In der “Süddeutschen Zeitung” vom 27. August hat sich Christoph Haas mit “Mein Leben mit Mr. Dangerous” (Carlsen) beschäftigt, der jüngsten Graphic Novel von Paul Hornschemeier, dem er aufgrund seiner vorangegangen Bücher “Komm zurück, Mutter” und die “Die drei Paradoxien” (beide Carlsen) attestiert, der “vielleicht klügste, zumindest aber raffinierteste und trickreichste Erzähler” unter den nordamerikanischen Autoren der vergangenen zwanzig Jahre zu sein.
In seiner neuesten “Slacker- und Loser-Geschichte” um die 26-jährige Amy habe Paul Hornschemeier den künstlerischen Anspruch ein Stück weit zurückgeschraubt, und sich dem “Reiz des weniger Ausgetüftelten” hingegeben. Was nicht immer schlecht sein muss, befindet Christoph Haas in “Auch Loser verdienen ein Happy End”.
Christoph Haas hat für die Wochenendbeilage der taz die 2012 erschienenen Bände “Schönes neues Jahr” (Edition 52) und “Die Sputnik-Jahre”(Reprodukt) des französischen Comickünstlers Baru besprochen, der “hierzulande noch als großer Stilist und Fürsprecher der Marginalisierten zu entdecken” sei. Mit “Schönes neues Jahr” (drei Kurzgeschichten aus Barus Frühzeit) und den ursprünglich 2003 in vier Bänden erschienenen Kindheitserinnernungen “Die Sputnik-Jahre” liegen nun zwei neue Bände von Baru auf Deutsch vor.
Besonders beeindruckt ist Haas von Barus Zeichenstil in “Die Sputnik-Jahre”: “Die sanfte Farbigkeit steht in reizvollem Kontrast zur karikaturistischen, von José Muñoz und Jean-Marc Reiser beeinflussten Figurendarstellung, und der fließende Wechsel von konventioneller zu freier Seitenaufteilung zeugt von einem gleich großen Sinn für Dramaturgie und den ökonomischen Einsatz spektakulärer Mittel. Als Fürsprecher der Marginalisierten kann man Baru schätzen, als Stilisten muss man ihn bewundern.” “Klassenkampf und Kinderspiele.”
Anlässlich der deutschen Neuauflage von “Stuck Rubber Baby” (Cross Cult) widmet die “Süddeutsche Zeitung”Howard Cruses ursprünglich 1995 veröffentlichter Graphic Novel eine ausführliche Rezension, die durch ein von Daniel Wüllner geführtes Interview mit dem Autor ergänzt wird. Die Besprechung aus der Feder von Christoph Haas, der in “Stuck Rubber Baby” zeichnerischen Mängeln zum Trotz einen der “besten und bewegendsten amerikanischen Comics” der letzten zwanzig Jahre sieht, lässt sich nun auch online lesen.
Da werden Panels zu Gitterstäben
Die US-Bürgerrechts- und Schwulenbewegung im Comic: „Stuck Rubber Baby“ von Howard Cruse neu aufgelegt ”
Die Geschichte spielt in Clayfield, einer Kleinstadt im tiefen Süden der USA, Anfang der sechziger Jahre. Toland Polk ist ein junger Mann, wie es viele gibt: weiß, Mittelschicht; weder über sich noch über die Welt, in der er lebt, hat er bislang viele Gedanken verloren. Das ändert sich, als er auf einer Party die Studentin Ginger kennenlernt. Ginger will als Sängerin Karriere machen und ist in der Bürgerrechtsbewegung aktiv.” mehr
“Stuck Rubber Baby” war in den vergangenen Tagen darüber hinaus Thema zweier Radiobeiträge. Kai Löffler fertigte einen Beitrag für die WDR 3-Sendung “Resonanzen” (inklusive Interview mit dem Autor), Christian Möller stellte das Buch – ebenfalls mit O-Tönen – in “Corso” auf Deutschlandfunk vor. Beides ist nun auch online zu hören: Resonanzen, Corso
In der “Süddeutschen Zeitung” vom 11. Juli widmet sich Christoph Haas der Geschichte des Teppichknüpfers Mendelmann, die James Sturm in seinem Comic “Markttag” (Reprodukt) erzählt – der Rezensent findet hier “vieles kunstvoll ineinander verwoben, wie in einem wertvollen Teppich”.
