Auch in diesem Jahr wird auf der Frankfurter Buchmesse der “Sondermann”-Comicpreis in verschiedenen Kategorien vergeben. Die Gewinner werden durch eine öffentliche Abstimmung auf den Websites von “Frankfurter Rundschau”, “Spiegel Online” und “Splashcomics” ermittelt. Zur Wahl stehen unter anderem die Comic-Umsetzung von Erich Kästners “Pünktchen und Anton” durch Isabel Kreitz (C. Dressler Verlag) sowie der dritte Teil von Stephen Kings “Der dunkle Turm” von Jae Lee und Robin Furth (Heyne, bzw. Splitter).
Über die beiden Sonderpreise, den “Newcomer 2010“ und den “Bernd-Pfarr-Sondermann für komische Kunst“, entschied eine Jury, bestehend aus Gabi Roth-Pfarr (Witwe des Namenspatronen Bernd Pfarr), Rudi Hurzlmeier (Cartoonist), Christian Schlüter (“Frankfurter Rundschau”), Achim Frenz (Caricatura Museum), Stefan Pannor (“Spiegel Online”) und Andreas Platthaus (“FAZ”). Für den Nachwuchs-Sondermann fiel die Wahl auf Felix Mertikat und Benjamin Schreuder, die für ihr Debüt “Jakob” (Cross Cult) ausgezeichnet werden. Der “Bernd Pfarr-Sondermann für komische Kunst“ geht an den Zeichner und Karikaturisten Ari Plikat.
Über den “Sondermann”, die Nominierungen und die Preisträger, die schon feststehen, informiert eine Sonderbeilage, die in der heutigen Ausgabe der “Frankfurter Rundschau” zu finden ist. Die Preisverleihung findet am Samstag, dem 9. Oktober, um 16.30 Uhr auf der Frankfurter Buchmesse im Comiczentrum (Halle 3.0 J 807) statt.
Mit seinem neuen Buch “Dick Boss” (Edition Luftschacht) lotet der produktive Österreicher Nicolas Mahler (“Pornografie und Selbstmord”, Reprodukt; “Engelmann”, Carlsen; “Die Herrenwitz-Variationen”, Edition Moderne) ein weiteres Mal das Spannungsfeld zwischen Comic und Literatur aus. Der diesjährige Max und Moritz-Preisträger gestaltete dafür einen 16 Panels umfassenden Kurzkrimi, den er wiederum an 12 Autorinnen und Autoren schickte, die damit machen konnten, was sie wollten: Umtexten, neu anordnen, usw.
Mit dem ihnen eigenen literarischen Zugang haben sich die Autorinnen und Autoren der Herausforderung des Comic-Genres gestellt: Entstanden sind so 12 überaus originelle Stories, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: vom Liebesdrama bis zum Schriftsteller mit Schreibblockade, vom Postbeamten, der von einer Chefinspektor-Karriere träumt bis zu einem kurzen Abriss über das Sterben und wie das denn so sei.
Mit Texten von Tilman Ramstedt, Verena Roßbacher, Diemar Dath, Franz Adrian Wenzl, Clemens J. Setz, Simon Froehling, Martin Amanshauser/ Linda Stift, Michael Stavarič, Hanno Millesi, Andrea Grill, Jürgen Lagger.
Während “Dick Boss” auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt wird, ist ein lange vergriffenes Buch von Nicolas Mahler bereits wieder erhältlich: In der Zürcher Edition Moderne wurden unlängst die Abenteuer des Angestellten Kratochvil als “Planet Kratochvil” wieder aufgelegt.
Kratochvil arbeitet normalerweise im Büro. Eines Tages findet er sich in einer fremden Umgebung wieder, den Tücken der Natur ausgeliefert, und ganz allein.
Wie alle echten Humoristen ist Mahler eigentlich gar kein Komiker, sondern ein Tragiker. Seine Comics wären aber unerträglich, würde Mahler seinen Pessimismus nicht hinter seinem Humor verbergen. Mahler stellt die Banalität des Lebens, nicht anders als Samuel Beckett, melancholisch, komisch und absurd dar.
Die Konkurrenz ist hart, muss das Buch sich doch mit Titeln messen, die mitunter in unfreiwillge Lyrik münden: “Texas als Texttitel”, “Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen – Wie spirituelle Erfahrung das Leben verändert” oder “Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag” sind nur drei weitere der insgesamt 20 nominierten Titel.
