Lars von Törne auf der Comicseite des “Tagesspiegels” vom 31. März über “Gift” von Peer Meter und Barbara Yelin.
Tödliche Mischung
Ihre ersten Bücher erschienen nur in Frankreich. Mit dem gemeinsam mit dem Autor Peer Meter verfassten Meisterwerk „Gift“ kommt Barbara Yelin jetzt auch in deutsche Buchläden.
Dunkle Wolken hängen über der Stadt. Der Himmel ist so bleigrau wie die Fassaden und die Gesichter der Menschen, die geduckt durch die Straßen eilen. Die Atmosphäre auf Barbara Yelins neuen Bildern wirkt bedrohlich und latent gewalttätig, auch wenn noch gar nichts Sichtbares passiert ist. Das ist die Kunst der Berliner Zeichnerin: Sie kann mit dem Bleistift intensive, vielschichtige Stimmungen erzeugen wie nur wenige andere Comic-Künstler. mehr
Drei Beiträge im Radio und Fernsehen befassten sich in den letzten Tagen mit aktuellen Comicneuerscheinungen sowie einem Titel, der bereits vor rund einem Jahr erschien und nun aus aktuellem Anlass aufgegriffen wird.
Bereits am vergangenen Montag strahlte das NDR Kulturjournal einen Bericht über Olivier Kas und Alfreds “Warum ich Pater Pierre getötet habe” (Carlsen) aus, in dem der Autor ausführlich zu Wort kommt und einen Missbrauch durch einen katholischen Geistlichen noch einmal rekapituliert. Der Beitrag lässt sich hier online ansehen.
Neben den vor einigen Tagen vorgestellten Sachbüchern zum Thema Comic und Comictheorie ist schon seit einiger Zeit ein weiterer Band erhältlich, der natürlich nicht verschwiegen werden soll: “Comics – Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums” (transcript), herausgegeben vom Lektor und Doktoranden Stephan Ditschke, der Komparatistin Dr. Katerina Kroucheva und dem Amerikanisten Dr. Daniel Stein, versammelt Aufsätze, die sich Comics von verschiedenen Seiten nähern.
Doch was genau ist eigentlich ein Comic? Mit welchen Mitteln wird in Comics erzählt und Bedeutung transportiert? Welche Formen und Gattungen gibt es, wie haben sie sich entwickelt und welche Stellung nehmen sie in den Kulturen der Gegenwart ein? Diese und viele weitere Fragen beantworten Journalisten, Zeichner und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen am Beispiel von Comics aus über hundert Jahren und unterschiedlichen Kulturkreisen. Der Band bietet so eine umfassende wissenschaftliche Einführung in das weite Feld der Geschichte und Theorie des Comics.
Für den Berliner “Tagesspiegel” hat Sven Jachmann einen Blick in das Buch geworfen: “Zeichen der Zeit”.
Comics – Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums, ISBN 978-3-8376-1119-9, 366 Seiten, Softcover, 29,80 EUR, erschienen bei transcript
Genau so wie beim Spielfilm gibt es beim Animationsfilm Autoren, die es schaffen, ihren Werken ein unverwechselbare Handschrift zu verpassen und ihnen einen individuell künstlerischen Anspruchs verleihen. Einem der bekanntesten Trickfilm-Autoren widmet der deutsch-französische Kultursender arte ab dem 5. April eine sechsteilige Reihe: Gewürdigt wird der japanische Regisseur, Drehbuchautor und Zeichner Hayao Miyazaki.
Jeweils Montags und Donnerstags werden seine bekanntesten Filme gezeigt, darunter “Mein Nachbar Totoro” (1988), “Prinzessin Mononoke” (1997) und “Chihiros Reise ins Zauberland” (2001). Ergänzt wird die Reihe um eine Dokumentation, die Miyazaki und seine Produktionsfirma Studio Ghibli porträtiert und am 8. April gesendet wird.
