Bereits im Vorfeld zum an sie verliehenen Preis in Angoulême wurde Ulli Lust (“Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens”, avant-verlag) von “Welt Kompakt”-Redakteur Michael Bee besucht, der die Zeichnerin und weitere in Berlin lebende Comicschaffende vorstellt.
“Ich will nicht mehr cool sein”
Ulli Lust zeichnet Romane – Berlin ist eine Hochburg der “Graphic Novel” / Die Produktion dauert lang, oft sogar mehrere Jahre
Gerade kommt sie aus Paris und hat sich einen Kritikerpreis abgeholt. Jetzt sitzt sie in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg, in ihrem kleinen Wohnatelier an der Lychener Straße, und hat nur wenig Zeit. Gleich muss sie zur Kunsthochschule Weißensee, wo sie Zeichenschülern den richtigen Strich beibringt. Ulli Lust ist derzeit eine gefragte Frau: Im Moment arbeitet sie an ihrem nächsten Großprojekt, einer Comicadaption des düsteren NS-Romans “Flughunde” von Marcel Beyer, die sie für den Suhrkamp Verlag anfertigt. mehr
Begleitend zum “38. Festival International de la Bande Dessinée Angoulême 2011″ am vergangenen Wochenende erschien in der “Welt” ein Branchenreport von Gesche Wüpper zum französischen Comicmarkt. Dort leidet die Branche unter einer anhaltenden Titelflut.
Die Bilderbuch-Blase platzt
Französische Comic-Branche leidet unter Überproduktion – Verkäufe rückläufig / Mit einem Anteil von zwölf Prozent am gesamten Buchmarkt, sind Comics in Frankreich genau so bedeutend wie Taschenbücher
Reisende auf dem Pariser Bahnhof Gare Montparnasse rieben sich verwundert die Augen. Denn neben den Gleisen standen Lucky Luke, Garfield und Barbar höchstpersönlich. Die Comic-Helden warteten auf die Abfahrt eines Sonderzuges in Richtung Angoulême. In der südwestfranzösischen Stadt trifft sich noch bis Sonntag die internationale Comic-Szene auf ihrem alljährlichen Festival. Eigentlich hätte die Branche allen Grund zur Freude. Immerhin erhielt sie in Frankreich bereits höchste kulturelle Weihen. mehr
Am späten Sonntagnachmittag wurden im französischen Angoulême mit den “Palmarès officiel d’Angoulême 2011″ die Preise des größten europäischen Comicfestivals vergeben.
Eine Reihe weiterer prämierter Titel sind in Deutschland bereits erschienen oder angekündigt: Mit Manuele Fiors“5000 Kilometer in der Sekunde” ging mit dem “Prix du meilleur Album 2011″ sogar die größte Festivalauszeichnung ebenfalls an einen Band des avant-verlags, der hierzulande im Mai erscheinen wird.
Ebenfalls angekündigt ist “Asterios Polyp” von David Mazzuchelli (Eichborn, erscheint im August), der mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Noch ohne Termin ist Joe Saccos “Gaza 1952″, der den “Prix regards sur le Monde” erhielt und von der Edition Moderne publiziert werden wird.
Bereits erschienen ist Brecht Evens’ “Am falschen Ort” (Reprodukt), der – wie im Vorjahr Jens Harder – mit dem “Prix de L’Audace” ausgezeichnet wurde. Der “Prix Intergenerations” ging an “Pluto” von Naoki Urazawa und Osamu Tezuka (Carlsen).
Mit Spannung erwartet wurde auch die Vergabe des “Grand Prix”: Der Preisträger der Auszeichnung wird im nächsten Jahr mit einer großen Schau bedacht und zudem die Präsidentschaft des Festivals übernehmen. Mit Art Spiegelman (“Die vollständige Maus”, Fischer) wird nach Will Eisner im Jahr 1975 und Robert Crumb 1999 zum dritten Mal in der 38-jährigen Geschichte des Festivals ein Amerikaner mit der mindestens europaweit prestigeträchtigsten Auszeichnung bedacht.
Informationen zu allen Titeln, den französischen Verlagen und den Preisträgerinnen und Preisträgern finden sich auf der offiziellen Website des Festivals.