Dick Boss, ISBN 978-3-902373-62-5, 225 Seiten, schwarzweiss, Klappenbroschur, 9,60 EUR [D], 9.90 EUR [A], 18,00 SFr., erscheint Anfang Oktober bei Luftschacht
Planet Kratochvil, ISBN 978-3-03731-067-0, 80 Seiten, farbig, Klappenbroschur, 9,80 EUR, 14,80 SFr., erschienen bei Edition Moderne
In der Sendung “Nachhören”, dem Büchermagazin des WDR 5, hat Christian Möller bereits am 21. August Pascal Rabatés und David Prudhommes Graphic Novel “Die Plastikmadonna” (Carlsen) mit einem sehr unterhaltsamen Beitrag vorgestellt.
Dass der Haussegen bei Familie Garnier schief hängt, ist eigentlich nichts Neues. Großmutter Èmilie und Großvater Édouard haben sich ständig in der Wolle. Kein Wunder: Sie ist strenggläubige Katholikin, er ein eingefleischter Kommunist. Als Émilie nun von ihrer Lourdes-Pilgerfahrt eine Madonnenfigur aus Plastik mitbringt und mitten auf dem Fernseher platziert, ist der Familienfrieden endgültig beim Teufel. Vor allem als die Kunststoff-Figur dann auch noch blutige Tränen weint. Mit viel Sinn für Situationskomik erzählen Pascal Rabaté und David Prudhomme diese verrückte Familiengeschichte, und mit einer spöttischen, aber immer liebevollen Sicht auf das Leben in der Provinz.
Nachhören lässt sich “Nachhören” hier (Der Beitrag zu “Die Plastikmadonna” beginnt etwa in der Mitte der Sendung.)
Am Montag, dem 30. August, wird die Verfilmung von Marjanes Satrapis autobiografischer Graphic Novel “Persepolis” (Edition Moderne) erstmals im deutschen Fernsehen gezeigt. Nachdem sich die Geschichte, die in Frankreich zunächst in vier, auf deutsch in zwei Teilen als Buch veröffentlicht wurde, zu einem internationalen Bestseller entwickelt hatte, machte sich Marjane Satrapi zusammen mit Vincent Paronnaud (der unter dem Namen Winshluss selbst Comics veröffentlicht) persönlich an die Trickfilm-Umsetzung, die 2007 in die Kinos kam.
Diese Adaption der zweiteiligen Graphic Novel “Persepolis” ist ein Geniestreich. Der Oscar-nominierte und 2007 mit dem Großen Preis der Jury in Cannes ausgezeichnete Animationsfilm erzählt die jüngere iranische Geschichte aus der selbstironischen Perspektive eines heranwachsenden Mädchens und verdeutlicht die Zeitgeschichte ebenso lakonisch wie durch handfeste Alltagsdetails. Jenseits gut gemeinter Agitation macht die Regisseurin mit ausgefeilter Schwarz-Weiß-Ästhetik und grimmiger Komik ihr Leiden an der alten Heimat zum Motor eines gerade durch die Verfremdung wahrhaftigen, einzigartigen Films: “Lachen ist die subversivste aller Waffen” heißt das Credo von Marjane Satrapi.
Der Film wird Montagnacht in der ARD zu unverständlich später Zeit gezeigt: von 0.05 bis 1.35 Uhr.
Nach dem Beispiel der Librairie Drawn & Quarterly in Montréal – eine Comicbuchhandlung, die sich vor allem durch ihr regelmäßges Angebot an Lesungen, Vorträgen und anderen Veranstaltungen einen hervorragenden Ruf erarbeitet hat – eröffnet Hans Ebert dieser Tage in Hamburg einen neuen Comicladen, der auf den Namen Strips & Stories lautet.
Strips & Stories ist in der Seilerstraße auf St. Pauli in unmittelbarer Nähe der Reeperbahn zu finden und damit auch nur fünf Minuten Fußweg von Karolinen- und Schanzenviertel entfernt.
Nähere Infos zum “Laden für Comics, Bücher, Graphic Novels, Musik und Kunst. Heartbreak Soup auf St. Pauli” gibt es auf Facebook. Am Mittwoch, den 8. September ab 16 Uhr findet die Eröffnungsparty mit einem Schaufensterkonzert statt – auch zuvor ist der Laden schon geöffnet, allerdings sind die Öffnungszeiten unregelmäßig.
Auch in diesem Jahr ist die Frankfurter Buchmesse in Sachen Graphic Novels einer der wichtigsten Branchentermine des Jahres: Neuerscheinungen werden vorgestellt, Buchhandel sowie Lesepublikum über die Verlagsprogramme informiert, Lesungen und andere Podiumsveranstaltungen abgehalten und viele weitere Geschäfte getätigt.
