In der “FAZ” vom 30. Dezember 2010macht sich Andreas Platthaus kritische Gedanken über Graphic Novels und ihre Bedeutung für den Buchmarkt. “Die Comicbranche wittere Morgenluft”, nimmt er an, und stellt im Folgenden drei Titel aus dem Jahr 2010 vor: “Rembetiko” von David Prudhomme (Reprodukt), “Logicomix” von Apostolos Doxiadis und Christos H. Papadimitriou, sowie “Anne Frank” von Ernie Colon und Sid Jacobson (Carlsen).
Siegeszug unter falscher Flagge
Das ist ihre Chance bei Buchhandel und Publikum: Comics heißen jetzt „Graphic Novels“ und verändern ihr Image. Der Mut bei den Verlagen wächst dementsprechend, doch von drei besonders hoch gehandelten Neuerscheinungen kann nur eine restlos überzeugen.
Wenn es nur einen einzigen neuen Comic zu benennen gälte, der die Vorzüge dessen, was man heute „Graphic Novel“ nennt, beweisen müsste, dann hieße die Wahl: „Rembetiko“. Dieser Band, den der 1969 geborene David Prudhomme im vergangenen Jahr in seiner französischen Heimat herausgebracht hat, ist jetzt sehr schnell auch ins Deutsche übersetzt worden: von Reprodukt, einem kleinen Berliner Verlag, der sich mit am kompromisslosesten dem neuen Genre der Graphic Novels verschreibt. Andere deutsche Verlage hatten „Rembetiko“, der in Frankreich gefeiert wurde, abgelehnt. Aber ist dieses Genre überhaupt neu? mehr
Kurz vor Jahresschluss noch einmal ein Blick auf die vielfältige Berichterstattung über Graphic Novels in den Medien. Leider kann nicht auf alles verlinkt werden, wie zum Beispiel auf Andreas Platthaus eine ganze Seite füllenden Bericht über die Bedeutung von Graphic Novels in der heutigen Ausgabe der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” (update: Der Artikel “Siegeszug unter falscher Flagge” ist nun auch online abrufbar). Auf eine Reihe von Berichten und Rezensionen kann an dieser Stelle jedoch wie gewohnt verwiesen werden.
Die am heutigen Donnerstag in den Kinos startende Verfilmung von Posy Simmonds “Tamara Drewe” (Reprodukt) unter dem Titel “Immer Drama um Tamara” findet natürlich breite Beachtung in den Feuilletons, wobei die Vorlage zumindest hingewiesen wird. Auf “tagesspiegel.de” stellt Sven Jachmann das Buch noch einmal ausführlich vor und legt: “Die Begierden der Intellektuellen” dar.
Ralf Königs “Antityp” (Rowohlt) ist die Buchempfehlung im Dezember des “Radiofeuilletons” im “Deutschlandradio”. Knut Cordsen legt das Buch in “Fundgrube für Kokolores” “jedem Frömmler ans Herz”. Christian Möller stellt im “Deutschlandradio Wissen” Peer Meters und Isabel Kreitz´ “Haarmann” (Carlsen) vor: “Serienmörder als Comic”. Derselbe Band wird von Thomas Hummitzsch auf “BerlinerLiteraturkritik.de” besprochen: “Der Tatort unter den Comics”. Und auf “satt.org” schreibt Andre Kagelmann über eben jenen Band unter der Überschrift “Ratten im Hirn …”.
Weitere biografische Comics fanden in den Medien Beachtung: Auf fm4.orf.at stellt Zita Bereuter“Logicomix” von Apostolos Doxiadis und Christos H. Papadimitriou (Atrium) vor: “Russell, Wittgenstein und Gödel als Superhelden”. “Ginsberg, Kerouac und Co. waren homophob, antisemitisch. Und prägten die Popkultur” schreibt Brigitte Preissler in “Dichter sind gefährlich” für “Die Welt” über die von Harvey Pekar und Paul Buhle herausgegebene Portraitsammlung “The Beats” (Weidle+Graf). Vor allem die “gewohnt exzellenten” Zeichnungen von Autor Reinard Kleist in seinem Buch “Castro” (Carlsen) haben es Markus Lippold angetan, wie er in seiner Besprechung auf n-tv.de schreibt: “Vaterland oder Tod – oder Diktatur”. Der Band ist Buchtipp auf “blickpunkt-lateinamerika.de”, wo Thomas Völkner“Fidel Castros Leben als Comic” vorstellt.
Auf “Aviva-Berlin.de”, dem “Online-Magazin für Frauen” stellt Claire Horst den dritten Band von Joann Sfars “Klezmer” vor: “gewohnt farbenfroh und traumartig versponnen”. Gerade die “brillante Inszenierung” hat es Benjamin Vogt bei der Lektüre von Bastien Vivès´ “In meinen Augen” angetan, wie er auf “comicgate.de” schreibt.