Das Presseecho ist wie immer sehr breit, vor allem in Frankreich berichten alle wichtigen Zeitungen über die Verleihung, darunter Le Monde, Le Figaro, Paris Match, Le Point und Metro France sowie die Presseagentur AFP. In Österreich berichtet “Der Standard” und in Deutschland greift der Berliner “Tagesspiegel” die Preisverleihung auf: “Angoulêmer Offenbarung”.
Anfang März startet die Graphic-Novel-Edition der “Süddeutschen Zeitung”. Nach den Comicreihen der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” und der “Bild” – beide bereits vor einigen Jahren erschienen – ist die Edition der “Süddeutschen Zeitung” die dritte Sonderausgabe einer Tageszeitung, die sich dem Thema Comic widmet – aber die erste, in der ausschließlich Graphic Novels publiziert werden. Zu den Titeln, die nun veröffentlicht werden, gehören Lizenzen einiger der renommiertesten und erfolgreichsten Graphics Novels der letzten Jahre, darunter “Maus” von Art Spiegelman, “Fun Home” von Alison Bechdel oder “Vertraute Fremde” von Jiro Taniguchi.
Sabine Sternagel-Böttger, im Hause mitverantwortlich für die Graphic-Novel-Edition, hat sich die Zeit für die Beantwortung unserer “Fünf Fragen” genommen.
Wie entstand die Idee zur Graphic-Novel-Edition der “Süddeutschen Zeitung”?
Das Konzept zu einer Graphic-Novel-Edition hatten wir schon seit einigen Jahren auf dem Tisch, haben es aber immer wieder zurückgestellt, da wir der Meinung waren, dass der richtige Zeitpunkt für uns noch nicht gekommen war. In den letzten Jahren hat sich aber viel auf diesem Gebiet getan. Es gibt inzwischen eine vielfältige Auswahl anspruchsvoller und ausgezeichneter Titel, aus denen wir unsere Bände auswählen konnten.
Nach welchen Kriterien haben sie die Titel ausgesucht?
Wir achten bei all unseren Reihen immer auf eine gute Mischung aus Klassikern, neueren Titeln sowie Geheimtipps. Unsere aktuelle Reihe zeichnet sich durch eine große thematische Bandbreite von Biographie über Krimi bis hin zu Werken mit geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Schwerpunkten aus.
War es schwierig, die Verlage von der Idee zu überzeugen?
Nein, wir sind sehr froh, dass die Verlage durchweg von der Idee angetan waren. Es sind fast alles Verlage, die eine ganze Reihe von Graphic-Novel-Titeln im Angebot haben und für dieses Genre offen sind. Die GNs sind immer noch eine Nische im Buchhandel und die zusätzliche Aufmerksamkeit wird diesem Thema sicherlich gut tun.
Warum werden die Titel auf einen Schlag veröffentlicht und nicht – wie bei den DVDs oder der Literaturedition – in regelmäßigen Abständen?
Bei einer kleinen Reihe mit 10 Titeln ist es sinnvoller, diese auf einmal zu veröffentlichen. Wenn man mit einer neuen Reihe startet, ist es wichtig, dass dies auch im Buchhandel auffällt. Würden wir mit 4 neuen Titeln in der Graphic-Novel-Ecke auftauchen, besteht die Gefahr, dass die Bücher leichter untergehen. Stehen dort aber direkt alle 10 Titel, fallen sie schon deutlich mehr auf.
Bei unseren großen Buch- oder Filmreihen ist es von der Menge und dem Aufwand her sinnvoller, diese in regelmäßigen Abständen zu veröffentlichen. Nur sehr wenige Menschen möchten 50 Bücher auf einmal kaufen. Bei 10 Titeln sieht es aber schon anders aus.
Werden die Titel auch im Feuilleton der “Süddeutschen Zeitung” vorgestellt?
Die ganze Reihe wird am 12. März in einer 4-seitigen Sonderverlagsbeilage in der “Süddeutschen Zeitung” vorgestellt. Jeweils freitags werden dann die Bücher in der “SZ” besprochen.
Der Berliner avant-verlag hat einen Kanal auf youtube eröffnet. Dort werden in Zukunft Beiträge zu den im Verlag erschienenen Büchern gesammelt und Preview-Videos veröffentlicht. Den Beginn machen zwei VIdeos in denen die Neuveröffentlichungen “Klezmer Band 3: Diebe, alles Diebe!” von Joann Sfar, “König der Fliegen Band 1: Hellorave” von Mezzo und Pirus sowie “Peplum” von Blutch vorgestellt werden.