Mit Reprodukt und der Edition Moderne werden in diesem Jahr gleich zwei für ihre Graphic-Novel-Veröffentlichungen bekannten Verlage vom Comiczentrum in Halle 3.0 zur Belletristik in die Halle 4.1 wechseln. Dort befinden sich die Stände der “Jungen Verlage”, unter die beide Verlage sich auf der Leipziger Buchmesse schon seit einigen Jahren gemischt haben. An dieser Stelle kommt Dirk Rehm, Reprodukt-Verleger, zu Wort, der sich zu den Gründen für den Umzug äußert.
Welchen Stellenwert hat die Frankfurter Buchmesse für Ihr Geschäft? Oder anders gefragt: Was macht ein Comicverlag auf der Buchmesse?
Zuallererst einmal: repräsentieren. Wir suchen den Austausch und das Gespräch mit unserem Publikum und mit den Kollegen aus den Verlagen, dem Buchhandel und den Medien. Sowohl die Leipziger als auch die Frankfurter Buchmesse sind für uns sozusagen Wasserstandsmesser für das Interesse und die Akzeptanz des Comic in Deutschland. Und da haben wir in den vergangenen Jahren zunehmend die erfreuliche Erfahrung gemacht, dass sich kaum noch jemand über Comics wundert, sondern dass im Gegenteil Comics und Graphic Novels mittlerweile vom vorbeiströmenden Publikum ganz selbstverständlich in die Hand genommen werden. Um dann am Stand darüber zu debattieren wie über jedes andere gute Buch auch. Der Comic hat hierzulande in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Aufwertung erfahren, natürlich nicht zuletzt durch die hilfreiche Aufbauarbeit des Feuilletons.
Außerdem ist Frankfurt für uns neben dem Festival International de la BD Angoulême die wichtigste Messe für den Einkauf von Lizenzrechten – und erfreulicherweise seit einigen Jahren auch für den Verkauf der Rechte von Produktionen deutscher Zeichnerinnen und Zeichner.
Was führte nun zu dem Entschluss, in diesem Jahr das Comiczentrum zu verlassen?
Die Konzentration der Comicverlage auf das Comiczentrum hat den einen, für uns aber entscheidenden Nachteil, dass nicht an Comics interessierte Leser diesen Teil der Halle 3.0 eher meiden. Und das steht leider im Widerspruch zu einem unserer Ziele auf den Buchmessen, nämlich neue Leser für Comics zu begeistern – Leser, die bisher noch keine oder kaum eine Berührung mit dem Medium hatten.
Ein Großteil des potenziell an den Themen der Comics für eine erwachsene Leserschaft interessierten Publikums ist der Ansicht, dass es mit dem Ende der Pubertät auch das Interesse an Comics abgelegt hat. Dieses Publikum davon zu überzeugen, dass das Gegenteil der Fall ist, ist unser täglich Brot. Und genau deshalb war es für uns eigentlich längst an der Zeit, das Comiczentrum zu verlassen und neue Leser dort abzuholen, wo sie nicht erwarten, mit Comics konfrontiert zu werden.
Wo wird Reprodukt in diesem Jahr zu finden sein?
Unser Stand in Frankfurt findet sich in Halle 4.1, Standnummer C118, in unmittelbarer Nachbarschaft von unabhängigen Verlagen wie Lilienfeld, Orange Press, Verbrecher Verlag oder Voland & Quist. So wie wir uns bereits in den vergangenen drei Jahren auf der Leipziger Buchmesse in der Gesellschaft der Jungen Verlage präsentiert haben, findet sich auch unser diesjähriger Gemeinschaftstand in Frankfurt mit den Kollegen von Edition Moderne und Luftschacht umzingelt von sehr viel Belletristik.
Welche Neuerscheinungen und welche Gäste werden Sie in Frankfurt im Gepäck haben?
Mit “Baby’s in black – The story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe” werden wir auf der Buchmesse den Schwerpunkttitel unseres Herbstprogramms vorstellen, an dem Autor und Zeichner Arne Bellstorf seit mittlerweile drei Jahren arbeitet. Ausgehend von Gesprächen mit Astrid Kirchherr hat Arne Bellstorf eine Geschichte entwickelt, die die Hamburger Subkultur der Sechzigerjahre ebenso zum Thema hat wie die folgenreiche Begegnung der jungen Fotografin Astrid Kirchherr mit dem Musiker und Künstler Stuart Sutcliffe. Arne Bellstorf wird in Frankfurt zugegen sein und sein neues Buch am Samstag, den 9. Oktober um 14 Uhr auf der Leseinsel der unabhängigen Verlage (Halle 4.1 D128) präsentieren.
Ebenfalls am Samstag wird es unter der Fragestellung “Comics in Literaturverlagen – Tendenz oder Hype?” um 16 Uhr auf der Leseinsel eine von Brigitte Helbling moderierte Podiumsdiskussion geben, an der neben Jonas Engelmann (Ventil Verlag) und Jürgen Lagger (Luftschacht) auch ich teilnehmen werde.