Miyazakis Zauberland. Man erkennt den Stil Miyazakis stets daran, wie er aus der Abbildung von Alltagsgegenständen die poetischsten Bilder zaubert. Ob Tiere, die sich in Flugzeuge oder Eisenbahnen verwandeln, oder die immer wieder auftauchenden alten Damen, die auf den ersten Blick so streng und gefährlich wirken und dann doch im Verlauf der Geschichte zeigen, dass sie ein großes Herz haben. Besonders sind auch seine Protagonisten, immer wieder sind die Helden starke Kinder und vor allem toughe Mädchen. Seine Filme weisen wiederkehrende Themenkomplexe auf, sie spielen dort, wo sich Natur und Technik berühren, wo die Welt der Menschen auf die Welt der (Natur-)Geister stößt. Auf welcher Seite sich die Sympathien von Hayao Miyazaki befinden, ist unübersehbar.
Für „Chihiros Reise ins Zauberland“ gewann er neben dem Oscar 2002 den Goldenen Bären bei der Berlinale, 2005 den Goldenen Löwen für sein Gesamtwerk bei den Filmfestspielen von Venedig und eine Oscarnominierung 2006 für „Das wandelnde Schloss“. Miyazaki ist so erfolgreich und sein Werk so prägend, dass das „Time Magazine“ ihn 2005 zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt zählt.
Details zur Reihe und die Fortsetzung des einführenden Textes finden sich auf der Website von arte.
Alexandra Kedves schreibt in der heutigen Ausgabe des in Zürich erscheinenden “Tages-Anzeigers” über Jean-Jacques Verneys und Jacques Tardis “Elender Krieg 1914-1915-1916″ (Edition Moderne):
Der brave Soldat im ersten Weltkrieg
Jacques Tardis neuer Comic «Elender Krieg» erzählt eine Art Splattermovie. Ein starkes Buch.
In der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” bespricht Thomas von Steinaecker Peer Meters und Barbara Yelins “Gift” (Reprodukt):
Arsen und Sahnetorte
“Allein der Gedanke, wieder Gift zu haben, machte mich so besonders zufrieden”: Gesche Gottfried tötete 15 Menschen, ein Graphik Novel erzählt die Geschichte der Mörderin.
Es ist ein Verbrechen, das bis heute verstört: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts vergiftet die einigermaßen wohlhabende und beliebte Bremerin Gesche Gottfried fünfzehn Menschen mit so genannter “Mäusebutter”, einer Mischung aus Schmalz und Arsen. Lässt sich hinter dem ersten Mord am eigenen Gatten noch das Motiv einer außerehelichen Affäre der Gottfried vermuten, so bleibt ungeklärt, warum sie im folgenden Jahrzehnt auch ihre Eltern, Kinder, den Bruder und Freunde tötet sowie scheinbar wahllos neunzehn weitere ahnungslose Bekannte mit einer niedrigen Dosis Gift quält. mehr
Die traditionsreiche und unabhängige Carolus-Buchhandlung in der Frankfurter Innenstadt präsentiert vom 4. April bis zum 3. Mai eine große Auswahl an Graphic Novels in Schaufenster und Laden.
Die Buchhandlung möchte Ihrem anspruchsvollen belletristischen Sortiment damit neue Impulse geben und das Angebot für ihre aufgeschlossene bürgerliche Kundschaft erweitern. Präsentiert werden Bücher aus verschiedenen Verlagen, unter anderem von avant-verlag, Reprodukt, Edition Moderne, S. Fischer Verlage und Carlsen.
Buchhandlungen, die auch Interesse an einer solchen Graphic-Novel-Aktion haben, können sich bei Sebastian Oehler über Einzelheiten informieren.
Auch in diesem Jahr sind angehende Comiczeichnerinnen und -zeichner zu verschiedenen Seminaren und Workshops eingeladen, in denen sich jeweils über mehrere Tage professionelle Künstler als Lehrer zur Verfügung stellen.
Den Anfang macht das Comic-Seminar in Erlangen, das gemeinsam vom Kulturbüro der Stadt Erlangen (das auch den Comic-Salon ausrichtet) und der Comic-Agentur Contours ausgerichtet wird. Es richtet sich an Zeichner, die bereits über einige Routine verfügen und wird in diesem Jahr vom 28. Mai bis zum 2. Juni stattfinden.
Mit Uli Oesterle (“Hector Umbra”, Carlsen) und Markus Huber (“Nichts von Bedeutung”, Edition Moderne) leiten zwei erfahrene Künstler unterschiedlicher Couleur diesen Kurs. Weitere Details finden sich auf der Seminar-Website.