Zum youtube-Kanal des avant-verlags gelangt man hier.
Der für seine Bildergeschichten und Graphic Novels wie “Ein neues Land” bekannte Autor Shaun Tan hat seine Geschichte “Die Fundsache” (beide Carlsen) als Kurzfilm adaptiert. Dieser in Zusammenarbeit mit Andrew Ruhemann entstandene Animationsfilm wurde nun für einen Oscar in der Kategorie “Short Film (Animated)” nominiert. Damit ist der australische Autor für einen weiteren, namhaften Preis nominiert, nachder er für seine Bücher bereits zahlreichen internationalen Auszeichnungen erhalten hat, darunter in Deutschland den den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009.
Zur Website zum Film gelangt man hier, einen Trailer kann man hier sehen.
Am gestrigen Montagabend berichtete das “NDR Kulturjournal” über die Aufmerksamkeit, die Literaturadaptionen durch Comics von Seiten der Verlage und des Publikums entgegengebracht wird. Vorgestellt werden unter anderem die “Faust”-Adaption von Flix (Carlsen), Kafkas “Die Verwandlung” von Eric Corbeyran und Richard Horne (Knesebeck) sowie “Paul Austers Stadt aus Glas” von Paul Karasik und David Mazzucchelli (Reprodukt).
Zu Wort kommt auch der Leiter des Taschenbuchsparte bei Suhrkamp, Winfried Hörning, der die Richtung des bisher vage angekündigten Graphic-Novel-Programms erläutert. Der Schwerpunkt bei Suhrkamp wird auf Literaturadaptionen liegen, die Interesse an den Vorlagen und klassischer Literatur im Allgemeinen wecken sollen. Graphic Novels als eigenständige literarische Formate werden bei Suhrkamp also nicht im Fokus stehen.
Ab dem 11. Februar 2011 werden in der Berliner Galerie Neurotitan unter dem Titel “Wie das Leben so spielt” Illustrationen aus der Zeitschrift “Das Magazin” gezeigt. Unter den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, die in den letzten Jahren regelmäßig für die Zeitschrift tätig waren, sind auch einige, die für ihre eigenen Bücher bekannt sind, darunter Jule K. (“Love Rehab”, Edition 52), Nadia Budde (“Such dir was aus, aber beeil dich! Kindsein in zehn Kapiteln”, Fischer Schatzinsel) und ATAK (“Der Struwwelpeter” mit Fil, Kein & Aber). Mit Stefanie Wunderlich und Carolin Löbbert sind auch zwei Künstlerinnen aus dem Umfeld der Anthologie “Spring” vertreten.
“Dabei wird die Vielfalt der Stile in der heutigen Illustration sichtbar: Vom klassischen handgemalten Bild in Öl oder Tusche, Zeichnungen, Collagen, Scherenschnitten bis hin zu Arbeiten, die am Computer entstehen. Der besondere Reiz der Ausstellung besteht darin, die Wirkung der Arbeiten sowohl »pur« als auch im journalistischen Kontext zu zeigen und Dimension und Materialität der Arbeiten anschaulich zu machen.”
Die Ausstellung wird am 11. Februar um 19:30 Uhr mit einer Vernissage eröffnet und anschließend bis zum 5. März zu sehen sein.
Galerie Neurotitan, Haus Schwarzenberg, Rosenthalerstraße 39, D-10178 Berlin
Tel. (030) 308 725 76, Fax (030) 282 90 33 www.neurotitan.de, shop@neurotitan.de
Öffnungszeiten: Mo-Sa 12-20 Uhr, So 14-19 Uhr
Nicht erst seit dem durchschlagenden Erfolg von Marjane Satrapis “Persepolis”, das die Etablierung von Graphic Novels im Buchhandel maßgeblich vorangetrieben hat, veröffentlicht die Edition Moderne bedeutende Comics in deutscher Sprache: Literarische Titel etwa von Edmond Baudoin (“Die Reise”) oder Jacques Tardi (“Grabenkrieg”) sind seit jeher fester Bestandteil des Verlagsprogramms. Bücher von Anke Feuchtenberger (“Die Hure H zieht ihre Bahnen”) oder die Humorminiaturen von Katz & Goldt (“Unglück mit allerlei Toten”) vervollständigen das Programm.