In “Am falschen Ort” beschäftigt sich Brecht Evens mit – zumindest auf den ersten Blick – befremdlichen zwischenmenschlichen Verhaltensmustern und der Zerbrechlichkeit der Identität. All das kleidet er in lebendige Aquarellzeichnungen, in denen Charaktere und Hintergründe bisweilen ineinander zu zerfließen scheinen. “Am falschen Ort” ist das bemerkenswerte deutschsprachige Debüt des jungen flämischen Zeichners.
“In meinen Augen” von Bastien Vivès schließlich erzählt – beinah ohne Worte – mittels präzis beobachteter Bewegungen, Blicke und Gesten von einer flüchtigen Liebe. Nach “Der Geschmack von Chlor” ist “In meinen Augen” bereits der zweite Titel dieses französischen Autors, der 2010 bei Reprodukt erscheint.
In der “Neuen Zürcher Zeitung” vom 27. August schreibt Christian Gasser über “Unterwegs mit Samuel” von Tommi Musturi (Reprodukt):
Bedeutungen im Farbenland
Im stummen Comic «Unterwegs mit Samuel» erforscht ein blasses Wesen einen sehr bunten Kosmos. Dabei macht es eigenartige Erfahrungen von philosophischer Tragweite. Entworfen und gezeichnet hat diese Geschichte Tommi Musturi – eine Schlüsselfigur der finnischen Comics-Szene.
Gerade einmal drei Seiten benötigt Tommi Musturi, um die Evolution vom Urknall bis zur Geburt Samuels aus einem olivgrünen Pflanzengebilde zu schildern, und drei weitere Seiten genügen Samuel, um, von einem Regenbogenpuzzle umkränzt, sein Bewusstsein zu finden. Dann geht’s los: Samuel wandelt durch ebenso bizarre wie bunte, von üppig-exotischer Vegetation überwucherte Landstriche, erlebt mit undefinierbaren Wesen kleine und grosse Abenteuer, schlägt sich mit Inkarnationen seiner selbst herum – und bleibt oft auch ganz allein in seinem eigenartigen Kosmos. mehr
Im Oktober erscheint im Berliner avant-verlag der erste Teil der Reihe “Der König der Fliegen” der beiden Franzosen Pascal “Mezzo” Mesenburg und Michel Pirus, in der sich eine Reihe suburbaner Kurzgeschichten zu einem erzählerischen Ganzen verbinden.
“Mir ging es so gut wie seit langem nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, mir würde das Gehirn aufgepumpt. Ich hatte das Gefühl, es würde unter meinem Fliegenkopf anschwellen und gleich explodieren. Und ich wollte, dass es explodiert… Ich wollte, dass sich mein Gehirn über das ganze Feld verbreitet.”
Die Vorstädte, die der Handlungsort der Kurzgeschichte von Mezzo und Pirus sind, könnten überall und nirgends sein. Die einzelnen Geschichten werden jeweils von einem anderen Protagonisten erzählt, aber bald wird offensichtlich, dass sie miteinander verwoben sind und in ihrer Gesamtheit eine einzige große Erzählung ergeben. So formt sich das Bild von Erik, einem drogenkonsumierenden Teenager, der nicht nur mit seinem Stiefvater, sondern auch mit der ganzen Welt im Streit lebt.
Hyperdetailierte Bilder, hypnotische Farben und knallharte Geschichten. Die beiden französischen Autoren bringen die Kraft und den Punch eines Charles Bukowski in die Welt der Comics. Die beiden Franzosen Michel Pirus und Pascal “Mezzo” Mesenburg wurden 1962 bzw. 1960 in Thionville respektive Drancy geboren. Gemeinsam arbeiteten sie bereits an vielen französischen Graphic Novels: “Les désarmés”, “Deux tueurs”, “Un monde étrange” und “Mickey, Mickey”, die alle in den 90er Jahren erschienen sind.
Der Nachfolgeband “Die Entstehung der Welt” ist für Frühjahr/Sommer 2011 vom avant-verlag angekündigt.
Eine Leseprobe des ersten Bandes kann hier als PDF heruntergeladen werden (2,7 MB).
König der Fliegen 1 – Hallorave, ISBN 978-3-939080-38-1, 64 Seiten, farbig, Softcover, 19,95 EUR, erscheint im Oktober bei avant-verlag
Nachdem “Der Geschmack von Chlor”, das deutschsprachige Debüt von Bastien Vivès, sowohl von der Presse als auch von den Leserinnen und Lesern begeistert aufgenommen wurde, erscheint Anfang Oktober – und damit rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse – mit “In meinen Augen” bereits ein zweites Buch des enorm produktiven französischen Zeichners.