Gleich zwei Bände von Bastien Vivès finden sich in den lesenswerten Jahres-Top 10 der besten Comic auf “titel-magazin.de”. Dort wurden vor Weihnachten noch eine Reihe weiterer Graphic Novels vorgestellt: Marc-Antoine Mathieus “Gott höchstselbst” (Reprodukt) findet nur bedingt das Wohlwollen des Rezensenten Falk Straub, der in “Der Schöpfer im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” jedoch relativierend feststellt: “Manch anderer Autor und Zeichner würde sich wünschen, einen Ausrutscher auf solch hohem Niveau überhaupt einmal zustande zu bringen.” Gleich zwei neue Bände von David B. stellt Alexander Frank in “Ornamentale Menschenknäuel und kopflose Piraten” vor: “Auf dunklen Wegen” und “Kapitän Scharlach” (letzterer zusammen mit Emmanuel Guibert, beide avant-verlag).
Weiterhin auf “titel-magazin.de” erkennt wieder Falk Straub eine “herausragende Meditation über Lust und Gewalt” in der Piraten-Trilogie “Jeronimus” von Christophe Dabitch und Jean-Denis Pendanx (Schreiber & Leser): “Homo homini lupus”. Christian Neubert kann dagegen der Manga-Trilogie “Furious Love” von Kazuo Kamimura (Carlsen) nicht besonders viel abgewinnen: “Weiter wie gehabt…”.
Zum heutigen Filmstart von “Immer Drama um Tamara” eine kurze Übersicht der bisher erschienenen deutschen Besprechungen:
“Frears hat seine Freude an den psychologischen Spielchen, die alle in Ewedown miteinander treiben, er liebt die Kollisionen zwischen den Charakteren. Irgendwie, in ihrem tiefsten Inneren, ist Tamara Drewe auch eine komische Marquise de Merteuil” – Susan Vahabzadeh, Süddeutsche Zeitung
“Das ist es denn auch, was “Immer Drama um Tamara” aus den üblichen romantischen Komödien herausstechen lässt: Wo sonst Moral über Sünde und Kompromiss über Eigensinn siegen, müssen die Filmheldinnen hier nicht erst in sich gehen. Sie kriegen alles – nicht nur Sex und Liebe, sondern auch das letzte Wort. Was für ein Triumph!” – Hannah Pilarczyk, Spiegel online
“Denn der bitterböse Blick des Regisseurs schält aus den Figuren ihre Vielgesichtigkeit heraus. Noch die scheinbar Eindimensionalsten unter ihnen bekommen im Laufe der 110 Minuten Tiefe, und am Schluss hat man für alle eine gewisse Sympathie.” – Andreas Platthaus, faz.net
“Stephen Frears jongliert damit brillant… Genau das garantiert wunderbar beschwingende Unterhaltung.” – Peter Claus, dpa
“Und genau das macht die launige Komödie zu einem Vergnügen. Denn “Immer Drama um Tamara” ist ein großer Spaß.” – Andrea Burtz, WDR 2
Die farbenfrohe Graphic Novel “Am falschen Ort” von Brecht Evens wird heute in der “Süddeutschen Zeitung” von Stephanie Drees mit großem Lob bedacht. Wobei auch der Verlagein paar der Lorbeeren erntet: “‘Am falschen Ort’ ist im Reprodukt-Verlag erschienen, der für innovative Ästhetiken steht.”
Das Phantom des Harems
Sozialstudie in Wasserfarben: Brecht Evens’ “Am falschen Ort”
Manchmal scheint die Welt zu verschwimmen, fließen die Konturen ineinander. Auf Papier ist dieses Gefühl nicht einfach abzubilden, sowohl Worte als auch Bilder müssen für eine Bewegung stehen, die sich im Kopf des Lesers in Gang setzt. Brecht Evens hat mit seiner Graphic Novel ‘Am falschen Ort’ den Versuch unternommen und eine Welt der tragisch-komischen Verlierer geschaffen. mehr
An diesem Donnerstag startet die Verfilmung von Posy Simmonds Graphic Novel “Tamara Drewe” unter dem Titel “Immer Drama um Tamara” in den deutschen Kinos. Regie führte Stephen Frears, die Hauptrolle spielt Gemma Arterton. Wie auch im Buch spielt die Handlung im Film auf einem großzügigen Anwesen im Süden Englands. Schriftsteller ziehen sich hierhin zurück, um in Abgeschiedenheit an ihren Manuskripten zu arbeiten.
