts schönzeichnet. So gilt der Band «C’Ă©tait la Guerre des TranchĂ©es» («Grabenkrieg») aus dem Jahr 1993 als Hauptwerk Tardis. Es schildert schonungslos das Grauen des Stellungskriegs, den Tardis Grossvater miterlebt hatte. mehr

“Arsen und Sahnetorte”

Dienstag, den 30. März 2010

In der heutigen Ausgabe der “SĂĽddeutschen Zeitung” bespricht Thomas von Steinaecker Peer Meters und Barbara Yelins “Gift” (Reprodukt):

Arsen und Sahnetorte

“Allein der Gedanke, wieder Gift zu haben, machte mich so besonders zufrieden”: Gesche Gottfried tötete 15 Menschen, ein Graphik Novel erzählt die Geschichte der Mörderin.

Es ist ein Verbrechen, das bis heute verstört: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts vergiftet die einigermaĂźen wohlhabende und beliebte Bremerin Gesche Gottfried fĂĽnfzehn Menschen mit so genannter “Mäusebutter”, einer Mischung aus Schmalz und Arsen. Lässt sich hinter dem ersten Mord am eigenen Gatten noch das Motiv einer auĂźerehelichen Affäre der Gottfried vermuten, so bleibt ungeklärt, warum sie im folgenden Jahrzehnt auch ihre Eltern, Kinder, den Bruder und Freunde tötet sowie scheinbar wahllos neunzehn weitere ahnungslose Bekannte mit einer niedrigen Dosis Gift quält. mehr

Graphic-Novel-Aktion bei Carolus in Frankfurt

Montag, den 29. März 2010

Die traditionsreiche und unabhängige Carolus-Buchhandlung in der Frankfurter Innenstadt präsentiert vom 4. April bis zum 3. Mai eine große Auswahl an Graphic Novels in Schaufenster und Laden.

Die Buchhandlung möchte Ihrem anspruchsvollen belletristischen Sortiment damit neue Impulse geben und das Angebot für ihre aufgeschlossene bürgerliche Kundschaft erweitern. Präsentiert werden Bücher aus verschiedenen Verlagen, unter anderem von avant-verlag, Reprodukt, Edition Moderne, S. Fischer Verlage und Carlsen.

Buchhandlungen, die auch Interesse an einer solchen Graphic-Novel-Aktion haben, können sich bei Sebastian Oehler über Einzelheiten informieren.

Carolus Buchhandlung GmbH & Co. KG, Liebfrauenstr. 4, D-60313 Frankfurt am Main
Tel. (069) 13884-0, Fax (069) 292588
service@buchhandlung-carolus.de, www.buchhandlung-carolus.de
Ă–ffnungszeiten: Mo-Fr 10-19 Uhr, Sa 10-18 Uhr

Workshops, ein Seminar und ein Wettbewerb

Montag, den 29. März 2010

Auch in diesem Jahr sind angehende Comiczeichnerinnen und -zeichner zu verschiedenen Seminaren und Workshops eingeladen, in denen sich jeweils ĂĽber mehrere Tage professionelle KĂĽnstler als Lehrer zur VerfĂĽgung stellen.

Den Anfang macht das Comic-Seminar in Erlangen, das gemeinsam vom KulturbĂĽro der Stadt Erlangen (das auch den Comic-Salon ausrichtet) und der Comic-Agentur Contours ausgerichtet wird. Es richtet sich an Zeichner, die bereits ĂĽber einige Routine verfĂĽgen und wird in diesem Jahr vom 28. Mai bis zum 2. Juni stattfinden.

Mit Uli Oesterle (“Hector Umbra”, Carlsen) und Markus Huber (“Nichts von Bedeutung”, Edition Moderne) leiten zwei erfahrene KĂĽnstler unterschiedlicher Couleur diesen Kurs. Weitere Details finden sich auf der Seminar-Website.

In diesem Sommer – genauer vom 1. bis zum 10. Juli – geben der Pariser Zeichner Yassine und der Berliner Mawil (“Die Band”, Reprodukt) einen deutsch-französischen Comic-Workshop in Leipzig. Die Kooperation vom Deutsch-Französischen Forum junger Kunst mit der Sommerakademie Leipzig findet bereits zum dritten Mal statt und endet mit einer groĂźen Abschlusspräsentation der beim Workshop entstandenen Arbeiten.

Comic- und Zeicheninteressierte finden genaue Informationen auf der zugehörigen Website.