Der in Zürich beheimatete Verlag kann in diesem Jahr auf 30 Jahre Verlagsgeschichte zurückblicken, ein Jubiläum, zu dem wir an dieser Stelle herzlich gratulieren. Der Verlagsgründer und -leiter David Basler beantwortet unsere “Fünf Fragen”.
Wie kam es zur Gründung der Edition Moderne?
Der Verlag wurde 1981 gegründet, weil damals nur ganz wenig Comics aus Frankreich auf Deutsch übersetzt wurden.
Auf welche Ereignisse, Entwicklungen oder Publikationen blicken Sie besonders gern zurück?
An meine erste Buchmesse in Frankfurt, wo ich den Stand mit Rossi Schreiber (Schreiber & Leser) und Abi Melzer (Melzer Verlag) teilte und genau ein Buch publiziert hatte: “ZIG ZAZ ZOUG” (von Aloys). Ein Mann sprach mich an, gratulierte mir zu diesem Titel und offerierte mir ein Glas Sekt. Es war Didier Pasamonik, ein belgischer Verleger, der heute in Frankreich einen Blog betreibt (ActuaBD.com). Das war ein Superstart!
Über die Jahre schätze ich immer wieder den Kontakt zu den Autorinnen und Autoren, die durch die Publikation ihrer Bücher im Verlag möglich wurde.
Welche Rolle spielten Graphic Novels bei der Entwicklung des Verlags?
Mit “Joe’s Bar” von Munoz/Sampayo haben wir schon 1982 als zweiten Titel überhaupt eine Graphic Novel publiziert. Die beiden sind für mich immer noch die Größten.
Haben Sie für das Jubiläumsjahr besondere Aktionen oder Veröffentlichungen geplant?
Wir planen am Internationalen Comixfestival Fumetto in Luzern im April eine Geburtstagsparty mit den beiden “20jährigen”: Reprodukt und Fumetto. Dazu gibt es mit Reprodukt weitere Events im 2. Halbjahr 2011.
Was sind die Perspektiven für den Verlag in der näheren Zukunft?
Das Gefühl, dass mit Comics und neuerdings Graphic Novels, noch sehr viel möglich ist, ist immer noch da. Das Potential ist bei weitem nicht ausgeschöpft!
Auch der Berliner avant-verlag hat nun sein Frühjahrsprogramm vorgestellt. Neben neuen Titeln bereits etablierter Autoren wie zum Beispiel Manuele Fior, dessen “5000 Kilometer in der Sekunde” bereits internationale Preise einheimsen konnte, sind auch neue Autorinnen und Autoren im Programm. So wird zum Beispiel mit Patrick McEowns “Hair Shirt” ein internationales Talent erstmals in Deutschland veröffentlicht und mit Marijpol das Buchdebüt der schon seit geraumer Zeit in der Hamburger Illustrations- und Comicszene aktiven Zeichnerin vorgelegt.
Zum diesjährigen Verlagsjubiläum – gegründet wurde der avant-verlag von Johann Ulrich 2001 – wurde nun auch das Jubiläumslogo veröffentlicht (siehe oben links).
“Hair Shirt” von Patrick McEown
Ein Buch über das Ende der Kindheit und das Erwachsenwerden. In einer kanadischen Kleinstadt spielt die Geschichte von John und und Naomi, die sich schon als Kinder kannten und nun als Jugendliche wieder begegnen.
Sie verlieben sich, müssen aber erkennen, dass sie die Erinnerung an die Vergangenheit aus sentimentalen Streifzügen, ersten sexuellen Erfahrungen, aber auch der Kindheitstraumata einholt.
Denn schmerzliche Erfahrungen und dunkle Geheimnisse von früher treten plötzlich wieder in ihr Leben und ihre schlimmsten Alpträume sind zurück… Patrick McEown schafft mit lockerem Strich die Atmosphäre eines David-Lynch-Films.