Die Idylle wird gestört, als Tamara Drewe, Klatschkolumnistin aus London, an diesen Ort ihrer Jugend zurückkehrt, um ein Erbe anzutreten. Mit ihrer Anziehungskraft auf die Männer vor Ort bringt Tamara lang unterdrückte Konflikte zum Ausbruch. Als zwei pubertierende Mädchen aus dem Dorf das allgemeine emotionale Durcheinander zum Anlass für eine Intrige nehmen, kommt es zu einem Todesfall…
Zur Buchvorlage bemerkte der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe:
“Mit treffsicheren Linien durchleuchtet Posy Simmonds in ‘Tamara Drewe’ die Charaktere und zeigt uns, aus welchem Holz die Literaten, Autoren, Verleger, Kritiker und Akademiker gleichermaßen geschnitzt sind, all die Eitelkeiten, Begehrlichkeiten, Eifersüchteleien und die anderen gekränkten Gefühle, die sie mit sich herumtragen – genauso wie die Lust, die sie nur notdürftig in ihren Jeans verbergen.” – Tom Wolfe
Die Verfilmung feierte im Frühjahr auf dem Filmfestival in Cannes Premiere und wurde seitdem mit Kritikerlob bedacht (siehe unten). Zur Einstimmung auf die gelungene Umsetzung hier noch einmal der deutschsprachige Trailer.
„Kluge und amüsante Komödie über Schriftsteller und ihre Marotten und
Liebschaften im idyllischen Hardy-Land.“ – The Hollywood Reporter
„Eine Wonne von der ersten bis zur letzten Sekunde … Gemma Arterton, Roger
Allam, Dominic Cooper, Luke Evans, Tamsin Greig und Bill Camp sind einfach
großartig.“ – The Daily Mail
„Diese Komödie spielt auf dem Land in England, wo das plötzliche Auftauchen einer
Sexbombe (Gemma Arterton) die kleine dörfliche Welt total aus den Fugen geraten
lässt.“ – Le Parisien
„Stephen Frears fidel-romantische Komödie IMMER DRAMA UM TAMARA war für
mich der witzigste Film in Cannes.“ – New York Post
„Mit IMMER DRAMA UM TAMARA inszeniert Stephen Frears ein urwüchsiges
Vaudeville-Stück, in dem desillusionierte Schriftsteller auf Rocker und verführerische
junge Mädchen treffen. Über die vier Jahreszeiten hinweg werden ihre Lügen entlarvt
und ihr Verstand hinweggefegt.“ – Excessif
„Fans von sarkastischen Kommentaren und Wortwitz kommen auf ihre Kosten.“ – OutNow.CH
„Die Komödie des Sommers!“ – Télé 7 Jours
„Ein Film, der von Anfang bis Ende beflügelt.“ – Télérama
2010 sind eine Reihe hervorragender Graphic Novels erschienen, die viele Leserinnen und Leser begeistert haben. Fiktives, biografisches, autobiografisches, Reportagen, Sachcomics – jeder konnte bei der enormen Bandbreite der Veröffentlichungen etwas für sich finden. Das beweisen auch die steigenden Auflagen und das hohe Medieninteresse an Graphic Novels.
Wir möchten nun wissen, welche Graphic Novel euch, unseren Blog-Besuchern, 2010 am besten gefallen hat. Der beste Schmöker, das unterhaltsamste Buch, die entspannendste Strandlektüre. Und vielleicht lag auch zu Weihnachten noch ein toller Titel unter dem Baum. Schickt ein Foto von euch mit eurer liebsten Graphic Novel an gewinnen@graphic-novel.info und schreibt noch ein bis zwei Sätze dazu, in denen ihr kurz erklärt, was euch an diesem Buch so begeistert.
Unter allen Einsendern verlost www.graphic-novel.info zwei große Pakete mit Büchern von avant-verlag, Carlsen Comics, Edition 52, Edition Moderne und Reprodukt. (Eure Favoriten müssen natürlich nicht von diesen Verlagen stammen.) Einsendeschluss ist der 2. Januar 2011. Die schönsten Einsendungen werden auf www.graphic-novel.info veröffentlicht.
Anfang Dezember war Reinhard Kleist zu Gast in der Sendung “Corso” des Deutschlandfunks. Im Interview berichtet Reinhard Kleist über seine Motivation, dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro mit “Castro” (Carlsen) eine Biografie zu widmen, über seine erzählerischen Ansätze und über seine Einstellung zum Begriff “Graphic Novel”. Das Gespräch lässt sich hier online nachhören.
Bereits Ende November widmete Christian MöllerPeer Meters und Isabel Kreitz’ Graphic Novel “Haarmann” (Carlsen) ein umfangreiches Radio-Feature, das nicht zuletzt die Zeichnerin selbst zu Wort kommen lässt. Auch der ursprünglich bei “DRadio Wissen” ausgestrahlte Beitrag lässt sich im Internet hören.
Warte, warte noch ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir…
“Ich will geköppt werden. Köppen – und damit fertig.” Diesen Wunsch äußerte ein Mann, der als der brutalster Seriennmörder Europas galt: Fritz Haarmann, der in Hannover 1924 zum Tode verurteilt wurde. In den Jahren davor hatte er mindestens 24 jungen Männern auf bestialische Weise das Leben genommen.
Mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Schabefleisch aus dir
Über den psychisch gestörten Massenmörder, der seine Opfer nach der Tat mit einem Beil säuberlich zerlegte – und das Fleisch wahrscheinlich verkaufte – ist nun im Carlsen Verlag ein außergewöhnlicher Comic erschienen. Düster sind die Bleistiftzeichnungen von Isabel Kreitz, düster die Texte von Peer Meter. mehr
Bereits Ende Oktober hat sich Kai Löffler für “Mosaik”, das Kulturmagazin auf WDR 3, mit Daniel Clowes’ Graphic Novel “David Boring” (Reprodukt) beschäftigt. Unterstützt vom Comic-Experten Andreas Platthaus geht der Autor dabei u.a. der Frage nach, warum die Veröffentlichung einer deutschsprachigen Ausgabe erst mit mehrjähriger Verspätung erfolgt ist.
“Transatlantischer Nachzügler”
Daniel Clowes’ „David Boring“ und die Graphic Novel
Er wurde in den USA als erzählerischer Meilenstein gefeiert und unter anderem mit Samuel Beckett und J.D.Salinger verglichen. Die Rede ist von “David Boring”, einer Graphic Novel von Daniel Clowes, dem Autor und Drehbuchautor von “Ghost World”. Jetzt erscheint “David Boring” in Deutschland – zehn Jahre nach der amerikanischen Erstveröffentlichung. Warum hat es so lange gedauert und was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Graphic Novel und einem Comic? Mosaik ist diesen Fragen auf den Grund gegangen.
Kai Löfflers Beitrag lässt sich auch online nachhören.
Klaus Schikowski ist einer der wenigen Journalisten, der sich komplett dem Medium Comic verschrieben hat. Neben vielen Artikeln, unter anderem für den “Tagesspiegel”, das “Comic!-Jahrbuch” und das Fachmagazin “Comixene” ist er Autor des Buches “Die großen Künstler des Comics” (edel). Erläuternde Einführungen und Nachworte des Kölners finden sich unter anderem in Jiro Taniguchis “Vertraute Fremde” (Carlsen) und im noch nicht veröffentlichten Krimi “Die Tote im Pelzmantel” von Fred Vargas und Edmond Baudoin (Aufbau). Nachdem er sich schon vor einiger Zeit anlässlich der Veröffentlichung seines Buches unseren “Fünf Fragen” stellte, wirft er heute einen Blick zurück auf das vergangene Jahr.
In diesem Jahr gab es einige Graphic-Novel-Veröffentlichungen, die in der Presse und beim Publikum große Beachtung fanden. Woran, meinen Sie, lag das?
Natürlich hat in den letzten Jahren die Professionalität von einigen Verlagen bezüglich der Pressearbeit zugenommen und zudem ist auch die Zahl der comicaffinen Journalisten und Redakteure gestiegen. Aber obwohl dies zwei wichtige Punkte sind, wäre es zu einfach, die diesjährige Akzeptanz in den Medien damit zu erklären.
Es hat auch mit der steigenden Qualität vieler Bände zu tun, mit Themen, die sich leichter im Kulturteil unterbringen lassen. Und vor auch mit den deutschen Zeichnern, die deutsche Themen bearbeiten. Das ist ein relativ neues Phänomen und davon würde man sich noch viel mehr wünschen.
Was waren die wichtigen Themen der Graphic-Novel-Berichterstattung?
Es sind in erster Linie Rezensionen und Artikel zu Einzelwerken. Dabei fanden natürlich besonders die einheimischen Zeichner großen Anklang, was sehr erfreulich ist. Das macht deutlich, dass Deutschlands Comickreative einen Standard entwickelt haben, der auch internationalen Maßstäben standhält. In diesem Jahr waren die herausragenden Titel, die auch ein mehr als ordentliches Presseecho hervorriefen: “Gift“ von Peer Meter und Barbara Yelin (Reprodukt), „Alpha“ von Jens Harder, „Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz, „Castro“ von Reinhard Kleist (alle Carlsen) und natürlich “Baby’s in Black – The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Suttcliffe“ von Arne Bellstorf (Reprodukt).
Aber mittlerweile schnüren Journalisten auch kleine Artikel-Pakete wie zum Beispiel bei den Comics, die sich mit Religion beschäftigten. Das ist sehr erfreulich, dass dort auch über den Tellerrand geschaut wird.
Meinen sie, dass die steigende Wahrnehmung von Graphic Novels im Buchhandel auch anderen Arten von Comics zugute kommt?
Ach, die Gretchenfrage Deutschlands, über die sich in Foren nächtelang die Köpfe zerbrochen wurde. Die steigende Wahrnehmung in den Medien ist für das gesamte Medium gut, denn tendenziell schadet natürlich jeder positiv besprochene Comic oder Graphic Novel nicht dem Gesamtgebilde Comic, ganz im Gegenteil. Allerdings wäre es auch mal schön, im Kulturteil eben nicht nur über die neuesten Titel zu lesen, sondern über weitere Phänomene, ich denke da beispielsweise an die Kindercomics für junge Mädchen von Tokyopop oder die Krimireihe “Noir” von Schreiber & Leser. Der Comic als Thema ist noch nicht angekommen. Es ist aber natürlich einfacher, sich gezielt über wenige Titel zu informieren, als den Gesamtoutput an Comics im Auge zu haben.