Durch die Augen eines Verliebten lernen wir seinen Schwarm, eine rothaarige junge Frau, kennen. Sie lacht, sie tanzt, sie fasziniert uns vom ersten Moment an ebenso sehr wie ihren unbekannten Verehrer, den wir an keiner Stelle zu Gesicht bekommen.
Bastien Vivès kann auf die Verbalsisierung von Gefühlen und Gedanken getrost verzichten – durch präzis eingefangene Bewegungen, Blicke und Gesten allein erzählt er von einer flüchtigen Liebe, der von Beginn an eine Schwere innewohnt.
Bastien Vivès, geboren 1984 in Frankreich, studierte Grafik und Animation an der Pariser École des Gobelins. Bereits in jungen Jahren kann der Zeichner auf ein umfangreiches und stetig wachsendes Œuvre zurückblicken. Dabei bestechen seine Arbeiten wie “Der Geschmack von Chlor”, “Amitié étroite” oder “Pour l’Empire” durch eine enorme stilistische Bandbreite auf hohem Niveau.
Für “Der Geschmack von Chlor” ist Bastien Vivès 2009 auf dem Comic-Festival in Angoulême mit dem “Essentiel Révélation”, dem Preis für den besten Nachwuchskünstler, ausgezeichnet worden.
“Das Ausmaß an Sinnlichkeit, das Bastien Vivès zu zaubern vermag, ist schlicht sensationell.” – Christoph Haas, Süddeutsche Zeitung
In meinen Augen, ISBN 978-3-941099-58-6, 136 Seiten, farbig, 27 x 18,5 cm, Klappenbroschur, 18 EUR, erscheint im Oktober bei Reprodukt
Ab dem heutigen Mittwoch wird das neue Buch von Joe Sacco, “Bosnien”, ausgeliefert. Anders als der Vorgängerband “Palästina”, der ab sofort in neuer Auflage wieder erhältlich ist, war “Bosnien” in Deutschland bisher unveröffentlicht.
Ein Schweinekopf in einer Moschee, Gerüchte über eine Kindsentführung, Provokationen an einer Hochzeit. Normalerweise reicht das nicht, um eine über Generationen entstandene multiethnische Gemeinschaft zu erschüttern. Und doch ist es vor nicht allzu langer Zeit geschehen, praktisch vor unserer Haustüre, in Bosnien. Aus guten Nachbarn wurden ein Serbe, ein Muslim, ein Kroate.
In diesem Buch dokumentiert Joe Sacco auf eindringliche Art und Weise das Aufkommen von Nationalismus, Rassismus und Homophobie am Beispiel der bosnischen Stadt Goražde, die er ab 1995 mehrmals besucht hat.
Goražde war im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 heftig umkämpft. 1993 wurde die Stadt zur UN-Schutzzone erklärt. Als Enklave war sie von der Föderation Bosnien und Herzegowina lange komplett abgeschnitten. Goražde war die einzige mehrheitlich von Bosniaken bewohnte Stadt, die sich aus eigener Kraft gegen die Serben verteidigen konnte.
Auf der Website der Edition Moderne kann man sich in einer mehrseitigen Leseprobe einen Eindruck von dem Buch machen.
Bosnien, ISBN 978-3-03731-069-4, 234 Seiten, schwarzweiss, Klappenbroschur, 24,00 EUR, 36,00 SFr., erschienen in der Edition Moderne
Der zur Mediengruppe Pearson – eine der weltweit umsatzstärksten Verlagsgruppen – gehörende, ursprünglich britische Verlag Penguin Books ist für seine preiswerten Taschenbuchausgaben von englischsprachigen und internationalen Klassikern bekannt. Schon vor einigen Jahren wurden die ersten Comickünstler gebeten, für Neuausgaben von Klassikern eigene Cover zu gestalten.
Die Reihe wird weiter fortgesetzt. Erst kürzlich hat der Franzose Killoffer (“676 Erscheinungen von Killoffer”, Reprodukt) ein neues Cover zu Marx und Engels’ “Das Kommunistische Manifest” entworfen.
Die Fab Four und ihr exaktes Gründungsjahr sind nicht das eigentliche Thema in der neuen Graphic Novel von Arne Bellstorf, die im Oktober erscheinen wird. Die Anfänge der Beatles im Hamburg der frühen Sechzigerjahre allerdings spielen darin eine wichtige Rolle. “Baby’s in black – The story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe” erzählt von der Liebesgeschichte zwischen der Hamburger Fotografin Astrid Kirchherr und dem Musiker und Künstler Stuart Sutcliffe vor dem Hintergrund einer neu entstehenden Jugendkultur.