In diesem Sommer – genauer vom 1. bis zum 10. Juli – geben der Pariser Zeichner Yassine und der Berliner Mawil (“Die Band”, Reprodukt) einen deutsch-französischen Comic-Workshop in Leipzig. Die Kooperation vom Deutsch-Französischen Forum junger Kunst mit der Sommerakademie Leipzig findet bereits zum dritten Mal statt und endet mit einer großen Abschlusspräsentation der beim Workshop entstandenen Arbeiten.
Comic- und Zeicheninteressierte finden genaue Informationen auf der zugehörigen Website.
Ein weiterer Comic-Workshop wird im Rahmen des “Schwäbischen Kunstsommers” angeboten. Zwischen dem 31. Juli und dem 8. August wird die Hamburger Comicautorin Line Hoven (“Liebe schaut weg”, Reprodukt) einen Kurs leiten, in dem sie in die Kunst der Comic-Erzählung einführt. Basierend auf einem bestehenden Text richtet sich der Fokus auf die Comic-Umsetzung, technische Vorgaben gibt es dabei nicht. Auf Wunsch führt Line Hoven aber in die von ihr bevorzugte Schabkartontechnik ein.
Auch hier können ausführliche Informationen auf der dazugehörigen Website nachgelesen werden.
Zu guter Letzt noch ein Hinweis auf einen Wettbewerb:
In Zusammenarbeit mit dem Comic-Salon Erlangen richtet die Filmzeitschrift cinearte einen Zeichenwettbewerb aus. Das Thema ist frei gehalten: Es geht um die Verbindung zwischen Comic oder Cartoon und Film. Willkommen ist jede Einreichung, die auf ein A4-Blatt passt. Die Gewinner werden im Rahmen einer Sonderausstellung auf dem Comic-Salon ausgestellt, als Hauptpreis winken 500 Euro sowie die Aussicht auf eine Mitarbeit im Magazin. Weitere Informationen sowie das Anmeldeformular finden sich auf der Website von cinearte. Einsendeschluss ist der 2. Mai 2010.
Am kommenden Montag stellt Christian Möller in der Sendereihe “Scala” auf WDR 5 nicht nur die Neuerscheinungen “Ein Vertrag mit Gott” von Will Eisner (Carlsen), “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens” von Ulli Lust (avant-verlag) und “Gift” von Peer Meter und Barbara Yelin (Reprodukt) vor, sondern hinterfragt auch Sinn und Zweck des Begriffs “graphic novel”. Die Sendung läuft am 29. März von 12.05 bis 13 Uhr.
Ein Schmuddelkind wird hoffähig Der Boom der “graphic novel”
Dass Comics mehr sind als lustige Bildergeschichten für Jugendliche, ist eine Erkenntnis, die sich auch in Deutschland immer mehr durchsetzt – ob im Feuilleton oder im Buchhandel. Im Zentrum stehen dabei “graphic novels” – Comics, die sich mit der Wahl ihrer Themen und einer anspruchsvollen, manchmal experimentellen Erzählweise vor allem an ein erwachsenes Publikum richten. Und oft auch vom Umfang her weit entfernt sind vom Heftchen am Kiosk. mehr
Nicht nur Superheldenstoffe sind seit einigen Jahren zunehmend Grundlage für erfolgreiche Hollywood-Blockbuster, auch Independent-Stoffe wie “Scott Pilgrim” werden neuerdings hoch gehandelt. Twitter-Reaktionen auf den vor wenigen Tagen veröffentlichten Trailer zu “Scott Pilgrim vs. the World” – nach der gleichnamigen Serie von Bryan Lee O’Malley, erschienen bei Oni Press (deutsch bei Panini) – signalisieren bereits im Vorfeld einen weiteren Erfolg an den amerikanischen Kinokassen.
Aber auch europäische Filmemacher nehmen sich mehr und mehr Themen an, die ursprünglich als Comics veröffentlicht wurden – aktuell Luc Besson, der Jacques Tardis “Adeles ungewöhnlichen Abenteuer” als Realfilm umgesetzt hat (der Film kommt am 14. April in die französischen Kinos).