So ergeht es auch dem Buchhandel. Findige und informierte Buchhändler können sich natürlich eher ein schönes durchmischtes Sortiment hinstellen als jene, die sich nur partiell informieren. Aber letztlich sollte man die Graphic Novel als Türöffner sehen und gute Comics werden es nicht schwer haben, auch eine ähnliche Aufmerksamkeit zu bekommen.
Können Sie etwas zur Wahrnehmung ursprünglich deutschsprachiger Graphic Novels im Ausland sagen?
Ausländische Verlage und auch vereinzelt Kritiker schauen, was in Deutschland erscheint und es ist nicht mehr illusorisch, einen Band auch ins Ausland zu verkaufen. Die vielen deutschen Titel, die im Ausland verlegt werden beweisen ja, dass man den deutschen Markt sehr aufmerksam verfolgt. Eine Anthologie wie “Orang“ wird in Independentkreisen auch international wahrgenommen, da hat schon eine Hinwendung zur Globalisierung stattgefunden.
Ein Blick ins Jahr 2011: Welche bedeutenden Titel und Events zeichnen sich am Horizont ab?
2011 bleibt alles anders – und natürlich sehr spannend. Freuen dürfen wir uns hoffentlich und endlich auf Chris Wares “Jimmy Corrigan“ (Reprodukt) im Herbst; auch auf David Mazzucchellis verkopft-grandiosen “Asterios Polyp“ (Eichborn). Dann werden auch sehr viele deutsche Neuerscheinungen veröffentlicht, vor allem von Zeichnern und Zeichnerinnen, die noch keinen großen Namen besitzen, da wird sicherlich die eine oder andere Überraschung dabei sein. Allerdings würde ich mich freuen, wenn noch mehr professionelle Autoren und Literaten mit Comiczeichnern zusammenarbeiten, denn da sehe ich eine große Chance – auch was die Außendarstellung angeht.
Was die Events angeht, da wird es spannend. Denn die “Süddeutsche Zeitung” hat ja für das Frühjahr ihre Edition von Graphic Novels angekündigt, da muss man schauen, inwieweit das zu Synergieeffekten führt oder ein singuläres Ereignis bleibt.
Darüber hinaus wird natürlich auch der Begriff der Graphic Novel noch einmal gehörig auf den Prüfstand gestellt, denn wenn man sich beispielsweise das Programm von Knesebeck anschaut, so finden dort fast ausschließlich Comicadaptionen von Literaturvorlagen statt. Auch Suhrkamp will ja 2011 GN’s veröffentlichen, auch dort soll es sich um Adaptionen handeln. Da darf man gespannt sein, ob denn nicht der Begriff „Graphic Novel“ plötzlich als Adaption wahrgenommen wird.
Wichtig wären deshalb für 2011 wieder genügend originäre Graphic Novels, die formal und inhaltlich das gesamte Medium weiter nach vorne bringen. Die beste Werbung für den Comic und die Graphic Novel sind schlicht und einfach Meisterwerke.
Für die inzwischen dritte Auflage von Simon Schwartz’ autobiografischer Graphic Novel “drüben!” (avant-verlag) wurde der Band um einige Bonusseiten mit Hintergrundinformationen erweitert.
So findet sich darin ein Interview mit Simon Schwartz, das für das “COMIC!-Jahrbuch 2011″ entstand. Das Interview führten Britta Keutgen und Felix Giesa.
Darüber hinaus gibt es viele Skizzen und verworfene Zeichnungen zu sehen, eine Original geschwärzte Stasi-Akte (siehe unten) und zudem eine Vorschau auf “Packeis”, das kommende Buch von Simon Schwartz.
Wer sich für die Hintergrundinformationen interessiert, kann die Bonusseiten auch hier als PDF herunterladen (1,4 MB).
In der zweiten Januarhälfte erscheint die neunte Nummer des Comic-Magazins “Orang” (Reprodukt). Siebzehn Zeichnerinnen und Zeichner aus Berlin, Bielefeld, Hamburg, Kassel, Leipzig und München sammeln und markieren, zeichnen und kartografieren Kurzgeschichten zum Thema “Atlas”. Das Magazin entstand an der HAW Hamburg zunächst als Experimentierfeld für Comics aus einem studentischen Umfeld gedacht und präsentiert Comics von jungen nationalen und internationalen Zeichnerinnen und Zeichnern.
Und auch in der neuen Ausgabe finden sich wieder einige Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern, die Graphic Novels veröffentlichen, wobei. “Alien” von Aisha Franz im Januar erscheinen wird, “Wandering Ghost” von moki im März und im Juni dann “Roxanne & George” (alle Reprodukt). Weitere Geschichten stammen von Klaas Neumann, Paul Paetzel, Sharmila Banerjee, Judith Mall, Anna Haifisch, Ana Albero, Michel Esselbrügge, Verena Braun, Marlene Krause, Jul Gordon, Gosia Machon, Christina Gransow, Sophia Martineck und Jannis Esselbrügge.