Ein weiterer Comic-Workshop wird im Rahmen des “Schwäbischen Kunstsommers” angeboten. Zwischen dem 31. Juli und dem 8. August wird die Hamburger Comicautorin Line Hoven (“Liebe schaut weg”, Reprodukt) einen Kurs leiten, in dem sie in die Kunst der Comic-Erzählung einfĂĽhrt. Basierend auf einem bestehenden Text richtet sich der Fokus auf die Comic-Umsetzung, technische Vorgaben gibt es dabei nicht. Auf Wunsch fĂĽhrt Line Hoven aber in die von ihr bevorzugte Schabkartontechnik ein.

Auch hier können ausführliche Informationen auf der dazugehörigen Website nachgelesen werden.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis auf einen Wettbewerb:

In Zusammenarbeit mit dem Comic-Salon Erlangen richtet die Filmzeitschrift cinearte einen Zeichenwettbewerb aus. Das Thema ist frei gehalten: Es geht um die Verbindung zwischen Comic oder Cartoon und Film. Willkommen ist jede Einreichung, die auf ein A4-Blatt passt. Die Gewinner werden im Rahmen einer Sonderausstellung auf dem Comic-Salon ausgestellt, als Hauptpreis winken 500 Euro sowie die Aussicht auf eine Mitarbeit im Magazin. Weitere Informationen sowie das Anmeldeformular finden sich auf der Website von cinearte. Einsendeschluss ist der 2. Mai 2010.

“Ein Schmuddelkind wird hoffähig”

Sonntag, den 28. März 2010

Am kommenden Montag stellt Christian Möller in der Sendereihe “Scala” auf WDR 5 nicht nur die Neuerscheinungen “Ein Vertrag mit Gott” von Will Eisner (Carlsen), “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens” von Ulli Lust (avant-verlag) und “Gift” von Peer Meter und Barbara Yelin (Reprodukt) vor, sondern hinterfragt auch Sinn und Zweck des Begriffs “graphic novel”. Die Sendung läuft am 29. März von 12.05 bis 13 Uhr.

Ein Schmuddelkind wird hoffähig
Der Boom der “graphic novel”

Dass Comics mehr sind als lustige Bildergeschichten fĂĽr Jugendliche, ist eine Erkenntnis, die sich auch in Deutschland immer mehr durchsetzt – ob im Feuilleton oder im Buchhandel. Im Zentrum stehen dabei “graphic novels” – Comics, die sich mit der Wahl ihrer Themen und einer anspruchsvollen, manchmal experimentellen Erzählweise vor allem an ein erwachsenes Publikum richten. Und oft auch vom Umfang her weit entfernt sind vom Heftchen am Kiosk. mehr

Neue Comicverfilmungen

Samstag, den 27. März 2010

Nicht nur Superheldenstoffe sind seit einigen Jahren zunehmend Grundlage fĂĽr erfolgreiche Hollywood-Blockbuster, auch Independent-Stoffe wie “Scott Pilgrim” werden neuerdings hoch gehandelt. Twitter-Reaktionen auf den vor wenigen Tagen veröffentlichten Trailer zu “Scott Pilgrim vs. the World” – nach der gleichnamigen Serie von Bryan Lee O’Malley, erschienen bei Oni Press (deutsch bei Panini) – signalisieren bereits im Vorfeld einen weiteren Erfolg an den amerikanischen Kinokassen.

Aber auch europäische Filmemacher nehmen sich mehr und mehr Themen an, die ursprĂĽnglich als Comics veröffentlicht wurden – aktuell Luc Besson, der Jacques Tardis “Adeles ungewöhnlichen Abenteuer” als Realfilm umgesetzt hat (der Film kommt am 14. April in die französischen Kinos).

Oder Stephen Frears, der mit “Tamara Drewe” den ursprĂĽnglich im britischen “Guardian” vorveröffentlichten, gleichnamigen Comic von Posy Simmonds adaptiert. “Tamara Drewe”, mit Gemma Arterton in der Hauptrolle, soll 2011 in die Kinos kommen.

Oder auch Sam Garbarski, der nun “Vertraute Fremde” (“Quartier Lointain”/”Harukana Machi-E”) nach dem Manga von Jiro Taniguchi als belgisch-französisch-deutsche Filmproduktion realisiert hat – auch den frei ĂĽbertragenen Titel von Carlsen hat man fĂĽr die deutsche Fassung ĂĽbernommen.

Wie die Filmfirma X-Verleih und kino.de bekannt geben, wird die Realverfilmung von “Vertraute Fremde” bereits am 20. Mai in die deutschen Kinos kommen. Unter der Regie von Sam Garbarski (“Irina Palm”, mit Marianne Faithful) spielen Alexandra Maria Lara, Jonathan ZaccaĂŻ, LĂ©o Legrand und Pascal Greggory in den Hauptrollen.

