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Susann Reck über “Vertraute Fremde” von Jiro Taniguchi

vertraute-fremde1Ausnahmsweise präsentieren wir auf graphic-novel.info eine Rezension eines Comics, die aus einem besonderen Blickwinkel geschrieben wurde. Gastautorin Susann Reck hat sich unter dramaturgischen Gesichtspunkten mit Jiro Taniguchis Buch “Vertraute Fremde” (Carlsen Comics) auseinandergesetzt.

Ähnlich wie Christian Petzold, dessen Betrachtung und Bewertung einer Kurzgeschichte von Adrian Tomines “Sommerblond” aus der Sicht des Filmemachers erfolgte, konzentriert sich Susann S. Reck auf die Dramaturgie der Erzählung. Im Juli erscheint Susann Recks Comic-Debüt, eine von ihr geschriebene und von Barbara Yelin (“Pomme d´amour”, Die Biblyothek) gezeichnete Kurzgeschichte, die in der neuesten, sechsten Ausgabe der Anthologie “Spring” zu lesen sein wird.

“Vertraute Fremde”

Plastische Charaktere, die in ihren Erlebniswelten schlicht und durchschnittlich sind und eine fast intime Erzählweise, die einen die Frage stellen lässt, ob das Erzählte autobiografisch ist: “Vertraute Fremde” von Jiro Taniguchi zieht europäische Leser leicht in den Bann. So ist, vor dem Hintergrund einer dicht erzählten Familiengeschichte und trotz der phantastischen Prämisse einer Zeitreise – ein vierzigjähriger Architekt steigt nach einer Dienstreise in den falschen Zug, landet in seiner Heimatstadt und am Grab seiner längst verstorbenen Mutter, wo er in Ohnmacht fällt und als Vierzehnjähriger wieder erwacht, ohne das Bewusstsein des Erwachsenen verloren zu haben – “Vertraute Fremde” keine Fantasy-Story, sondern die Geschichte eines Erwachsenen, der mit einer entscheidenden Episode aus der Kindheit noch einmal konfrontiert wird: dem geheimnisvollen Verschwinden des Vaters.

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2003 erhält Jiro Taniguchi als erster japanischer Comiczeichner in Angoulême für “Vertraute Fremde” den Preis für das beste Szenario. Die in 16 Kapitel strukturierte Geschichte besticht in mehrfacher Hinsicht. Der kontemplative Erzählfluss gibt den sorgfältig komponierten Bildern größtmöglichen Raum zur Entfaltung. Auch scheinbar Nebensächliches erfährt so eine magische Aufladung, ohne dass der Dramatiker Taniguchi das Wesentliche aus dem Auge verliert. Vielmehr führt eine subtile Spannung durch die einzelnen Kapitel, deren klare Struktur auch den Gesamtaufbau des Buches bestimmt. Der Ton der Kapitelüberschriften – “Das Tor zur Fremde”, “Die Stimme des Herzens”, “Die Ahnentafel” oder “Die eigene Wahrheit” – steht im Gegensatz zu einer Auswahl bewusst alltäglich gewählter Szenen und weist gleichzeitig darüber hinaus. Das Alltägliche hat universellen Charakter.

Das eigentliche Thema von “Vertraute Fremde”, die Suche nach dem richtigen Leben und die damit verbundene Frage nach dem Glück, findet sich schon auf den ersten Seiten. Die Rahmenhandlung zeigt, dass der Vierzigjährige seiner Familie ebenso entfremdet und von innerer Unruhe getrieben ist, wie einst der Vater. Auch er ist an einem Scheideweg angelangt, aber anders als die Zukunft, die sich mit Handeln noch beeinflussen lässt, ist die Vergangenheit nicht mehr zu ändern – so plastisch die als Zeitreise gestaltete Erinnerung an die Kindheit auch erscheint.

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Die Zeitreise und ihre “technischen Probleme“, die Rückführung des Hauptcharakters in die Kindheit, gestaltet Taniguchi als Prozess. Er geht dabei ebenso ungewöhnlich wie unterhaltsam vor und macht für den Leser Unmögliches nicht nur möglich, sondern auch nachvollziehbar und glaubhaft.

Taniguchi siedelt erst im vorletzten Kapitel von “Vertraute Fremde” die bis zu diesem Zeitpunkt mit Spannung erwartete, entscheidende Szene zwischen Vater und Sohn an. Der Leser hat inzwischen bereits Einiges über die Beweggründe für das mögliche Verschwinden erfahren. “Vertraute Fremde” ist unter anderem ein Stück japanischer Nachkriegsgeschichte und zeigt die enge Verbundenheit der Menschen mit Ehre und Familie. Auch eine zarte Liebe, die den Sommer nahezu schwerelos macht, ist Teil der Gesamtkomposition, die den Hauptprotagonisten schlussendlich wieder erwachsen werden lässt und zu seiner eigenen Familie zurückbringt. Das Aufeinandertreffen von Vater und Sohn konnte den Verlauf der Ereignisse in der Vergangenheit nicht ändern. Im Gegensatz dazu lässt Taniguchi die Zukunft offen.

“Vertraute Fremde” ist mehr als ein Spiel mit unverrückbaren Tatsachen, die rückwirkend verändert werden wollen. In japanischer Tradition erreichen sämtliche Gegebenheiten des Lebens erst durch den Hinweis auf ihre Vergänglichkeit ästhetische Perfektion. So hatte das Verschwinden des Vaters für das Kind noch etwas Geheimnisvolles an sich. Aus der Warte des Erwachsenen wirkt die Zeit bis zu seinem Verschwinden als Gleichnis. Sie hat die Qualität einer Blume, die früh erblüht und verwelkt.

Das Leben ist ein Fluss, der mit sanfter Melancholie betrachtet werden soll. Auch an diesem Punkt bewegt sich Taniguchi in japanischer Tradition. So ist das Buch weder eine Anklage noch von Vorwürfen belastet. Taniguchi gelingt es vielmehr mit spielerischer Leichtigkeit seine Leser zu erheitern und sie in sanfter Traurigkeit zurückzulassen.

Text © Susann S. Reck

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