Oder Stephen Frears, der mit “Tamara Drewe” den ursprünglich im britischen “Guardian” vorveröffentlichten, gleichnamigen Comic von Posy Simmonds adaptiert. “Tamara Drewe”, mit Gemma Arterton in der Hauptrolle, soll 2011 in die Kinos kommen.
Oder auch Sam Garbarski, der nun “Vertraute Fremde” (“Quartier Lointain”/”Harukana Machi-E”) nach dem Manga von Jiro Taniguchi als belgisch-französisch-deutsche Filmproduktion realisiert hat – auch den frei übertragenen Titel von Carlsen hat man für die deutsche Fassung übernommen.
Sam Garbarski, der mit seiner umwerfend komischen „Irina Palm“ einst einen Publikumsliebling der Berlinale zauberte, wagt nun die europäische Umsetzung des mehrfach ausgezeichneten Manga-Comics von Jiro Taniguchi. Der Plan gelingt, die universelle Geschichte funktioniert bestens auch im hiesigen Kulturkreis. Erzählt wird vom Comiczeichner Thomas, den es durch Zufall in den Ort seiner Kindheit verschlägt. Auf wundersame Weise findet er sich plötzlich in der Vergangenheit wieder und erlebt als 14jähriger seine Jugend nochmals neu – freilich mit dem Wissen eines Erwachsenen. Einfühlsam inszeniert und mit überzeugenden Akteuren gelingt ein charmant surreales Drama der sympathisch sensiblen Art: Wer würde nicht einmal gerne auch so einen kleinen Ausflug zurück in die Jugend machen?
Gleich zwei neue, umfangreiche Theoriewerke befassen sich mit dem Thema Comics und nähern sich ihm von unterschiedlichen Seiten. Ole Frahm, Mitarbeiter der Arbeitsstelle für Graphische Literatur an der Universität Hamburg und Verfasser vieler theoretischer Schriften, schreibt in seinem in der Reihe “Fundus” als Band 179 erschienenen Werk über “Die Sprache des Comics” (Philo Fine Arts). Der Band ist ab sofort erhältlich.
Im Juni erscheint ein weiterer Band, der sich dem Thema Comic von wissenschaftlicher Seite nähert. “Theorien des Comics” (Transcript), herausgegeben von der Soziologin Dr. Barbara Eder, den Komparatistinnen Elisabeth Klar und Martina Rosenthal sowie dem Film- und Medienwissenschaftler Dr. Ramón Reichert, versammelt eine Reihe von Texten, die Comics unter verschiedenen Aspekten beleuchten.
Sin City, Persepolis, X-Men oder The Dark Knight – Comic-Verfilmungen sind in aller Munde und tragen zweifellos zur Steigerung des Interesses an ihren jeweiligen Vorlagen bei. Obwohl sich die Grenze zwischen Hoch- und Populärkultur längst aufgelöst hat, muss man mit Blick auf die Bild-, Kultur- und Medienwissenschaften konstatieren: Eine Theorie des Comics fehlt bislang. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Hybridisierung im Bereich von Medien, Kunst und Kultur betont dieser Reader das medienreflexive, narrative und politische Potenzial der jungen Kunstform und schließt jene Lücken, die im akademischen Diskurs über den Comic bestehen. Er versammelt maßgebliche Theorien des Comics der Themenbereiche »Transmedialität«, »Erzähltheorie«, »Interaktive Medien«, »Visuelle Kultur« und »Queer Theory«.
Die Sprache des Comics, ISBN 978-3-86572-656-8, 380 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 22 EUR, erschienen bei Philo Fine Arts
Theorien des Comics – Ein Reader, ISBN 978-3-8376-1147-2, ca. 300 Seiten, Hardcover, ca. 28,80 EUR, erscheint im Juni bei Transcript
“Dabei lautet die These dieser Arbeit, dass im Vergleich zum Ausland wichtige Entwicklungen zu einem Großteil an den deutschen Bibliotheken – öffentlich wie wissenschaftlich – vorbeigegangen sind: Nach wie vor existiert keine einzige Spezialabteilung für Comics an einer der großen Universalbibliotheken Deutschlands. Verschwindend wenige Bibliotheken verfügen über ein ausgeprägtes Sammelprofil im Bereich Comics, ein Bewusstsein für ihre wissenschaftliche oder gesellschaftliche Bedeutung ist kaum nachzuweisen.”