Sam Garbarski, der mit seiner umwerfend komischen „Irina Palm“ einst einen Publikumsliebling der Berlinale zauberte, wagt nun die europäische Umsetzung des mehrfach ausgezeichneten Manga-Comics von Jiro Taniguchi. Der Plan gelingt, die universelle Geschichte funktioniert bestens auch im hiesigen Kulturkreis. Erzählt wird vom Comiczeichner Thomas, den es durch Zufall in den Ort seiner Kindheit verschlägt. Auf wundersame Weise findet er sich plötzlich in der Vergangenheit wieder und erlebt als 14jähriger seine Jugend nochmals neu – freilich mit dem Wissen eines Erwachsenen. Einfühlsam inszeniert und mit überzeugenden Akteuren gelingt ein charmant surreales Drama der sympathisch sensiblen Art: Wer würde nicht einmal gerne auch so einen kleinen Ausflug zurück in die Jugend machen?

Zwei neue Sekundärliteraturbände

Freitag, den 26. März 2010

Gleich zwei neue, umfangreiche Theoriewerke befassen sich mit dem Thema Comics und nähern sich ihm von unterschiedlichen Seiten. Ole Frahm, Mitarbeiter der Arbeitsstelle fĂĽr Graphische Literatur an der Universität Hamburg und Verfasser vieler theoretischer Schriften, schreibt in seinem in der Reihe “Fundus” als Band 179 erschienenen Werk ĂĽber “Die Sprache des Comics” (Philo Fine Arts). Der Band ist ab sofort erhältlich.

Comics, argumentiert Ole Frahm, lassen sich nur verstehen, wenn man die ihnen eigene parodistische Ästhetik in den Blick nimmt – eine Ästhetik, die die rassistischen, sexistischen und klassenbedingten Stereotypien des 20. Jahrhunderts zugleich reproduziert und reflektiert (so etwa den Antisemitismus in Hergés Tim und Struppi). Eine Ästhetik aber auch, die sich auf jeden Fall in Anschlag bringen ließe gegen die nicht nur in Deutschland bis heute favorisierten Vorstellungen eines Gesamtkunstwerkes, gegen die immer wieder geäußerte Angst vor der Bilderflut und nicht zuletzt gegen ein verkürztes Massenkulturverständnis. Indem er die Provokationen des Phänomens Comic ebenso ernst nimmt wie ihre politischen Implikationen, gelingt Frahm schließlich das scheinbar Unmögliche: Er liefert eine Ästhetik des Comics.

Im Juni erscheint ein weiterer Band, der sich dem Thema Comic von wissenschaftlicher Seite nähert. “Theorien des Comics” (Transcript), herausgegeben von der Soziologin Dr. Barbara Eder, den Komparatistinnen Elisabeth Klar und Martina Rosenthal sowie dem Film- und Medienwissenschaftler Dr. RamĂłn Reichert, versammelt eine Reihe von Texten, die Comics unter verschiedenen Aspekten beleuchten.

Sin City, Persepolis, X-Men oder The Dark Knight – Comic-Verfilmungen sind in aller Munde und tragen zweifellos zur Steigerung des Interesses an ihren jeweiligen Vorlagen bei. Obwohl sich die Grenze zwischen Hoch- und Populärkultur längst aufgelöst hat, muss man mit Blick auf die Bild-, Kultur- und Medienwissenschaften konstatieren: Eine Theorie des Comics fehlt bislang. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Hybridisierung im Bereich von Medien, Kunst und Kultur betont dieser Reader das medienreflexive, narrative und politische Potenzial der jungen Kunstform und schließt jene Lücken, die im akademischen Diskurs über den Comic bestehen. Er versammelt maßgebliche Theorien des Comics der Themenbereiche »Transmedialität«, »Erzähltheorie«, »Interaktive Medien«, »Visuelle Kultur« und »Queer Theory«.

Die Sprache des Comics,  ISBN 978-3-86572-656-8, 380 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 22 EUR, erschienen bei Philo Fine Arts

Theorien des Comics – Ein Reader, ISBN 978-3-8376-1147-2, ca. 300 Seiten, Hardcover, ca. 28,80 EUR, erscheint im Juni bei Transcript

Graphic Novels in Bibliotheken

Donnerstag, den 25. März 2010

Wie jede andere Form von Literatur gehören Graphic Novels (und Comics im Allgemeinen) in jede Bibliothek.