In den Medien werden The Beatles derzeit gefeiert – auch wenn keineswegs Einigkeit darüber herrscht, dass die Geschichte der weltberühmten Band tatsächlich vor exakt fünfzig Jahren begann. Im “Tagespiegel” vom 21. August schreibt Torsten Hampel unter dem Titel “Der Taktvolle” über die Rolle, die Tony Sheridan für die Karriere der Beatles gespielt hat:
“Tony Sheridan brachte vor 50 Jahren die Beatles auf den Weg. Als sie sich trennten, waren die einen Stars – und der andere hatte fortan ein Problem.”
In der “Süddeutschen Zeitung” befasst sich Christian Rabe unter dem Titel “Die Heilige Familie” mit der Frage, ob die Beatles sich wirklich vor fünfzig Jahren gegründet haben:
“Das Jahrzehnt der Beatles beginnt im Jahr 1960, nur ohne die Beatles – die kannte damals noch kein Mensch. Über ein eher willkürliches Jubiläum.”
Wiederum im “Tagesspiegel” vom 1. August wird nicht bezweifelt, dass die Geschichte der Beatles 1960 begonnen hat. Christian Schröder schreibt unter dem Titel “Du sagst, du willst ‘ne Revolution”:
“Vor fünfzig Jahren ereignete sich eine Kulturrevolution. Nach diesem August 1960, so viel lässt sich von heute aus sagen, sollte die Welt eine andere sein als zuvor: jugendlicher, aufregender frisiert, erfüllt von der besseren Musik.”
Auf dem Produktionsblog www.babysinblack.de gibt Autor Arne Bellstorf Einblick in die Entstehung von “Baby’s in black – The story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe”.
Herausgegeben von der Überlinger Agentur Ratschlag erscheinen dieser Tage gleich vier Bände der “Infocomics” genannten Sachcomicreihe. Auch wenn es sich hierbei nicht um Graphic Novels im strengeren Sinn handelt, wird doch in den Bänden jeweils ein erzählerischer Faden verfolgt, um ein spezielles Thema zu erläutern. Die ersten der von unterschiedlichen Autoren- und Zeichnerteams erstellten Bände befassen sich mit den Themen “Ethik”, “Logik”, “Kapitalismus” und “Shakespeare”. Weitere Bände der “Infocomics”-Reihe sind geplant.
Müssen seriöse Bücher eigentlich immer Bleiwüsten sein? Müssen seriöse Bücher eigentlich immer unverständlich geschrieben sein? Jeder weiß es im Prinzip: Lustloses Lesen und Lernen ist gar kein Lernen, das ist Durchzug. Texte sprechen einen Teil des Gehirns an. Bilder gehen schon einen Schritt weiter. Und den notwendigen Spaß an der Sache bringen die Comics mit – und noch einen Schuss Selbstironie gegen verbohrtes Denken und fundamentalistische Versuchungen.
Infocomics, das sind Einführungen in verschiedene wissenschaftliche Disziplinen (Philosophie, Soziologie, Kulturwissenschaft, Statistik etc.), in viel diskutierte Themengebiete (Frauenemanzipation, Evolution, Buddhismus etc.) und das Leben und Werk großer Denker und Beweger (Hawking, Freud, Nietzsche).
Und nicht nur die Agentur Ratschlag und Bildung veröffentlicht dieser Tage einen Comic zum Thema Logik: Beinah zeitgleich erscheint bei Atrium der international viel beachtete Titel “Logicomix” von Apostolos Doxiadis, Christos H. Papadimitriou, Alecos Papadatos & Annie Di Donna.
Infocomics, schwarzweiss, Softcover, 12,5 x 18 cm, 10 EUR, die Reihe erscheint bei Agentur Ratschlag und Bildung GmbH
Kai Biermann am 13. August auf “ZEIT online” über “Der Geschmack von Chlor” von Bastien Vivès, erschienen bei Reprodukt – eine Bildergalerie gibt es dazu:
Vom Schmerz und vom Schwimmen
Bastien Vivés’ Comic “Der Geschmack von Chlor” erzählt fast ohne Worte eine ganz alltägliche Geschichte. Umso beeindruckender zeigt sich, wie viel Augen sagen können.
Insgesamt 135 Seiten hat Der Geschmack von Chlor, nicht auf einem Drittel davon sind Dialoge, ist nicht einmal ein Laut zu lesen. Selbst für einen Comic, per definitionem eine mit Bildern erzählte Geschichte, ist das beeindruckend still. Doch stumm ist es nicht. Der Franzose Bastien Vivès erzählt mit Blicken. mehr
Graphic Novels ['græfik 'nɔvəls] haben es in das Glossar der vom WDR betriebenen Website wissen.de geschafft. Die Kurzbeschreibung findet sich hier.