Die abgebildete Seite stammt aus Carolin Walchs Geschichte “Fuck Yeah Van Halen”.
Orang 9, ISBN 978-3-941099-78-4, 176 Seiten, schwarzweiß & farbig, Softcover, 15 EUR, erscheint bei Reprodukt
Am vergangenen Freitag war Ralf König zu Gast bei Denis Scheck im ARD-Büchermagazin “Druckfrisch”, um mit ihm über seinen neuen Comic “Antityp” (Rowohlt) zu plaudern. Den Beitrag kann man in der ARD Mediathek ansehen, zum Textbeitrag gelangt man hier.
Ende Dezember erscheint “Love Rehab” von Jule K. in der Edition 52. Ab sofort ist eine Leseprobe verfügbar, die als PDF heruntergeladen werden kann (4,1 MB).
Zentrale Figur ist Charlotta, für die das Leben eigentlich nicht schöner sein könnte. Sie hat einen Comicladen, beste Freundinnen und einen Freund, mit dem sie geradezu lächerlich glücklich ist. Bis er ihr unvermittelt eröffnet, dass er nach Australien auswandert und zwar sofort. Als dann noch ihre beste Freundin Lilly mit ihrem Exfreund rumknutscht, bricht für Charlotta die Welt zusammen. Ihre Eltern bringen sie in eine Liebesentzugsklinik. Dort lernt sie ihren neuen besten Freund kennen, der ebenfalls versucht, ein gebrochenes Herz zu überleben. Gemeinsam fliehen sie aus der Klinik und entwickeln ihre eigene Kur gegen Liebeskummer. Ein bisschen abgedreht, ein bisschen melancholisch, dabei aber immer mit einem heftigen Augenzwinkern erzählt!
Love Rehab, ISBN 978-3-935229-80-7, Softcover, 88 Seiten, schwarzweiß, 8 EUR, erscheint Ende Dezember 2010 bei Edition 52
Mit “Asphalt Tribe” ist bei Ravensburger eine neue Graphic Novel für das Frühjahr 2011 angekündigt. Und auch dieser Band basiert, wie zuvor schon “Die Welle”, auf einem Jugendbuch von Morton Rhue und wird von Stefani Kampmann als Comic umgesetzt.
“Asphalt Tribe” von Stefani Kampmann nach Morton Rhue
Sie nennen sich “Asphalt Tribe” und leben auf den Straßen von New York. Die 15-jährige Maybe erstattet schonungslos Bericht über ihren Überlebenskampf, über Momente der Angst und des Glücks, über Aussichtslosigkeit und Zukunftsträume.
Sie nennen sich “Asphalt Tribe” – eine Gruppe Jugendlicher, die versucht, auf der Straße zu überleben: Rainbow, die an der Nadel hängt, und der Anarchist Maggot, 2Moro und Jewel, die sich auf dem Strich den Rausch der Clubnächte verdienen, OG und sein Hund Pest, die kleine Tears und Maybe, die Berichterstatterin. Sie erzählt von Kälte und Hunger, von Sozialarbeitern und Zuhältern, von Stolz und Erniedrigung. Doch der Preis der Freiheit ist hoch und fordert einen tödlichen Tribut.
Asphalt Tribe, ISBN 978-3-473-35336-1, 160 Seiten, schwarzweiss, Hardcover, 16,95 EUR, erscheint im Februar 2011 bei Ravensburger
2011 feiert der Berliner Comicverlag Reprodukt sein 20-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass sind Ausstellungen in Leipzig (März), München (Juni) und Berlin (September) geplant – und es werden einige Comics in neuer Aufmachung vorgelegt, die das Programm des Verlags über die vergangenen zwanzig Jahren besonders geprägt haben.
Am Anfang der Reihe von Neuausgaben steht das wohl bekannteste Werk des Berliner Zeichners Mawil. Im Januar erscheint die vierte Auflage von “Wir können ja Freunde bleiben” in neuer Aufmachung. Im März folgt die Neuausgabe eines Klassikers der amerikanischen Independent Comics: “Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln” von Daniel Clowes – termingerecht zum Internationalen Comix-Festival Fumetto Luzern, bei dem Daniel Clowes als Stargast mit einer großen Ausstellung geehrt wird. Im Mai erscheint “Black Hole”von Charles Burns als Gesamtausgabe, die auf 368 Seiten sämtliche Bände der ursprünglichen Veröffentlichung beinhalten wird.
Weitere Neuausgaben sind für Herbst 2011 in Planung – unter anderem wird Manu Larcenets “Der alltägliche Kampf” komplett in einer Ausgabe erscheinen.
“Wir können ja Freunde bleiben” von Mawil
Ob es nun Begegnungen mit dem anderen Geschlecht oder das Leben in der Plattenbausiedlung sind – Mawil versteht es wie kaum ein anderer deutscher Zeichner, die Leser mit seinen dynamischen, schwarzweißen Zeichnungen in den Bann zu ziehen und sie ein Stück seiner Welt miterleben zu lassen.