Im Heft 253 der “Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft” (Hg. Konrad Umlauf, ISSN 1438-7662) erschien bereits 2009 die umfangreiche Facharbeit des Berliner Universitätsbibliothekars Matthias Harbeck unter dem Titel “Das Massenmedium Comic als Marginalbestand im deutschen Bibliothekssystem? – Analyse der Sammlungsstrategien und -absprachen in wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken”. Seine Untersuchungen fĂĽhren ihn allerdings zu einem wenig positiven Fazit:

“Dabei lautet die These dieser Arbeit, dass im Vergleich zum Ausland wichtige Entwicklungen zu einem GroĂźteil an den deutschen Bibliotheken – öffentlich wie wissenschaftlich – vorbeigegangen sind: Nach wie vor existiert keine einzige Spezialabteilung fĂĽr Comics an einer der groĂźen Universalbibliotheken Deutschlands. Verschwindend wenige Bibliotheken verfĂĽgen ĂĽber ein ausgeprägtes Sammelprofil im Bereich Comics, ein Bewusstsein fĂĽr ihre wissenschaftliche oder gesellschaftliche Bedeutung ist kaum nachzuweisen.”

Universitätseinrichtungen wie die Bibliothek der “Arbeitsgemeinschaft fĂĽr Graphische Literatur (ArGL)” an der Universität Hamburg sowie öffentliche BĂĽchereien mit umfassendem Comicbestand oder Einrichtungen wie die Berliner Comicbibliothek Renate sind die Ausnahme. Ein Blick in die USA zeigt, dass man dort in Bezug auf Comics dem Bibliothekswesen in Deutschland einige Jahre voraus ist. So berichtete die Bibliothekarin Michele Gorman auf graphicnovelreporter.com in “Ten years of getting graphic” ĂĽber ihre Erfahrungen bei der Etablierung von Graphic Novels als festem Bestandteil von Bibliotheken:

“So now it’s 2010 and I think we can all safely agree on one thing: Graphic novels are not a phase. I prefer to think of what has happened in the last decade as a shift—a shift in perspective and attitude; a shift on the part of librarians, educators, parents, administrators, publishers, and even young people. This shift has allowed people to open their minds to a new medium for visual storytelling.”

In den USA haben sich an vielen Bibliotheken vor allem Graphic Novels als eigene Kategorie etabliert. Sekundärliteratur gibt Bibliothekaren wichtige Informationen fĂĽr den Aufbau eines Graphic-Novel-Bestandes: Sortiment, Sortierung, Systematik stehen im Mittelpunkt von Francisca Goldsmiths BĂĽchern “Graphic Novels Now: Building, Managing, and Marketing a Dynamic Collection” und “The Readers’ Advisory Guide to Graphic Novels”. Ă„hnlich ausgerichtet sind zwei Titel von David S. Serchay: “The Librarian’s Guide to Graphic Novels for Adults.” und “The Librarian’s Guide to Graphic Novels for Children and Tweens.”. Solche Titel fehlen im deutschsprachigen Raum.

Im vergangenen Jahr gab es zwar ein themenbezogenes Heft der Zeitschrift “klj&m – forschung.schule.bibliothek” unter dem Titel “Harr! Harr! Comic in Kinder- und Jugendliteratur”, die darin enthaltenen Texte waren aber kaum auf die praktische Bibliotheksarbeit ausgerichtet und beleuchten hauptsächlich das Segment Comics fĂĽr junge Leserinnen und Leser. Das Vorbild USA zeigt, dass Graphic Novels fĂĽr Jugendliche und Erwachsene in Bibliotheken gehören; die dazugehörige Sekundärliteratur zeigt einen möglichen Weg dorthin.

Bibliotheken, die sich über Graphic Novels informieren möchten, können sich gerne an Sebastian Oehler wenden.

“Rembetiko” von David Prudhomme

Donnerstag, den 25. März 2010

Zum Comic-Salon Erlangen vom 3. bis zum 6. Juni 2010 werden, wie alle zwei Jahre wieder, viele Comiczeichner nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus vielen anderen europäischen Ländern und aus Übersee von den Verlagen eingeladen.

Am Stand von Reprodukt werden in diesem Jahr aus Frankreich KerascoĂ«t (Marie Pommepuy und SĂ©bastien Cosset, “Jenseits”), Marc-Antoine Mathieu (“Der Ursprung”), David Prudhomme (“Plastik Madonna”, mit Pascal RabatĂ© – erscheint in KĂĽrze bei Carlsen) und Bastien Vivès (“Der Geschmack von Chlor”) zu Gast sein. Grund genug, das ursprĂĽnglich fĂĽr eine Veröffentlichung im Herbst 2010 geplante Album “Rembetiko” von David Prudhomme vorzuziehen und schon im Juni – also rechtzeitig zum Comic-Salon Erlangen – vorzulegen. Eine zwanzigseitige Leseprobe gibt es jetzt vorab zum Download (8,2 MB): “Rembetiko”

Im aktuellen Newsletter des Buchservice Passe-Partout schreibt Kai Wilksen ĂĽber “Rembetiko”:

Es gibt BĂĽcher, geschriebene und gezeichnete, die sind ein kleines Wunder. Man taucht so tief in ihre Geschichte und ihre Atmosphäre ein, dass man sie wie ein Erlebnis in Erinnerung behalten wird. RĂ©bĂ©tiko (La mauvaise herbe) ist so ein Buch. Geschildert werden vierundzwanzig Stunden im Leben von fĂĽnf Musikern im Piräus des Jahres 1936, als der Rembetiko noch eine subversive Kraft entwickelte, die vom gerade an die Macht gekommenen Regime gefĂĽrchtet und bekämpft wurde. Stavros, Markos, Batis, Artemis und ‘Chien’ ziehen durch die Stadt, trinken, rauchen Haschisch, haben Probleme mit Frauen, Ganoven und Polizisten – und spielen natĂĽrlich ihre Musik, den “griechischen Blues”. David Prudhomme erzählt all das so eindringlich wie beiläufig. Vor allem aber hat er in diesem Buch seinen flächigen Zeichenstil durch eine nuancenreichere LinienfĂĽhrung und eine leuchtende Farbgebung, die das strahlende mediterrane Licht ebenso einfängt wie die Schatten der schummrigen Hafentavernen, zu einer Bildsprache weiterentwickelt, die eine Intensität erzeugt, so hypnotisch wie der Rembetiko selbst.

Rembetiko, ISBN 978-3-941099-56-2, 104 Seiten, farbig, 29 x 22,5 cm, Klappenbroschur, 20 EUR, erscheint im Juni bei Reprodukt

Graphic Novels in den Medien – März 2010 (2)

Mittwoch, den 24. März 2010

FĂĽr das in Ă–sterreich erscheinende Magazin “springerin – Hefte fĂĽr Gegenwartskunst” hat Martin Reiterer Ulli Lusts autobiografischen Band “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens” (avant-verlag) vorgestellt und stellt dabei heraus, wie die Autorin Inhalt und Form gelungen miteinander verschränkt. Auf ihrer Website verweist Ulli Lust auf zwei weitere Besprechungen: Eine von Christian Gasser im Berner “Bund”, die andere von Thorsten Enning im MĂĽnsteraner Obdachlosen-Magazin “drauĂźen”.

Auf der Website der “Deutschen Welle” schreibt Stefan Pannor ĂĽber die neu erschienene Goethe-Umsetzung “Faust – Der Tragödie erster Teil” von Flix, die zuerst in täglichen Folgen in der “FAZ” erschienen war, und berichtet von einer Autorenlesung von “Faust als Comic-Parodie”, die am Rande der Leipziger Buchmesse stattfand.

In “BĂĽcher – Das Literaturmagazin” auf WDR5 hat Christian Möller “Tamara Drewe” (Reprodukt) vorgestellt und resĂĽmiert, der Autorin Posy Simmonds ist “mit diesem formal ungewöhnlichen Comic ein psychologisch genaues, wunderbar maliziöses Sittenbild der britischen Mittelklasse gelungen, das vor allem durch die Souveränität ĂĽberzeugt, mit der die Mittel grafischen Erzählens ausgeschöpft werden.”

“Ein anderer Traum von Israel” ist Ben Katchors “Der Jude von New York” (avant-verlag), stellt Thomas Hummitsch in seiner Besprechung auf rezensionen.ch fest.

FĂĽr das Rezensionsforum literaturkritik.de hat Fabian Kettner die bei Carlsen erschienene Neuauflage von Craig Thompsons “Blankets” besprochen und entdeckt die “Versöhnung mit der Endlichkeit” als Quintessenz des Buches.

“Man könnte sagen, dass der Verzicht auf narrative Sicherheiten in diesem Buch jenen Gefahren zu entkommen versucht, die die identitären Sicherheiten bedeuten.” schreibt Sven Jachmann auf tagesspiegel.de ĂĽber Martin BĂĽssers “Der Junge von nebenan” (Verbrecher Verlag) in “Lust und Terror”. Das Buch gefällt ihm.

“Bild ist Text und Text wird Bild” schreibt ein Anonymus in der österreichischen “Kleinen Zeitung” und befasst sich dort mit dem Wesen der Graphic Novel. Dabei stellt er fest, dass das Label “Graphic Novel” nicht per se ein Qualitätssiegel ist fĂĽr das, was sich zwischen zwei Buchdeckeln in Comicform findet und schlieĂźt: “Deshalb ein Tipp: Die Buchdeckel einfach öffnen.” Dem kann man sich nur anschlieĂźen.

“Kapitän Scharlach” von David B. & Emmanuel Guibert

Mittwoch, den 24. März 2010

Im April erscheint beim Berliner avant-verlag  mit “Kapitän Scharlach” ein neuer Band von David B. (“Babel”, avant-verlag) und Emmanuel Guibert (“Alans Krieg”, Edition Moderne).