Zwei Fachzeitschriften haben sich in den vergangenen Wochen mit Graphic Novels befasst: Für “Spektrum der Wissenschaft” hat Lennart Pyritz Jens Harders “Alpha – Directions” (Carlsen) gelesen und attestiert dem Autor im Artikel “Comic-Evolution” eine “augenzwinkernde Kreativität”. Im “Deutschen Ärzteblatt” stellt Freddy Litten weniger erbauliche Inhalte vor: “Comics: Vergewaltigung, Krankheit und Tod”. Von den vorgestellten Comics ist einzig die Trilogie “Der Fotograf” von Didier Lefèvre, Emmanuel Guibert und Pascal Lemercier (Edition Moderne) auf Deutsch erhältlich.
An gleicher Stelle schreibt Christian Endres über “Sky Hawk” (Schreiber & Leser), den neuen Band von Jiro Taniguchi. In Zwei Samurai bei den Sioux” lobt er die gelungene Verknüpfung von Western und Manga. “Die Hölle Pubertät” durchschreitet Melanie Gerland in ihrem autobiografischen Debüt “Offene Arme” (Balance Verlag), wie Sven Jachmann ebenfalls auf tagesspiegel.de ausführt.
Leichtere Kost verspricht David Prudhommes “Rembetiko” (Reprodukt), auch wenn es dort “Zwischen Knast und Kneipe” heiß her geht. Thomas Klingenmaier schreibt über das Buch in seinem Blogbeitrag auf der Seite der “Stuttgarter Zeitung”.
Im “Nordwestradio” von Radio Bremen hat Karolin Korthase ein weiteres Mal Peer Meters und Barbara Yelins Buch “Gift” (Reprodukt) vorgestellt. Der Beitrag lief in der Sendung “Literaturzeit” und kann hier noch einmal in ganzer Länge nachgehört werden.
“Comicautor Ralf König ist 50″ lautet die Überschrift des ausführlichen Porträts, das auf der Website der Deutschen Welle zu finden ist. Dort resümiert die Autorin Gisa Funck: “Von einsetzender Altersmilde aber ist beim Altmeister glücklicherweise nichts zu spüren, dessen Cartoons weiterhin erfrischend respektlos die Untiefen sozialer Konventionen ausloten.”.
Der “Stern”-Blogger Gerd Blank erkennt in Benjamin Schreuders und Felix Mertikats “Jakob” (Cross Cult) eine “herzergreifende, wundervoll gestaltete” Geschichte: “Die traurige Geschichte von ‘Jakob’”. Die beiden Kreativköpfe hinter dem Buch sind Absolventen der Filmhochschule Ludwigsburg und haben “Jakob” als medienübergreifendes Projekt gestartet, das “cinearte”, das Nachrichtenmagazin für Filmschaffende, in der aktuellen Ausgabe vorstellt. Die Zeitschrift lässt sich komplett als PDF herunterladen.
Soeben ist mit der ersten Ausgabe des britischen “Journal of Graphic Novels and Comics” (Taylor and Francis) eine weitere englischsprachige Zeitschrift erschienen, die sich dem Thema Comics von wissenschaftlicher Seite nähert. Auch wenn sie in anderen Fachpublikationen wie dem “International Journal of Comic Art” immer wieder Beachtung fanden, stehen Graphic Novels hier erstmals explizit im Mittelpunkt von historischen, soziologischen, kunst- und kulturwissenschaftlichen Betrachtungen.
“The Journal of Graphic Novels and Comics is a peer reviewed journal covering all aspects of the graphic novel, comic strip and comic book, with the emphasis on comics in their cultural, institutional and creative contexts. Its scope is international, covering not only English language comics but also worldwide comic culture. The journal reflects interdisciplinary research in comics and aims to establish a dialogue between academics, historians, theoreticians and practitioners of comics. It therefore examines the production and consumption of comics within the contexts of culture: art, cinema, television and new media technologies.”
Die erste Ausgabe des “Journal of Graphic Novels and Comics” kann komplett online gelesen und als PDF heruntergeladen werden, weitere Ausgaben werden jedoch nicht mehr gratis erhältlich sein. Artikel widmen sich unter anderem den Autoren Alan Moore (“V wie Vendetta”, Zeichnungen von David Lloyd, Panini) und Chester Brown (auf deutsch veröffentlicht: “Fuck”, Reprodukt): “‘A fistful of dead roses…’. Comics as cultural resistance: Alan Moore and David Lloyd’s V for Vendetta” bzw. “Redrawing nationalism: Chester Brown’s Louis Riel: a comic-strip biography”.
In Deutschland erscheint mit dem Jahrbuch “Deutsche Comicforschung” zwar eine regelmäßige Publikation, die sich Comics wissenschaftlich zu nähern sucht, hier steht aber einzig die deutsche Comicgeschichte und ihre historische Phänomenologie im Mittelpunkt.