Universitätseinrichtungen wie die Bibliothek der “Arbeitsgemeinschaft für Graphische Literatur (ArGL)” an der Universität Hamburg sowie öffentliche Büchereien mit umfassendem Comicbestand oder Einrichtungen wie die Berliner Comicbibliothek Renate sind die Ausnahme. Ein Blick in die USA zeigt, dass man dort in Bezug auf Comics dem Bibliothekswesen in Deutschland einige Jahre voraus ist. So berichtete die Bibliothekarin Michele Gorman auf graphicnovelreporter.com in “Ten years of getting graphic” über ihre Erfahrungen bei der Etablierung von Graphic Novels als festem Bestandteil von Bibliotheken:
“So now it’s 2010 and I think we can all safely agree on one thing: Graphic novels are not a phase. I prefer to think of what has happened in the last decade as a shift—a shift in perspective and attitude; a shift on the part of librarians, educators, parents, administrators, publishers, and even young people. This shift has allowed people to open their minds to a new medium for visual storytelling.”
Im vergangenen Jahr gab es zwar ein themenbezogenes Heft der Zeitschrift “klj&m – forschung.schule.bibliothek” unter dem Titel “Harr! Harr! Comic in Kinder- und Jugendliteratur”, die darin enthaltenen Texte waren aber kaum auf die praktische Bibliotheksarbeit ausgerichtet und beleuchten hauptsächlich das Segment Comics für junge Leserinnen und Leser. Das Vorbild USA zeigt, dass Graphic Novels für Jugendliche und Erwachsene in Bibliotheken gehören; die dazugehörige Sekundärliteratur zeigt einen möglichen Weg dorthin.
Bibliotheken, die sich über Graphic Novels informieren möchten, können sich gerne an Sebastian Oehler wenden.
Zum Comic-Salon Erlangen vom 3. bis zum 6. Juni 2010 werden, wie alle zwei Jahre wieder, viele Comiczeichner nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus vielen anderen europäischen Ländern und aus Übersee von den Verlagen eingeladen.
Für das in Österreich erscheinende Magazin “springerin – Hefte für Gegenwartskunst” hat Martin Reiterer Ulli Lusts autobiografischen Band “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens” (avant-verlag) vorgestellt und stellt dabei heraus, wie die Autorin Inhalt und Form gelungen miteinander verschränkt. Auf ihrer Website verweist Ulli Lust auf zwei weitere Besprechungen: Eine von Christian Gasser im Berner “Bund”, die andere von Thorsten Enning im Münsteraner Obdachlosen-Magazin “draußen”.
Auf der Website der “Deutschen Welle” schreibt Stefan Pannor über die neu erschienene Goethe-Umsetzung “Faust – Der Tragödie erster Teil” von Flix, die zuerst in täglichen Folgen in der “FAZ” erschienen war, und berichtet von einer Autorenlesung von “Faust als Comic-Parodie”, die am Rande der Leipziger Buchmesse stattfand.
In “Bücher – Das Literaturmagazin” auf WDR5 hat Christian Möller“Tamara Drewe” (Reprodukt) vorgestellt und resümiert, der Autorin Posy Simmonds ist “mit diesem formal ungewöhnlichen Comic ein psychologisch genaues, wunderbar maliziöses Sittenbild der britischen Mittelklasse gelungen, das vor allem durch die Souveränität überzeugt, mit der die Mittel grafischen Erzählens ausgeschöpft werden.”
Für das Rezensionsforum literaturkritik.de hat Fabian Kettner die bei Carlsen erschienene Neuauflage von Craig Thompsons “Blankets” besprochen und entdeckt die “Versöhnung mit der Endlichkeit” als Quintessenz des Buches.
“Man könnte sagen, dass der Verzicht auf narrative Sicherheiten in diesem Buch jenen Gefahren zu entkommen versucht, die die identitären Sicherheiten bedeuten.” schreibt Sven Jachmann auf tagesspiegel.de über Martin Büssers “Der Junge von nebenan” (Verbrecher Verlag) in “Lust und Terror”. Das Buch gefällt ihm.