Hair Shirt, ISBN 978-3-939080-46-6, Softcover, farbig, 128 Seiten, 17,95 EUR, erscheint im Februar 2011
“Grenzfall” von Thomas Henseler & Susanne Buddenberg
DDR 1982, Ost-Berlin: Der Schüler Peter Grimm rebelliert gegen die Meinungsdiktatur und gegen einen Staat, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Durch seinen Freiheitsdrang fühlt er sich zur Familie Robert Havemanns hingezogen, wo er viele Freunde und Gleichgesinnte findet. Daraufhin wird er wegen seiner “moralisch charakterlichen Grundhaltung” vom Abitur ausgeschlossen und von der Schule geworfen.
Doch Peter bleibt seinen Idealen treu: Zusammen mit Freunden gibt er die illegale Zeitung “Grenzfall” heraus, in der unzensierte Artikel erscheinen, die die Machthaber am liebsten verschweigen würden. Der “Grenzfall” entwickelt sich zum illegalen Bestseller, der in der ganzen DDR von Hand zu Hand und unter dem Ladentisch weitergegeben wird. Der ganze Überwachungsapparat der Staatssicherheit wird aufgeboten, um den “Grenzfall” zu stoppen. Doch auch im engsten Zirkel der “Grenzfall”-Gruppe gibt es einen Verräter, der die Stasi mit Informationen versorgt. Es wird ein vernichtender Schlag gegen die Staatsfeinde geplant…
Grenzfall, ISBN 978-3-939080-48-0, Softcover, schwarzweiß, 100 Seiten, 14,95 EUR, erscheint im März 2011
“Trommelfels” von Marijpol
Ein alterndes Forscherpaar bekommt die Chance, sich noch einmal zu beweisen. Eine archäologische Grabung fördert rätselhafte Funde zu Tage, und sie sollen die Arbeiten leiten.
Nach und nach häufen sich die Hinweise auf eine unterirdische Zivilisation. Um ihren Forschungsauftrag zu Ende zu führen, lassen sie sich auf ein gewagtes Experiment ein: Wie lange kann ein Mensch, dem jegliche Fremdreize entzogen werden, unter Tage leben?
Marijpols erste Graphic Novel überzeugt durch ihren ureigenen fantasievollen Strich. Ideenreich und voller überraschender Einfälle präsentiert sich hier eine neue deutsche Comicautorin.
Trommelfels, ISBN 978-3-939080-53-4, Softcover, schwarzweiß, 19,95 Euro, erscheint im März 2011
“König der Fliegen – Band 2: Die Entstehung der Welt” von Mezzo & Pirus
Der Horror der Vorstädte. Es gibt keinen Ausweg aus den Reihenhäusern mit dem sauber geschnittenen Rasen. Während die Elterngeneration mit Neurosen, Sucht und dem Wunsch nach ewiger Jugend kämpft, haben die Jüngeren längst aufgegeben. Hauptsache die Pille klinkt und der Sex ist roh. Sie wissen, dass sie in der Vorstadt-Tristesse nichts mehr zu erwarten haben. Mezzo und Pirus liefern mit ihren Geschichten ein kraftvolles und düsteres Bild einer verlorenen Generation. Eine der verstörendsten Graphic Novels der letzten Jahre.
“Endlich wieder eine Kleinstadt, die nicht »Garden State« ist!” – Jungle World
König der Fliegen – Band 2: Die Entstehung der Welt, ISBN 978-939080-49-7, Softcover, farbig, 64 S., 19,95 EUR, erscheint im April 2011
“Professor Bell – Band 4: Die englische Strandpromenade” von Joann Sfar & Hervé Tranquerelle
Eigentlich hat Professor Bell beschlossen, im Bett zu bleiben und sich narkotischen Genüssen hinzugeben. Da reißt ihn ein ungestümer Schotte aus seinem Delirium, weil die marode Gesundheit der Königin Viktoria nach des Professors Künsten verlangt. Sie begegnet Bell und seiner Bagage allerdings ganz fidel und lädt alle zu einem Ferienaufenthalt an ihrem mondänen Unterwasserstrand ein. Um der Urlaubslangeweile zu entfliehen, spürt der Professor der wunderbaren Genesung nach und lässt sich von der masochistischen Ex-Mätresse seines Erzfeindes auf Trab halten.