Emmanuel Guibert und David B. lieben Wörter und Bilder. Ganz besonders die von Marcel Schwob, der 1905 mit 38 Jahren starb. Schwob war einer der großen Gelehrten seiner Zeit. Er wird in Chaville bei Paris in eine großbürgerliche Familie von Rabbinern und Ärzten geboren. Sein Onkel bekleidete das Amt des Leitenden Bibliothekars der Bibliothèque Mazarine; er selbst wird sämtliche Bücher verschlingen.

Schwob liebt die Sprache; den mittelalterlichen Argot des Dichters und Räubers François Villon, dem er geistreiche Studien widmet; die Sprache François Rabelais’, über den er ebenfalls schreibt. Schwob liebt alle Sprachen und alle Geschichten: das Altgriechische der klassischen Philosophen, die Märchen und Legenden des buddhistischen Fernen Ostens, die höfischen Romane um die Tafelrunde. Aus diesen Gedankenwelten nährt Schwob seine Phantasie, aus ihnen schöpft er die Ideen, verwebt die Kulissen, entlehnt seine Worte für Das gespaltene Herz, Der verschleierte Mann, Der König mit der goldenen Maske, Das blaue Land, Novellen, so fein gearbeitet wie kostbare Juwelen.

Aber nun wird dieser Marcel Schwob zur Hauptfigur dieses Albums von David B. und Emmanuel Guibert: Marcel Schwob wird mit zahlreichen mysteriösen Morden konfrontiert. Es scheint als wäre eine seiner Romanfiguren zum Leben erweckt worden. Und tatsächlich: Die Piraten sind in Pairs eingefallen! Ein Dreimaster gleitet zwischen den Fassaden des Faubourg Saint-Germain. An Bord entfesselt Kapitän Scharlach Blitze und Kanonenschüsse.

Nehmen Sie sich in Acht vor der stürmischen Phantasie des David B. und den getuschten Windstößen des Emmanuel Guibert. Sie lassen die Köpfe fliegen.

Kapitän Scharlach, ISBN 978-3-939080-42-8, Softcover, 64 Seiten, vierfarbig, 19,95 EUR, erscheint im April bei avant-verlag

Illustrierte ReisefĂĽhrer

Dienstag, den 23. März 2010

Der belgische Comicverlag Casterman kooperiert mit dem Reisebuchverlag Lonely Planet. So sind nun (leider nur auf Französisch) vier Stadtreiseführer erscheinen, die mit Comicillustrationen geschmückt sind. Zum Beispiel mit Hugo Pratts Corto Maltese (deutsche Titel bei Kult Editionen) durch Venedig – eine reizvolle Idee.

Das darf gerne fĂĽr den deutschen Markt aufgegriffen werden: Mit Reinhard Kleist (“Castro”, Carlsen) durch Havanna, Simon Schwartz (“drĂĽben!”, avant-verlag) durch Berlin, Kati Rickenbach (“Filmriss”, Edition Moderne) durch ZĂĽrich oder Barbara Yelin (“Gift”, Reprodukt) durch Bremen: Viele Kombinationen bieten sich an.

Dank an Forbidden Planet International fĂĽr den Hinweis.

“Der Tod des Paters”

Montag, den 22. März 2010

L. Sander in der “taz” vom 22. März ĂĽber “Warum ich Pater Pierre getötet habe” von Olivier Ka (Text) und Alfred (Zeichnungen), erschienen im Carlsen Verlag.

Der Tod des Paters

MISSBRAUCH In einem Comic hat ein Franzose seine Erfahrungen mit einem Priester aufgearbeitet

Lange vor den öffentlichen Skandalen hat Olivier Ka seinen Dämon exorziert: Pater Pierre, der Priester, der ihn als Kind missbrauchte. In der autobiografischen Graphic Novel stirbt Pierre immer wieder, doch es scheint, als würde Olivier sterben. mehr

5 ZeichnerInnen zum Signiertermin bei Thalia im Alexa, Berlin

Montag, den 22. März 2010

Am Samstag, dem 27. März findet in der Thalia-Filiale im Alexa am Alexanderplatz in Berlin eine Signierstunde mit gleich fĂĽnf Berliner Comiczeichnern statt – zu diesem Anlass werden auch die Neuerscheinungen “Gift“ von Peer Meter & Barbara Yelin (Reprodukt) sowie “Faust“ von Flix (Carlsen) präsentiert.

Mawil (“Action Sorgenkind“, Reprodukt), Barbara Yelin (“Gift“, Reprodukt), Flix (“Faust“, Carlsen), Reinhard Kleist (“Cash – I See a Darkness”, Carlsen) und Ulli Lust (“Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“, avant-verlag) werden am 27. März bei Thalia anwesend sein und ihre BĂĽcher mit Signatur und Zeichnung versehen. Die Signierstunde bei Thalia im Alexa beginnt um 13 Uhr.