“Bild ist Text und Text wird Bild” schreibt ein Anonymus in der österreichischen “Kleinen Zeitung” und befasst sich dort mit dem Wesen der Graphic Novel. Dabei stellt er fest, dass das Label “Graphic Novel” nicht per se ein Qualitätssiegel ist für das, was sich zwischen zwei Buchdeckeln in Comicform findet und schließt: “Deshalb ein Tipp: Die Buchdeckel einfach öffnen.” Dem kann man sich nur anschließen.
Im April erscheint beim Berliner avant-verlag mit “Kapitän Scharlach” ein neuer Band von David B. (“Babel”, avant-verlag) und Emmanuel Guibert (“Alans Krieg”, Edition Moderne).
Emmanuel Guibert und David B. lieben Wörter und Bilder. Ganz besonders die von Marcel Schwob, der 1905 mit 38 Jahren starb. Schwob war einer der großen Gelehrten seiner Zeit. Er wird in Chaville bei Paris in eine großbürgerliche Familie von Rabbinern und Ärzten geboren. Sein Onkel bekleidete das Amt des Leitenden Bibliothekars der Bibliothèque Mazarine; er selbst wird sämtliche Bücher verschlingen.
Schwob liebt die Sprache; den mittelalterlichen Argot des Dichters und Räubers François Villon, dem er geistreiche Studien widmet; die Sprache François Rabelais’, über den er ebenfalls schreibt. Schwob liebt alle Sprachen und alle Geschichten: das Altgriechische der klassischen Philosophen, die Märchen und Legenden des buddhistischen Fernen Ostens, die höfischen Romane um die Tafelrunde. Aus diesen Gedankenwelten nährt Schwob seine Phantasie, aus ihnen schöpft er die Ideen, verwebt die Kulissen, entlehnt seine Worte für Das gespaltene Herz, Der verschleierte Mann, Der König mit der goldenen Maske, Das blaue Land, Novellen, so fein gearbeitet wie kostbare Juwelen.
Aber nun wird dieser Marcel Schwob zur Hauptfigur dieses Albums von David B. und Emmanuel Guibert: Marcel Schwob wird mit zahlreichen mysteriösen Morden konfrontiert. Es scheint als wäre eine seiner Romanfiguren zum Leben erweckt worden. Und tatsächlich: Die Piraten sind in Pairs eingefallen! Ein Dreimaster gleitet zwischen den Fassaden des Faubourg Saint-Germain. An Bord entfesselt Kapitän Scharlach Blitze und Kanonenschüsse.
Nehmen Sie sich in Acht vor der stürmischen Phantasie des David B. und den getuschten Windstößen des Emmanuel Guibert. Sie lassen die Köpfe fliegen.
Kapitän Scharlach, ISBN 978-3-939080-42-8, Softcover, 64 Seiten, vierfarbig, 19,95 EUR, erscheint im April bei avant-verlag
Der belgische Comicverlag Casterman kooperiert mit dem Reisebuchverlag Lonely Planet. So sind nun (leider nur auf Französisch) vier Stadtreiseführer erscheinen, die mit Comicillustrationen geschmückt sind. Zum Beispiel mit Hugo Pratts Corto Maltese (deutsche Titel bei Kult Editionen) durch Venedig – eine reizvolle Idee.
Das darf gerne für den deutschen Markt aufgegriffen werden: Mit Reinhard Kleist (“Castro”, Carlsen) durch Havanna, Simon Schwartz (“drüben!”, avant-verlag) durch Berlin, Kati Rickenbach (“Filmriss”, Edition Moderne) durch Zürich oder Barbara Yelin (“Gift”, Reprodukt) durch Bremen: Viele Kombinationen bieten sich an.
L. Sander in der “taz” vom 22. März über “Warum ich Pater Pierre getötet habe” von Olivier Ka (Text) und Alfred (Zeichnungen), erschienen im Carlsen Verlag.
Der Tod des Paters
MISSBRAUCHIn einem Comic hat ein Franzose seine Erfahrungen mit einem Priester aufgearbeitet
Lange vor den öffentlichen Skandalen hat Olivier Ka seinen Dämon exorziert: Pater Pierre, der Priester, der ihn als Kind missbrauchte. In der autobiografischen Graphic Novel stirbt Pierre immer wieder, doch es scheint, als würde Olivier sterben. mehr
Am Samstag, dem 27. März findet in der Thalia-Filiale im Alexa am Alexanderplatz in Berlin eine Signierstunde mit gleich fünf Berliner Comiczeichnern statt – zu diesem Anlass werden auch die Neuerscheinungen“Gift“ von Peer Meter & Barbara Yelin (Reprodukt) sowie “Faust“ von Flix (Carlsen) präsentiert.