Mawil setzt das ewige Scheitern seiner Hauptfigur in ein dermaßen komisches Licht, dass man darin nicht nur Trost findet, sondern zumindest für ein paar Momente nie wieder einer von diesen langweiligen Gewinnern sein möchte. – Die Welt
Mawil, geboren 1976 in Ost-Berlin, gehört zu den bekanntesten deutschen Comiczeichnern. Neben seinen autobiografischen Erzählungen (“Die Band”, “Action Sorgenkind”) hat sich Mawil vor allem mit den humorvollen Abenteuern seines Alter Egos Supa-Hasi eine große Fangemeinde erobert.
Wir können ja Freunde bleiben, ISBN 978-3-938511-16-9, 64 Seiten, schwarzweiß, Softcover, 10 EUR, erscheint im Januar 2011
“Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln” von Daniel Clowes
Auf der Suche nach seiner Frau trifft Clay Loudermilk auf die Sekte eines Massenmörders, der die amerikanische Regierung stürzen will und auf Verschwörungstheoretiker, die überzeugt davon sind, dass die Geschicke der Welt von kleinen Spielzeugfiguren bestimmt werden. Mit jeder neuen Wendung der Geschichte öffnen sich verschlossen geglaubte Türen einer labyrinthischen Albtraumwelt des Unterbewusstseins.
Kein anderer Comic von Daniel Clowes ist dem Werk von David Lynch so nahe wie dieser. “Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln” ist eine Herausforderung an Lese- und Sehgewohnheiten und eine Konfrontation mit menschlichen Urängsten.
Daniel Clowes, geboren 1961 in Chicago, gehört zu den herausragendsten amerikanischen Comicautoren der vergangenen Jahrzehnte. Zu den populärsten Arbeiten des durch seine Heftreihe “Eightball” bekannt geworden Daniel Clowes zählt “Ghost World”, das auch in Terry Zwigoffs Verfilmung ein Erfolg wurde.
Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln, ISBN 978-3-941099-76-0, 136 Seiten, schwarzweiß, Klappenbroschur, 18 EUR, erscheint im März 2011
“Black Hole” von Charles Burns
Charles Burns, einer der bekanntesten und profiliertesten amerikanischen Comicautoren, hat mit “Black Hole” ein grandios verzerrtes Spiegelbild amerikanischer Realität zwischen Sex, Drogen und Horror geschaffen. “Black Hole” ist die albtraumhafte Geschichte einer Teenagerkrankheit, die grotesk verformte Gesichter und Körper zurücklässt.
Eine Coming-of-Age-Geschichte mit Horrorelementen, ein Zeitporträt, eine Graphic Novel, die längst zu den Klassikern des Genres zählt – kaum jemand hat die Schrecken der Pubertät so aufregend beschrieben wie Charles Burns.
Charles Burns wurde 1955 in Washington, D.C. geboren und gilt dank seiner atmosphärischen, von starken Schwarz-Weiß-Kontrasten geprägten Zeichnungen als einer der großen Stilisten des Comic. Zudem wurde er mit Illustrationen für “The New Yorker” oder Plattencover bekannt.
Black Hole, ISBN 978-3-941099-75-3, 368 Seiten, schwarzweiß, Klappenbroschur, 24 EUR, erscheint im Mai 2011
Christoph Haas schreibt in der “taz” vom heutigen Samstag, dem 18. Dezember, über “Insel der Männer” von Luca de Santis & Sara Colaone (Schreiber & Leser).
Nie eingestandene Liebe
Luca de Santis und Sara Colaone erzählen in “Insel der Männer” eine Geschichte aus der Zeit des italienischen Faschismus
Der Großmachtwahn war geringer, die Kulturpolitik weniger völkisch-nationalistisch verblendet, und eine Entsprechung zu Auschwitz gab es nicht: Mit dem deutschen Nationalsozialismus verglichen, hatte die Bösartigkeit des italienischen Faschismus ihre Grenzen. Aber auch im Reich Mussolinis wurden Lebenswege untergraben, viele Menschen ermordet, Körper und Seelen malträtiert. Damit einem dies widerfuhr, war es nicht nötig, eine abweichende politische Meinung zu vertreten. Es reichte schon, einer sexuellen Minderheit anzugehören. “In Italien gibt es nur echte Männer”, verkündete der “Duce” apodiktisch, und das hieß: Schwule waren geächtet. mehr
Klaus Schikowski hat für die Comicseite des Berliner “Tagesspiegel” vom 15. Dezember einen Artikel geschrieben, in dem er zwei Werke des amerikanischen Autors Daniel Clowes vorstellt. Eine ausführliche Version des Textes zu “Wilson” (Eichborn) und “David Boring” (Reprodukt) ist ab sofort online auf www.tagesspiegel.de zu lesen.
Amerikanische Tristesse
Der Comic- und Drehbuch-Autor Daniel Clowes gehört zu den wichtigsten Vertretern des literarischen Comics – wie zwei neue Veröffentlichungen eindrucksvoll belegen.