Professor Bell – Band 4: Die englische Strandpromenade, ISBN 978-3-939080-50-3, Softcover, farbig, 46 Seiten, 14,95 Euro, erscheint im April 2011
“Fünftausend Kilometer in der Sekunde” von Manuele Fior
Piero und Nicola sind zwei ganz normale Jugendliche. Während der eine eher zurückhaltend und ein guter Schüler ist, hält sich der andere für einen Frauenheld, zeigt aber darüber hinaus wenig Ehrgeiz. Eines Tages zieht Lucia mit ihrer Mutter in die Wohnung gegenüber ein und das Leben von Piero verändert sich für immer…
Doch die Lebenswege der drei jungen Protagonisten werden wieder auseinander laufen. Während Lucia in Norwegen studiert, Piero in Ägypten archäologische Grabungen anstellt bleibt Nicola in Italien. Eine Graphic Novel über Sehnsucht und Suche, über Distanz und Nähe und vor allem über eine (un)erfüllte Liebe.
Manuele Fior erzählt diese Geschichte in wunderbaren Farben und wurde für sein neues Buch mit dem “Großen Preis der Stadt Genf” und dem “Gran Guinigi” als Bester Autor auf dem Comicfestival in Lucca ausgezeichnet.
Fünftausend Kilometer in der Sekunde, ISBN 978-3-939080-54-1, Softcover, farbig, 144 S., 19,95 EUR, erscheint im Mai 2011
“B. Traven – Porträt eines berühmten Unbekannten” von Golo
Wenig bis nichts ist über den bekannten Autor B. Traven bislang bekannt. Er führt Zeit seines Lebens ein schattenhaftes Dasein, zurückgezogen von der Öffentlichkeit: Ret Marut, Otto Feige, Traven Torsvan, Hal Croves alias B. Traven. Fünf Namen für ein und dieselbe Person. Der Schriftsteller und sein bewegtes Leben erscheinen wie die Vorlage für eine seiner Romanfiguren.
Er war Schauspieler, Regisseur, Anarchist, Anhänger der Münchner Räterepublik, Zuchthäusler, Matrose und Schriftsteller im Exil, aber auch gefeierter Drehbuchautor in Diensten Hollywoods. Einige seiner bekanntesten Werke erreichten Millionenauflagen, doch durch ein umfangreiches System von Deckadressen und Postschließfächern entzog er sich seinem Publikum. Nach der Emigration aus Deutschland fand er in Mexiko eine neue Heimat, wo er mit der indigenen Bevölkerung lebte, deren Probleme er auch in seinen Büchern thematisierte. John Houston verfilmte 1947 seine Romanvorlage “Der Schatz der Sierra Madre” mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle.
Aber wer war dieser B. Traven wirklich? Der französische Comicautor Golo macht sich auf die schwierige Spurensuche in seiner beeindruckenden Graphic Novel über den berühmten Unbekannten.
B. Traven – Porträt eines berühmten Unbekannten, ISBN 978-3-939080-51-0, Hardcover, farbig, 140 S., 24,95 EUR, erscheint im Juni 2011
Am Donnerstag, dem 3. Februar, ist Reinhard Kleist auf der Kulturbühne der Berliner Buchbox zu Gast. Dort wird er sich mit dem Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne über “‘Castro’ – Das Leben des Maximo Lider in Bildern” unterhalten.
Untermalt wird das Gespräch mit Bildern aus Kleists biografischer Graphic Novel “Castro” sowie aus dem Reisetagebuch “Havanna – Eine kubanische Reise” (beide Carlsen).
Der Eintritt ist zur Veranstaltung ist frei, um Voranmeldung wird jedoch gebeten. Beginn ist um 20 Uhr.
Neben den bereits erwähnten Verlagsjubiläen von Reprodukt, der Edition Moderne und dem avant-verlag, hat noch ein weiterer Verlag in diesem Jahr Grund zu feiern: Cross Cult, ansässig in Ludwigsburg, besteht inzwischen seit zehn Jahren.
Zu den bekanntesten und erfolgreichsten Titeln des Programms gehören die inzwischen auch verfilmten Comicreihen “Hellboy” (von Mike Mignola) und “Sin City” (von Frank Miller), weitere Titel sorgten für positives Presseecho (zum Beispiel “Lost Girls” von Alan Moore & Melinda Gebbie) und mit “Jakob” von Felix Mertikat & Benjamin Schreuder hat man nun auch ein erfolgreiches Eigengewächs im Programm.
Zum Verlagsjubiläum hat sich Cross Cult eine überarbeitete und neu gestaltete Website zugelegt, die seit einigen Tagen online ist.