In der Nominierungsliste für den “Deutschen Jugendliteraturpreis 2010″ finden auch in diesem Jahr Graphic Novels Beachtung. Nachdem im letzten Jahr Shaun Tan mit “Ein neues Land” (Carlsen) und 2008 Gipi mit “5 Songs” (avant-verlag) nominiert waren – und Shaun Tan 2009 mit einem anderen Titel einen der Preise gewinnen konnte – sind es in diesem Jahr Nadja Budde, Simon Schwartz, sowie Jean Regnaud und Emile Bravo, die mit insgesamt drei Graphic Novels nominiert sind.
Das zunehmende Interesse an Graphic Novels zeigt sich nicht nur in der breiteren Präsenz dieser Titel im Buchhandel. Auch im Verlagswesen ist ein Wandel zu beobachten. Ein Beispiel hierfür: Bettina von Bülow, die mit ihrem Unternehmen Spirograf als Literaturscout die Märkte im In- und Ausland beobachtet. Was in Bezug auf Belletristik nicht unüblich ist, ist hinsichtlich anspruchsvoller Comics ein Novum. Grund genug, einmal nachzufragen, was es damit auf sich hat. Vielen Dank an Bettina von Bülow für die ausführlichen Antworten!
Was genau macht ein Literaturscout, und wer nimmt Ihre Dienste in Anspruch?
Ein literarischer Scout beobachtet einen Buchmarkt und berichtet seinen Kunden – in der Regel Verlagen – in Reading reports (ausführlichen Gutachten) über einzelne Titel, die sie zur Übersetzung empfehlen. Scouts knüpfen Verbindungen zu den Agenten, informieren über Trends und neue Autoren. Klassischerweise arbeitet ein Scout für einen Verlag in einem Land – ein Scout in Paris sucht beispielsweise für einen deutschen Verlag nach interessanten französischen Titeln und empfiehlt sie in Gutachten. Und wenn er oder sie gut im Geschäft ist, scouten sie auch für Häuser in Italien oder England. Gerade aber für unabhängige oder kleinere Verlage ist jeweils ein eigener Scout in Paris, Mailand, London und New York viel zu teuer, auch wenn Scouts gerade für literarische Listen äußerst wichtige Trüffelschweinchen und Kommunikationsanbahner sind.
Auf spirograf stelle ich das klassische Scouting ein wenig vom Kopf auf die Füße, indem ich nicht für einen einzigen Verlag exklusive Informationsdienstleistung betreibe, sondern redaktionell Titel vor allem aus kleineren Verlagen auswähle – Graphic Novels und deutschsprachige Romane – und sie vorstelle. Es sind Titel, von denen ich meine, dass sie tauglich/interessant/neu/großartig für ausländische Buchmärkte oder eine Entdeckung für die Leser dort sein können.
Markt, Werbung und Informationsströme werden viel zu sehr von den großen Playern des Verlagsgeschäfts beherrscht, da kann ein Blick in die Nischen nur belebend sein. Und Graphic Novels scoutet sonst niemand. Das Konzept ist sinnvoll für alle Beteiligten, denn einzelne Titel bekommen internationale Bekanntheit bei den professionellen Lesern und die Verlage Gutachten zu relevanten fremdsprachigen Titeln. Um die Reports auf spirograf lesen zu können, muss man Abonnent sein.
Die Scouting-Tätigkeit geht in drei Richtungen: vom fremdsprachigen Ausland nach Deutschland und umgekehrt. Zusätzlich reisen die Titel zwischen anderen Ländern hin und her. spirograf versammelt die Kompetenz unterschiedlicher MitarbeiterInnen und schreibt in zwei Sprachen, deutsch und englisch. Deshalb geht das Konzept auf.
Vorrangig sind Verlage die Kunden und Partner von literarischen Scouts. spirograf wendet sich darüber hinaus an die Einkäufer von Filmrechten (für die deutschsprachige Literatur), an Redakteure und Institutionen.