Die Zukunft des Comics liegt in seiner Vergangenheit. Dieser Satz von Art Spiegelman bezieht sich auf die Experimentierlust in den Anfangstagen des Comics, die dabei helfen könne, die Kunst- und Erzählform Comic in die Moderne zu geleiten. Aber dieser Aphorismus könnte auch dem neuen Band „Wilson“ von Dan Clowes zugrunde liegen, der jetzt auf Deutsch erschienen ist. Auch Clowes bedient sich der Tradition und erzählt die Geschichte des redseligen, vereinsamten Zynikers Wilson ähnlich alter Zeitungsstrips in sich abgeschlossenen Einseitern. Wilson, knapp über vierzig, Vollbart, lichtes Haar, hat nur ein Problem: alle Versuche, sich auf Menschen einzulassen, sind zum Scheitern verurteilt. mehr
Mit “Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger” von Sarah Glidden erscheint im Juni 2011 eine neue Graphic Novel bei Panini Comics.
“Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger” von Sarah Glidden
Als die amerikanisch-jüdische Autorin und Zeichnerin Sarah Glidden an einer “Birthright Israel”-Tour teilnahm, dachte sie, sie wüsste, worauf sie sich einlassen würde! Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger sind ihre Erinnerungen an die Ausflüge durch Tel Aviv, Jerusalem, die Golanhöhen, Masada und andere berühmte Orte. Eine emotionale Reise und eine Geschichte des Erwachsenwerdens: hier treffen Herz und Humor auf ein hoch politisches Thema.
Ich denke, das Erste, was wir alle verstehen sollten, die nicht in Israel oder in den besetzten Gebieten leben, ist, dass wir nicht dort leben. Ich glaube, dass viele Leute sehr, sehr feste Meinungen darüber haben, was dort vor sich geht und wir haben nicht das geringste Recht dazu. Dieses Buch handelt also gewissermaßen davon, wie ich versuche, mit mir und meinen Meinungen ins Reine zu kommen. Es gibt genug Gezeter über dieses Thema aus den beiden Extremlagern und ich denke, es sollten mehr Leute Ansichten ausdrücken, die nicht zum einen oder anderen Ende gehören. – Sarah Glidden
Israel verstehen, ISBN 978-3862011544, 208 S., 24,95 EUR, erscheint im Juni 2011 bei Panini Comics
Auch der Aufbau Verlag hat im Frühjahr 2011 eine neue Graphic Novel im Programm. “Die Tote im Pelzmantel” ist der zweite Krimi, der in Zusammenarbeit der bekannten Autorin Fred Vargas mit dem renommierten Comiczeichner Edmond Baudoin entsteht.
“Die Tote im Pelzmantel” von Fred Vargas & Edmond Baudoin
Kommissar Adamsberg ist ein hervorragender Überwinder von Hindernissen. Das muss auch der Stadtstreicher Pi erfahren, der in einer kalten Winternacht den Mord an einer prominenten jungen Frau beobachtet, gegenüber der Polizei aber verdrossen schweigt. Nichts gesehen, nichts gehört. Auch ihm hilft ja keiner – zum Beispiel dabei, seine neuntausend Schwämme zu verkaufen, einen Havarieposten, den er in einem Einkaufswagen durch die Stadt schiebt. Adamsberg aber findet den Schlüssel zu seiner verstockten Seele wie zu seiner Menschenwürde und hat am Ende einen genialen Einfall, der beider Problem löst.
Mit einem Nachwort von Klaus Schikowski.
Die Tote im Pelzmantel, ISBN 978-3-351-03351-4, Hardcover, 96 Seiten, erscheint im April 2011 im Aufbau Verlag
Für den Zürcher “Tagesanzeiger” interviewte Alexandra Kedves den vor allem für seine Bücher “Bosnien” und “Palästina” (beide Edition Moderne) bekannten Autor Joe Sacco.
“Der Comic kann mehr – auch punkto Ehrlichkeit”
Er gilt als der Vater der Comicreportage: Joe Sacco reist an die Krisenherde der Welt. Dort recherchiert, schreibt, zeichnet er.
Tote Kinder, aufgereiht auf dem Boden. Hier ein aufgerissenes Bäuchlein, da ein abgerissenes Bein. Blut, Schreien, Weh überall: Krankenhaus Gorazde, April 1994. Die UNO-Schutzzone hat sich in einen der ungeschütztesten Orte der Welt verwandelt. «Die Patienten lagen in der Küche, im Kohlenkeller, in der Wäscherei. Was sollte ich tun, wenn zehn Patienten gleichzeitig darauf warteten, operiert zu werden?», fragt der Chirurg Alija Begovic später. Und der amerikanische Künstler Joe Sacco zeichnet Begovics Erinnerungen auf – und nach: Schwarz auf weiss, mit feinen, aber harten Strichen, widerständig und ohne Weichzeichner, mit Nähe und Distanz. mehr