Darüber hinaus sind noch besondere Veröffentlichungen geplant, wie zum Beispiel eine Neuauflage der kompletten “Sin City”-Reihe. Sieben von Frank Miller mit neuen Covern ausgestattete Bände der Noir-Reihe werden im Laufe des Jahres die ursprüngliche Ausgabe ersetzen. Band 1, “Stadt ohne Gnade”, soll im April erscheinen.
Die neue Ausgabe des Kundenmagazins “Alles André” der Zigarrenfirma “Arnold André – The Cigar Company” ist ein Themenheft zu “Comics, Graphic Novels”. Neben Artikeln zu Superman und “Peanuts” findet sich darin ein Atelierbesuch bei Reinhard Kleist (“Castro”, Carlsen) und ein Übersichtsartikel zu Graphic Novels.
Regelmäßige Kolumnen und Artikelreihen, zum Beispiel über Tabakanbauländer und die artgerechte Haltung von Rauchwaren, ergänzen das Heft.
Das Magazin ist kostenlos und lässt sich auf der dazugehörigen Website bestellen. Einige Seiten lassen sich bereits online ansehen.
Mit ein wenig Verspätung kommt dieser Tage mit “rpm” von Martina Lenzin (Reprodukt) ein neues Buch einer jungen deutschen Zeichnerin in den Handel.
Martina Lenzin hat an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg Illustration studiert. Neben diversen Veröffentlichungen, unter anderem in der Anthologie “Orang”, ist sie Mitherausgeberin von “Two Fast Colour” und spielt Gitarre und singt in der Band Honeyheads.
Martina Lenzin nimmt in “rpm” die Post-Punk-Bewegung als Projektionsfläche, um sich mit Fragen zu beschäftigen, die im Zeitalter einer auf den Kopf gestellten Musikindustrie nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Warum mache ich Musik und wie erreiche ich mein Publikum?
Post-Punk: Do-It-Yourself und Arbeit im Kollektiv… Die Achtzigerjahre, der beginnende Ausverkauf des No-Future-Punks in einem von Maggie Thatcher regierten Großbritannien. Tin ist enttäuscht von der seelenlosen Massenware der Medienkonzerne und auch von der Ideenlosigkeit, mit der die Subkultur ihr begegnet. Er sucht nach Alternativen, startet ein Fanzine und plötzlich bietet sich die Möglichkeit, eine Band zu produzieren und ein Musiklabel zu gründen…
Weitere Informationen zu den Aktivitäten der Musikerin und Zeichnerin finden sich auf ihrer Website counterproduct.wordpress.com.
Die Releaseparty zum Erscheinen von “rpm” beginnt am Freitag, dem 18. Februar um 18 Uhr in der Hamburger Comic- und Buchhandlung Strips & Stories mit einer Signierstunde. Anschließend wird ab 20 Uhr nebenan in der Galerie Linda gefeiert.
rpm, ISBN 978-3-941099-46-3, 142 Seiten, schwarzweiß, 22,5 x 17 cm, Klappenbroschur, 15 EUR, erschienen bei Reprodukt
Ab sofort bietet das Lithographische Atelier Leipzig einen dreifarbigen Druck von Jens Harder an. Gedruckt wurde in drei Farben auf feinem Papier in der Größe 50 x 70 cm. Die Auflage ist streng limitiert und kann hier bestellt werden.
Die obige Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus dem Motiv, das ursprünglich in anderen Farben in Jens Harders Buch “Alpha… directions” (Carlsen) erschienen ist.
Heute früh wurden im “ARD Morgenmagazin” drei Comic-Neuerscheinungen vorgestellt und zur Lektüre empfohlen, darunter “Alien” von Aisha Franz (Reprodukt) sowie “Castro” von Reinhard Kleist (Carlsen). Zum Textbeitrag gelangt manhier, das Video in dem Redakteur Thomas Schindler Reinhard Kleist zum Kurzinterview bittet, findet sich hier.
Am Mittwoch, den 19. Januar, zeigt das “ARD morgenmagazin” einen Beitrag über Comics und Graphic Novels. Zu Gast im Studio ist Reinhard Kleist, der Auskunft zu seinen Büchern “Havanna – Eine kubanische Reise” und “Castro” (beide bei Carlsen) gibt.