Thalia im Shopping Center ALEXA, GrunerstraĂźe 20, D-10179 Berlin
Tel. (030) 275 816 20, Fax (030) 275 816 210
email: thalia.berlin-alexa@thalia.de, www.thalia.de
Ă–ffnungszeiten: Mo-Sa 10- 21 Uhr

Graphic Novels fĂĽr Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 nominiert

Montag, den 22. März 2010

In der Nominierungsliste fĂĽr den “Deutschen Jugendliteraturpreis 2010″ finden auch in diesem Jahr Graphic Novels Beachtung. Nachdem im letzten Jahr Shaun Tan mit “Ein neues Land” (Carlsen) und 2008 Gipi mit “5 Songs” (avant-verlag) nominiert waren – und Shaun Tan 2009 mit einem anderen Titel einen der Preise gewinnen konnte – sind es in diesem Jahr Nadja Budde, Simon Schwartz, sowie Jean Regnaud und Emile Bravo, die mit insgesamt drei Graphic Novels nominiert sind.

Das von den Franzosen Jean Regnaud getextete und von Emile Bravo zeichnerisch umgesetzte “Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen” (Carlsen) ist in der Kategorie Kinderbuch nominiert, Simon Schwartz mit seinem Buch “drĂĽben!” (avant-verlag) in der Kategorie Sachbuch und Nadja Budde mit “Such Dir was aus, aber beeil Dich” (Fischer) bei den JugendbĂĽchern.

Die mit jeweils 8.000 Euro dotierten Preise werden auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober verliehen.

FĂĽnf Fragen: Bettina von BĂĽlow / Spirograf

Freitag, den 19. März 2010

Das zunehmende Interesse an Graphic Novels zeigt sich nicht nur in der breiteren Präsenz dieser Titel im Buchhandel. Auch im Verlagswesen ist ein Wandel zu beobachten. Ein Beispiel hierfür: Bettina von Bülow, die mit ihrem Unternehmen Spirograf als Literaturscout die Märkte im In- und Ausland beobachtet. Was in Bezug auf Belletristik nicht unüblich ist, ist hinsichtlich anspruchsvoller Comics ein Novum. Grund genug, einmal nachzufragen, was es damit auf sich hat. Vielen Dank an Bettina von Bülow für die ausführlichen Antworten!

Was genau macht ein Literaturscout, und wer nimmt Ihre Dienste in Anspruch?

Ein literarischer Scout beobachtet einen Buchmarkt und berichtet seinen Kunden – in der Regel Verlagen – in Reading reports (ausführlichen Gutachten) über einzelne Titel, die sie zur Übersetzung empfehlen. Scouts knüpfen Verbindungen zu den Agenten, informieren über Trends und neue Autoren. Klassischerweise arbeitet ein Scout für einen Verlag in einem Land – ein Scout in Paris sucht beispielsweise für einen deutschen Verlag nach interessanten französischen Titeln und empfiehlt sie in Gutachten. Und wenn er oder sie gut im Geschäft ist, scouten sie auch für Häuser in Italien oder England. Gerade aber für unabhängige oder kleinere Verlage ist jeweils ein eigener Scout in Paris, Mailand, London und New York viel zu teuer, auch wenn Scouts gerade für literarische Listen äußerst wichtige Trüffelschweinchen und Kommunikationsanbahner sind.

Auf spirograf stelle ich das klassische Scouting ein wenig vom Kopf auf die Füße, indem ich nicht für einen einzigen Verlag exklusive Informationsdienstleistung betreibe, sondern redaktionell Titel vor allem aus kleineren Verlagen auswähle – Graphic Novels und deutschsprachige Romane – und sie vorstelle. Es sind Titel, von denen ich meine, dass sie tauglich/interessant/neu/großartig für ausländische Buchmärkte oder eine Entdeckung für die Leser dort sein können.

Markt, Werbung und Informationsströme werden viel zu sehr von den großen Playern des Verlagsgeschäfts beherrscht, da kann ein Blick in die Nischen nur belebend sein. Und Graphic Novels scoutet sonst niemand. Das Konzept ist sinnvoll für alle Beteiligten, denn einzelne Titel bekommen internationale Bekanntheit bei den professionellen Lesern und die Verlage Gutachten zu relevanten fremdsprachigen Titeln. Um die Reports auf spirograf lesen zu können, muss man Abonnent sein.