Auf der Website des “Journal of Graphic Novels and Comics” findet auch sich ein Call for Papers für die “Joint International Conference of Graphic Novel, Bandes Dessinées and Comics”, die am nächsten Jahr an der Manchester Metropolitan University stattfinden wird. Interessierte Wissenschaftler sind dazu aufgerufen, sich mit Beitragsvorschlägen zu melden.
Vom 16. September bis zum 16. Oktober zeigt die Bremer Villa Ichon die Ausstellung “Zurückgeblättert – Kindheit und Kinderbücher in der DDR”. Wie der Titel schon verrät, steht in der vom Bremer Institut für Bilderbuch und Erzählforschung organisierten Schau die DDR-Kinderliteratur im Mittelpunkt, die vorgestellt und inhaltlich hinterfragt wird. Zudem sind eine Reihe von interaktiven Stationen geplant, die Kinder und Jugendliche spielerisch an das Thema DDR heranführen.
Als Teil des Rahmenprogramms wird Simon Schwartz am 18. September nach Bremen kommen und in der Villa Ichon um 18 Uhr aus seinem Debütband “drüben!” (avant-verlag) lesen und dessen Hintergrundgeschichte erläutern. Zusätzlich wird es dort auch eine Ausstellung zum Buch geben.
In der gestrigen Sendung “Büchermarkt” des Deutschlandradios standen drei Graphic Novels im Mittelpunkt: “drüben!” von Simon Schwartz, “Blotch” von Blutch (beide avant-verlag) und “Gift” von Peer Meter und Barbara Yelin (Reprodukt). Als Gäste hatte Literaturkritiker Denis Scheck den Comic-Journalisten und -Herausgeber Andreas C. Knigge sowie Daniela Seel, Herausgeberin und Lektorin des kookbook-Verlags, eingeladen.
Der Beitrag kann in ganzer Länge hier nachgehört werden.
Das Literarische Zentrum Göttingen empfängt am 15. September die Berliner Zeichnerin Ulli Lust anläßlich einer Lesung aus ihrem Buch “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens” (avant-verlag).
Sie wollten der Enge des österreichischen Spießer-Muffs entkommen und geraten unter notgeile Machos. Da zwingt die Erfahrung von Gewalt die Handlung in die Bilder. Die Wut brennt auf der Haut, der Mensch wird zum Wolf und Ulli verliert die Kontur.
– Die Wände des Zentrums werden zur Projektionsfläche für eine Graphic Novel, über die der Literaturwissenschaftler Daniel Stein mit der gebürtigen Wienerin spricht. Ihre Bildkolumnen und Minireportagen, ‘Fashionvictims, Trendverächter’, kann man am Tag darauf in einer Veranstaltung von »Literatur macht Schule« entdecken.
Am Samstag, den 9. und Sonntag, den 10. Oktober findet im Jüdischen Museum Rendsburg unter der Leitung von Elke R. Steiner (“Die anderen Mendelssohns”, Reprodukt) ein Comic-Workshop für Jugendliche und junge Erwachsene statt.
Thema des Workshops sind die jüdischen Feiertage -dahinter stehen viele unterschiedliche Geschichten. Was für Möglichkeiten bietet der Comic, davon zu erzählen? Die gezielte Verwendung und auch das Weglassen von Farben können dabei helfen. Während der zwei Tage, an denen der Workshop stattfindet, gibt es genügend Zeit für Übungen, Experimente und die Verwirklichung von eigenen Ideen.
Zu Beginn des Workshops gibt Dr. Christian Walda, der Leiter des Jüdischen Museums Rendsburg, eine Einführung in die jüdischen Feiertage und Feste mit ihren Ritualen, ihren besonderen Speisen und festlichen Familienzusammenkünften. Schabbat, Jom Kippur, Chanukka und das Pessachfest können dabei als Orientierungspunkte gesehen werden, die den Jahresverlauf im Judentum einteilen.
Im Anschluss an den Workshop wird es eine Ausstellung mit den gefertigten Comics im Jüdischen Museum Rendsburg geben, die mit einer kleinen Vernissage am Montag, den 11. Oktober in Anwesenheit der Workshop-Teilnehmern eröffnet werden soll.
Ausgerichtet wird der Workshop vom Schleswig-Holsteinischen Heimatbund, auf dessen Website man sich über weitere Details informieren und auch anmelden kann. Elke R. Steiner weilt während des Workshops an einem ihr gut bekannten Ort, sie hat sich bereits in ihrem Debüt, “Rendsburg Prinzessinenstraße” (Edition Panel), mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Rendsburg befasst.