Das “ARD morgenmagazin” wird von 5:30 Uhr bis 9:00 Uhr ausgestrahlt.
Noch bis zum 13. März 2011 ist in der Pariser “Fondation Cartier” die Ausstellung “Moebius Trans Forme” zu sehen, die erste große Ausstellung des Künstlers Jean Gireaud, bzw. Moebius in der Französischen Hauptstadt. Für “Spiegel Online” hat sich Ingeborg Wiensowski die Ausstellung angesehen.
Moebius im Museum
Eine Comic-Ikone als Museums-Blockbuster: Paris zeigt die große Retrospektive des Zeichners Jean Giraud, der unter den Pseudonymen Gir und Moebius die Popkultur verändert hat. Die Pariser danken es ihm – und bescheren der Cartier-Stiftung Besucherrekorde.
Klar hat die Pariser “Fondation Cartier pour l’art contemporain” schon bei den Planungen ihrer Ausstellung “Moebius Transe-Forme” gewusst, dass die Schau bei vielen Comic-Fans auf große Begeisterung stoßen würde. Aber dass sie die besucherstärkste und damit erfolgreichste Ausstellung sein würde, die es jemals seit Bestehen des Museums im Gebäude des prominenten Architekten Jean Nouvel gegeben hat, das hatte niemand geahnt. Sie kommt nicht nur bei jungen Besuchern an, sondern auch bei denen im Rentenalter. mehr
Anlässlich der anstehenden Veröffentlichung der Graphic Novel-Edition der “Süddeutschen Zeitung” hat das Branchenmagazin “buchreport.de” ein Kurzinterview mit dem Carlsen-Programmleiter Ralf Keiser geführt.
Immer mehr Belletristikverlage nehmen Graphic Novels ins Programm. Konkurrenz für die Comic-Verlage oder ein positives Signal für das Genre?
Es ist natürlich beides. Wir bekommen dadurch mehr Konkurrenz, besonders im Lizenzeinkauf, das ist unbestreitbar. Für das ganze Segment sehe ich diese Entwicklung sehr positiv, denn sie zeigt, dass hier ein Bereich wächst, der eines Tages einen deutlichen Anteil zum Umsatz eines Buchhändlers beitragen kann. mehr
Im Rahmen der Europäischen Kinder- und Jugendbuchmesse Saarbrücken, die vom 28. bis zum 31. Mai 2011 stattfindet, wird auch ein Graphic-Novel-Symposium ausgerichtet. Das Experimental Media Lab der HBK Saar hat für die eintägige Veranstaltung internationale Gäste eingeladen, um sich mit Graphic Novels “als Genre und ästhetische Praxis” auseinanderzusetzen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dokumentarischen Ansätzen, die die klassischen Erzählformen des Comics im Umgang mit Erinnerung oder aktueller Krisenberichterstattung ergänzen. Die Veranstaltung stellt die aktuelle Vielfalt des Genres vor und bringt internationale Künstler, Kritiker und Verleger zum Gespräch an einen ‘Runden Tisch’.
Ein Workshop zum Umgang mit Graphic Novels an der Schule stellt Ansätze vor, um Graphic Novels in der Sprach- und Filmbildung einzusetzen, neue Zugänge zum Umgang mit Politik und Geschichte zu eröffnen, und komplexe filmische Erzählformen zu erschliessen.
Das Symposium wendet sich zunächst an das Publikum der Kinder- und Jugendbuchmesse. Es ist öffentlich und wird bewusst nicht als Expert/inn/entreffen organisiert, sondern als offener Austausch.
Mit einem Didaktik-Workshop richtet sich das Symposium gezielt an Lehrerinnen und Lehrer, um auf das Potential der Graphic Novel in der Entwicklung alternativer Vermittlungsansätze in Geschichte, Literatur, Politik und Sprachunterricht zu verweisen.
Zum Symposium eingeladen sind unter anderem Baru (“Elende Helden”, Edition 52), Shaun Tan (“Ein neues Land”, Carlsen), Barbara Yelin (“Gift”, mit Peer Meter, Reprodukt) sowie “FAZ”-Redakteur Andreas Platthaus.
Alle weiteren Informationen zu Organisation und Ablauf des Graphic-Novel-Symposiums finden sich auf der dazugehörigen Website.