Knüpfmuster der modernen Zeit
„Markttag“ von James Sturm ist eine kunstvoll gewebte Graphic Novel, die die Arbeitsbedingungen von Künstlern, auch von Comic-Zeichnern, reflektiert
Ökonomie? Im Comic? Ist meistens kein Thema, so sehr sich das Themenspektrum des Mediums mittlerweile auch geweitet haben mag. Dabei sind die Arbeit und ihre Bedingungen zwei entscheidende Determinanten unseres Alltags. Dass eine Graphic Novel auch solche Gegenstände ebenso präzise wie anschaulich darstellen kann, zeigt nun der amerikanische Comic-Künstler James Sturm. mehr
Christoph Haas schreibt in der heutigen “taz” vom Samstag, dem 18. Juni, über Barus“Hau die Bässe rein, Bruno!”, erschienen in der Edition 52.
Ganoven und Fußballstars
Prächtige Unterhaltung und toll gezeichnet: Barus “Hau die Bässe rein, Bruno!” erzählt spannend von Migration und Verbrechen
Seit einem Vierteljahrhundert zählt er zu den gern gelesenen und preisgekrönten Stars der Comic-Szene Frankreichs. In Deutschland aber ist Baru, der 1947 als Hervé Barulea in Lothringen geboren wurde, nie über den Status des ewigen Geheimtipps herausgekommen. Woran das liegt? Vielleicht an seinen Sujets, die ein gewisses Interesse an der Kultur und Geschichte unseres Nachbarlandes voraussetzen? Oder daran, dass seine Werke auf Deutsch nur sporadisch und in verschiedenen Verlagen erschienen sind? Inzwischen hat sich die kleine Wuppertaler Edition 52 des Zeichners angenommen und scheint ihm auch treu zu bleiben: Nach “Wut im Bauch” (2005) und “Elende Helden” (2008) liegt jetzt “Hau die Bässe rein, Bruno!” vor. Und man darf sagen: Das ist einer der Comics des Jahres! mehr
Pierre Dragon und Frederik Peeters – ein wirklicher Bulle und ein verdammt guter Zeichner. Zusammen haben sie “RG” entwickelt
Wem gehört der große, weiße Renault? Vor einer Viertelstunde hat er sich in die Parklücke geschoben, aber niemand steigt aus. Pierre Dragon, der in einem anderen Auto auf der Lauer sitzt, gerät ins Grübeln. Ist eine rivalisierende Bande unterwegs, die den Menschenschleppern, hinter denen die Pariser Flics her sind, den Garaus machen will?
Ein Griff zum Mobiltelefon macht klar: In dem Lieferwagen sitzen Beamte von der Sitte. Zwischen deren Chef und Dragon kommt es ein paar Tage später zum Krach. Zwei Ressorts, ein Fall, Kompetenzgerangel und Drohungen – aber Dragon hat die besseren Karten: Weiß er doch, dass sein dreister Kollege erpressbar ist, weil er mal etwas mit einer minderjährigen Prostituierten laufen hatte. mehr
In der “taz” vom 2. März schreibt Christoph Haas über “Wilson” und “David Boring”, zwei Werke des amerikansichen Zeichners Daniel Clowes, die Ende vergangenen Jahres in deutscher Sprache bei Eichborn und Reprodukt erschienen sind.
“Hey, Arschgesicht, ich rede mit dir!”
Daniel Clowes ist einer der Stars des US-amerikanischen Indie-Comics. Nun erscheinen seine Werke “David Boring” und “Wilson” auf deutsch.
David sitzt im Shuttlebus zum Flughafen, und plötzlich steigt sie ein, seine Traumfrau. Sie heißt Wanda, findet ihren Hintern etwas zu dick und ähnelt der schönen Pamela, in die er als 13-Jähriger unsterblich verliebt war. David ist ein Nerd, der als Hausmeister in einer Computerfirma arbeitet und vergeblich von einer Karriere als Filmregisseur träumt. mehr
Begleitet von einer ausführlichen Bildstrecke schreibt Christoph Haas auf sueddeutsche.de über “Haarmann”” von Peer Meter & Isabel Kreitz (Carlsen Verlag). Der Artikel wird voraussichtlich morgen – am Donnerstag, dem 13. Januar – in der Printausgabe der “Süddeutschen Zeitung” erscheinen.
Das reine Grauen
Im Vergleich zu ihm war Jack the Ripper ein Waisenknabe, er biss Männern die Kehle durch, zerhackte und zersägte sie: “Haarmann” ist ein Graphik Novel von handwerklicher Perfektion und höchster Biederkeit.