Die Scouting-Tätigkeit geht in drei Richtungen: vom fremdsprachigen Ausland nach Deutschland und umgekehrt. Zusätzlich reisen die Titel zwischen anderen Ländern hin und her. spirograf versammelt die Kompetenz unterschiedlicher MitarbeiterInnen und schreibt in zwei Sprachen, deutsch und englisch. Deshalb geht das Konzept auf.

Vorrangig sind Verlage die Kunden und Partner von literarischen Scouts. spirograf wendet sich darüber hinaus an die Einkäufer von Filmrechten (für die deutschsprachige Literatur), an Redakteure und Institutionen.

Wie sind Sie auf Graphic Novels aufmerksam geworden?

Ich gehöre nicht zu den Lesern, die von Kindertagen an Comics verschlungen und geliebt haben. Literatur, ja. Viele Jahre habe ich mich professionell ausschließlich mit Literatur der Gegenwart beschäftigt – Kunst und auch Film liefen als Passion im Hintergrund. Ich hatte mich eigentlich sehr gemütlich in einer soliden, kenntnislosen Vorurteilsstruktur eingerichtet, was die Möglichkeiten des zeichnenden Erzählens angeht. Bis ich eines Tages ausgerechnet in der Manga-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle stand, in die mein Nachbar (ein Comic-Übersetzer) mich zum Dank für die Ausleihe von Wörterbüchern und Reimlexika geschleift hatte.

Es war wirklich wie eine späte Initiation. Das Genre Manga hat mich auch danach nicht gepackt, aber die meisterlichen Entwürfe und Szenenabfolgen, die es dort zu sehen gab, haben mich aus meinem durchaus arroganten Nichtwissen endgültig rausgeholt.

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an Graphic Novels?

Das Besondere besteht in meinen Augen darin, das im gelingenden Zusammengehen (was man wahrscheinlich auseinander schreibt) zweier Kunstformen neue ästhetische Räume entstehen. Ich verfolge die Diskussionen um die Frage, wozu denn der gemalte Roman nun gehöre, zur Literatur oder zur Kunst, ebenso gern wie die Debatten um das Label >Graphic Novel< (Marktstrategie, Vereinnahmung in den Mainstream oder guter Trick, um das Feuilletongrenze zu passieren). Seltsamerweise lassen sie mich aber völlig kalt, vielleicht weil vieles davon schon in anderen Kontexten diskutiert wurde.

Mich interessiert und fasziniert hingegen der Moment, wenn Text und Zeichnung, ästhetische Mittel und Inhalt, Dramaturgie eines Tableaus und elliptische Szenenfolgen, bildliche Auslassung und sprachliche Verlangsamung, Perspektivwechsel und erzählende Beschreibung übereinanderliegend in der Wahrnehmung etwas Neues machen. Im besten Fall der synästhetische Effekt also. Etwas, was weder die Literatur noch die Kunst allein schafft. Die Graphic Novel ist für mich viel näher an der Oper – oder manchmal am Film – als an anderen Künsten.

Warum ein Titel aber gelingt, das ist eine eigene Diskussion.

Welche Graphic Novels sind bisher auf besonderes Interesse gestoĂźen? Welche GrĂĽnde hat das?

Bis auf wenige Bestseller-Ausnahmen – und dieser Hinsicht unterscheidet sich der klassische Literaturmarkt nicht von den Graphic-Novel-Akteuren – lassen sich literarische Titel oder überraschende Debüts nur schwer und nicht oft auf andere Märkte übertragen. Gewiss aber in der Regel zeitversetzt. Anders wenn etwa auf dem amerikanischen Markt ein Titel für sehr viel Geld vom Verlag eingekauft wurde und einige einflussreiche Scouts ihn international pushen, muss dieser Titel ein Erfolg werden, bevor er im Original auch nur erschienen ist. Marketing und PR werden dann sprachübergreifend abgestimmt.

Titel aus kleineren Märkten oder aus (vermeintlich) abgelegeneren Sprachräumen, wo die Informationskanäle nicht so breit und laut bespielt sind, nehmen manchmal umständlichere Wege der Mittlung und Übertragung. Da braucht es Überzeugung, Freundschaft, Passion und die Bereitschaft zum verlegerischen Risiko, gerade bei Übersetzungen aus Sprachen, die man nicht selbst liest. Besondere Aufmerksamkeit gibt es natürlich immer wieder, doch das treffe ich bei einzelnen Personen für einzelne Titel oder AutorInnen an.

Welche sind ihre persönlichen Lieblings-Graphic Novels?

Nicht leicht zu beantworten, die Liste der Lieblinge verändert sich. Aber einen sicheren Platz unter den Top Ten bekommen unter den neueren Titeln “Blutspuren” (Edition Moderne) von Rutu Modan und Baudoins “Das Zeichen des Widders” (Aufbau) mit dem Text von Fred Vargas.