Wie sind Sie auf Graphic Novels aufmerksam geworden?
Ich gehöre nicht zu den Lesern, die von Kindertagen an Comics verschlungen und geliebt haben. Literatur, ja. Viele Jahre habe ich mich professionell ausschließlich mit Literatur der Gegenwart beschäftigt – Kunst und auch Film liefen als Passion im Hintergrund. Ich hatte mich eigentlich sehr gemütlich in einer soliden, kenntnislosen Vorurteilsstruktur eingerichtet, was die Möglichkeiten des zeichnenden Erzählens angeht. Bis ich eines Tages ausgerechnet in der Manga-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle stand, in die mein Nachbar (ein Comic-Übersetzer) mich zum Dank für die Ausleihe von Wörterbüchern und Reimlexika geschleift hatte.
Es war wirklich wie eine späte Initiation. Das Genre Manga hat mich auch danach nicht gepackt, aber die meisterlichen Entwürfe und Szenenabfolgen, die es dort zu sehen gab, haben mich aus meinem durchaus arroganten Nichtwissen endgültig rausgeholt.
Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an Graphic Novels?
Das Besondere besteht in meinen Augen darin, das im gelingenden Zusammengehen (was man wahrscheinlich auseinander schreibt) zweier Kunstformen neue ästhetische Räume entstehen. Ich verfolge die Diskussionen um die Frage, wozu denn der gemalte Roman nun gehöre, zur Literatur oder zur Kunst, ebenso gern wie die Debatten um das Label >Graphic Novel< (Marktstrategie, Vereinnahmung in den Mainstream oder guter Trick, um das Feuilletongrenze zu passieren). Seltsamerweise lassen sie mich aber völlig kalt, vielleicht weil vieles davon schon in anderen Kontexten diskutiert wurde.
Mich interessiert und fasziniert hingegen der Moment, wenn Text und Zeichnung, ästhetische Mittel und Inhalt, Dramaturgie eines Tableaus und elliptische Szenenfolgen, bildliche Auslassung und sprachliche Verlangsamung, Perspektivwechsel und erzählende Beschreibung übereinanderliegend in der Wahrnehmung etwas Neues machen. Im besten Fall der synästhetische Effekt also. Etwas, was weder die Literatur noch die Kunst allein schafft. Die Graphic Novel ist für mich viel näher an der Oper – oder manchmal am Film – als an anderen Künsten.
Warum ein Titel aber gelingt, das ist eine eigene Diskussion.
Welche Graphic Novels sind bisher auf besonderes Interesse gestoßen? Welche Gründe hat das?
Bis auf wenige Bestseller-Ausnahmen – und dieser Hinsicht unterscheidet sich der klassische Literaturmarkt nicht von den Graphic-Novel-Akteuren – lassen sich literarische Titel oder überraschende Debüts nur schwer und nicht oft auf andere Märkte übertragen. Gewiss aber in der Regel zeitversetzt. Anders wenn etwa auf dem amerikanischen Markt ein Titel für sehr viel Geld vom Verlag eingekauft wurde und einige einflussreiche Scouts ihn international pushen, muss dieser Titel ein Erfolg werden, bevor er im Original auch nur erschienen ist. Marketing und PR werden dann sprachübergreifend abgestimmt.
Titel aus kleineren Märkten oder aus (vermeintlich) abgelegeneren Sprachräumen, wo die Informationskanäle nicht so breit und laut bespielt sind, nehmen manchmal umständlichere Wege der Mittlung und Übertragung. Da braucht es Überzeugung, Freundschaft, Passion und die Bereitschaft zum verlegerischen Risiko, gerade bei Übersetzungen aus Sprachen, die man nicht selbst liest. Besondere Aufmerksamkeit gibt es natürlich immer wieder, doch das treffe ich bei einzelnen Personen für einzelne Titel oder AutorInnen an.
Welche sind ihre persönlichen Lieblings-Graphic Novels?
Nicht leicht zu beantworten, die Liste der Lieblinge verändert sich. Aber einen sicheren Platz unter den Top Ten bekommen unter den neueren Titeln “Blutspuren” (Edition Moderne) von Rutu Modan und Baudoins “Das Zeichen des Widders” (Aufbau) mit dem Text von Fred Vargas.