Jack the Ripper ist berühmter. Aber im Vergleich mit seinem übelsten deutschen Kollegen war der fünffache englische Frauenmörder geradezu ein Waisenknabe. Fritz Haarmann, geboren 1879, tötete 1918 zum ersten Mal. Nach viereinhalbjähriger Pause geriet er dann in einen Blutrausch: Zwischen Februar 1923 und Juni 1924 fielen ihm in Hannover 23 junge Männer zum Opfer. Er biss ihnen die Kehle durch, zerhackte und zersägte sie. mehr
Christoph Haas schreibt in der “taz” vom heutigen Samstag, dem 18. Dezember, über “Insel der Männer” von Luca de Santis & Sara Colaone (Schreiber & Leser).
Nie eingestandene Liebe
Luca de Santis und Sara Colaone erzählen in “Insel der Männer” eine Geschichte aus der Zeit des italienischen Faschismus
Der Großmachtwahn war geringer, die Kulturpolitik weniger völkisch-nationalistisch verblendet, und eine Entsprechung zu Auschwitz gab es nicht: Mit dem deutschen Nationalsozialismus verglichen, hatte die Bösartigkeit des italienischen Faschismus ihre Grenzen. Aber auch im Reich Mussolinis wurden Lebenswege untergraben, viele Menschen ermordet, Körper und Seelen malträtiert. Damit einem dies widerfuhr, war es nicht nötig, eine abweichende politische Meinung zu vertreten. Es reichte schon, einer sexuellen Minderheit anzugehören. “In Italien gibt es nur echte Männer”, verkündete der “Duce” apodiktisch, und das hieß: Schwule waren geächtet. mehr
Anlässlich der Ausstellung zu “Spring 7 – Happy Endings” in der Berliner Galerie Neurotitan hat Christoph Haas für die “taz” vom 23. September ein Interview mit den Zeichnerinnen Ludmilla Bartscht, claire Lenkova und Stephanie Wunderlich geführt.
“Jetzt ein falscher Strich, und alles ist ruiniert!”
FEMINISMUS UND COMIC Die Zeichnerinnen Ludmilla Bartscht, claire Lenkova und Stephanie Wunderlich über ihre Anthologie “Spring”
taz: Comic-Anthologien beginnen oft vielversprechend, verschwinden aber auch wieder schnell von der Bildfläche. “Spring” gibt es jetzt schon seit sechs Jahren, und die Bände werden immer dicker, immer besser. Woran liegt das?
claire Lenkova: Die erste Ausgabe war sehr viel Arbeit, und weil das so war, haben wir einfach weitergemacht. Wir sind stur, und wir sind Gewohnheitstiere, wie alle anderen Menschen auch.
Wie ist Ihr Zusammenschluss von Zeichnerinnen zu “Spring” überhaupt entstanden?
Lenkova: Ich war damals im ersten Studienabschnitt an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und bastelte kleine Heftchen, die ich verkaufte. Claudia Ahlering, die ebenfalls Comics zeichnete, und ich waren aus der Anthologie “Orang” – die es immer noch gibt – herausgeflogen. Also wollten wir selbst etwas aufziehen. Von der Kulturförderung haben wir einen Druckkostenzuschuss bekommen, wir haben Mitarbeiterinnen zusammengetrommelt, über einen Namen diskutiert – und mit dem Zeichnen angefangen. mehr
Christoph Haas in der “Süddeutschen Zeitung” vom 28. Juli über “Der Geschmack von Chlor” von Bastien Vivès (Reprodukt) – bereits heute online zu lesen… und vor allem zu sehen!
Baden gehen
Das Chlor beißt in den Augen, das Kraulen gleicht einem mühsamen Platschen: In Bastien Vivès sensationellen Comicalbum “Der Geschmack von Chlor” erhält selbst das leicht Peinliche eine eigene Schönheit.
Schmal und verspannt liegt der junge Mann auf der Massagebank. Tief beugt der Therapeut sich über ihn. “Du musst wirklich was für deinen Rücken tun”, schimpft er. “Ich hab’s dir schon so oft gesagt: Geh schwimmen!” Kleinlaut stimmt der Patient zu. mehr
Christoph Haas am 19. Juli in der “Süddeutschen Zeitung” über die “Sandman”-Serie von Neil Gaiman und vielen verschiedenen Zeichnern, die nun bei Panini Comics erstmals komplett in deutscher Sprache vorliegt.
Mächtiger Herr der Träume
Der Sonderling unter den Superhelden: “Sandman” trägt kein Cape, sieht eher aus, wie der Sänger einer Gothic-Punk-Band. Die legendäre Comic-Serie liegt jetzt komplett auf Deutsch vor.
“Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß” – dieser Satz aus dem “West-östlichen Divan” könnte auch das geheime Motto der großen amerikanischen Comic-Serien sein. Superman ist seit 1938 unterwegs, Batman seit 1939, und Spider-Man, das Nesthäkchen in der Trias der beliebtesten Helden, spannt immerhin schon seit 1962 seine Netze. Einen Anfang kennen sie alle – eine origin story, die erzählt, wie ein katastrophaler Zufall aus Menschen Übermenschen werden ließ. Aber zu einem Ende dürfen sie nicht kommen; ihre Abenteuer müssen immer weitergehen. mehr
Christoph Haas in der “taz” vom 26. Juni über “Alans Krieg” von Emmanuel Guibert (Edition Moderne).
Erinnerungen eines GIs
Nach Afghanistan nun Zweiter Weltkrieg – Emmanuel Guiberts spannender autobiografischer Comic “Alans Krieg”.
Zum Kriegsfilm, zum Kriegscomic gehört das Pathos der Froschperspektive. Nicht um den distanzierten Blick der Generäle und Heeresberichte geht es, sondern um das, was die Männer im Feld erleben, hinter ein Maschinengewehr gekauert oder das Bajonett zum Stoß erhoben. Dieser Ansatz kann kritisch oder sogar subversiv sein: Durch den fehlenden Blick aufs große Ganze wird der Sinn des grausigen Geschehens angezweifelt, wenn nicht negiert. Aber das muss nicht zwangsläufig der Fall sein. mehr
Christoph Haas in der “taz” vom 6. Juni über “Wimbledon Green” von Seth (Edition 52):
Rätselhafter Wimbledon
GRAPHIC NOVEL Seth’ alias Gregory Gallants sensibler Comic
Seth liebt die Käuze, die Träumer und Loser. Die Bilder, in denen er ihre Schicksale schildert, sind von einer makellosen Retro-Eleganz. In “It’s A Good Life If You Don’t Weaken” versucht ein junger Mann mit manischem Eifer alles über einen US-amerikanischen Cartoonisten der Vierziger- und Fünfzigerjahre herauszukriegen. Und auch “Wimbledon Green”, die jüngste Graphic Novel des kanadischen Künstlers, führt in das Biotop des fanatischen Comicsammlers. mehr
Ein ausführliches Interview mit Seth führte zudem Tom Spurgeon für seinen Blog comicsreporter.com, das sich in englischer Sprache hier nachlesen lässt.
In der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” bespricht Christoph Haas Paul Hornschemeiers “Die drei Paradoxien” (Carlsen).
Strategien der Erinnerung
“Die drei Paradoxien” des meisterhaften Comic-Zeichners Paul Hornschemeier
“Paul und der Zauberbleistift” heißt die Arbeit, die dem jungen Comic-Zeichner Mühe bereitet. Er hockt in der Küche seiner Eltern, radiert und grübelt. Dann macht er mit dem Vater einen Gang durch die leeren Straßen der Kleinstadt. Sie reden, und der Zeichner schießt ein paar Fotos. Er denkt immer noch an sein Projekt, aber auch an ein unangenehmes Erlebnis in seiner Kindheit. Zu Hause kritzelt er noch ein wenig, bevor er unzufrieden ins Bett geht. Am nächsten Morgen fährt er zurück nach Chicago, wo er den Besuch einer Frau erwartet, mit der er bislang nur in Briefkontakt stand und in die er sich vielleicht verliebt hat. mehr
In der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” bespricht Christoph Haas Alan Moores und Eddie Campbells “From Hell” (Cross Cult):
Tyrannei der Muttermilch
Wer war Jack the Ripper? Unglaublich lebendig und dokumentarisch genau nähern sich Alan Moore und Eddie Campbell in ihrem Comic “From Hell” einer Antwort in Bildern.
Fünf Mal schlägt er im Herbst 1888 zu. Sein Revier ist das Whitechapel-Viertel im bitterarmen Osten Londons. Stets sind seine Opfer Frauen, und stets werden sie erst erwürgt, dann auf grausamste Weise verstümmelt. Die Polizei ermittelt auf Hochtouren. Falsche Selbstbezichtigungsschreiben gehen stapelweise ein. Die Medien überschlagen sich. Gerüchte gehen um: Hohen, sogar höchsten gesellschaftlichen Kreisen soll der Täter angehören. Gefasst wird er nie. Noch heute aber kennt jeder den klangvoll-schauerlichen Namen, den man ihm damals verlieh: Jack the Ripper. mehr