In der Kulturzeit auf 3Sat wurden zu Beginn der Woche zwei Comic-AutorInnen und ihre neuen Bücher vorgestellt. Am Montag stand zunächst Nicolas Mahler im Mittelpunkt, dessen “Alice in Sussex” (nach H.C. Artmann und Lewis Carroll) gerade bei Suhrkamp erschienen ist. Der Wiener “Existenzialist des Humors” erzählt im Beitrag (oben zu sehen) über seine Arbeit und seine Sicht auf die Welt.
Am Dienstag gab es ein Spezial zum Thema Asyl, in dem auch Paula Bulling zu Wort kommt, die sich in ihrem Buch “Im Land der Frühaufsteher” (avant-verlag) mit der Situation von Asylbewerbern in Sachsen-Anhalt auseinandersetzt: “Zermürbende Enge”. Das Video lässt sich in der 3Sat-Mediathek ansehen.
Drei Neuerscheinungen stellt das Video-Buchmagazin lettra.tv vor: “Die falschen Gesichter” von David B. und Hervé Tanquerelle, “Das Cape” von Joe Hill (Panini) sowie “Der Process” nach Franz Kafka von David Zane Mairowitz und Chantal Montellier.
Vor allem die “poetische Ruhe” gefällt Rezensent Boris Kunz an “Im Dunkeln” von Pierre Wazem und Tom Tirabosco (avant-verlag), wie er auf dem Blog des Titel-Magazins schreibt: “Nomen est Omen”.
Für das ARD-Literaturmagazin “druckfrisch” reiste Denis Scheck jüngst nach Japan und traf in Tokyo den Manga-Autoren Jiro Taniguchi, dessen Werke auf deutsch im Carlsen-Verlag und bei Schreiber & Leser vorliegen.
Mit Lukas Jüliger, dem Autoren von “Vakuum” (Reprodukt) führte Teresa Fries ein Interview, das auf jetzt.de, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, nachzulesen ist: “In der Jugend merkt man, dass alles endlich ist”. Unter anderem geht er dabei auf die intensive Arbeit an dem Buch ein und legt dar, was für ihn der Reiz am kreieren von Comics ist.
Christopher Schrader stellte in der Süddeutschen Zeitung den Wissenschaftscomic “Die große Transformation” (Jacoby & Stuart) vor, in dem neun WissenschaftlerInnen sich mit Ursachen und Wirkungen des Klimawandels befassen: “Forscher erklären den Klimawandel”. Die Zeichnungen stammen von Jörg Hartmann, Jörg Hülsmann, Iris Ugurel, Robert Nippoldt, Christine Goppel und Astrid Nippoldt.
“Der erste Aussteiger” steht im Mittelpunkt der Buchbesprechung von Erik Wenk, ebenfalls auf tagesspiegel.de. Gemeint ist Henry David Thoreau, über den kürzlich die biografische Graphic Novel “Henry David Thoreau – Das reine Leben” von A. Dan und Maximilien Le Roy (Knesebeck) erschienen ist. Wenk zeigt sich nur teilweise angetan: “Es bleibt eine Comic-Biographie, die man zwar gerne liest und die optisch zweifellos viele Momente des Genusses bereithält, die jedoch über einen schlaglichtartigen Blick auf Henry David Thoreaus Leben kaum hinausgeht.”
“Die „Seelenfresser“-Tetralogie des Leipziger Zeichners Schwarwel beeindruckt mit einer düsteren, komplexen Geschichte.” So fasst Mario Osterland an selber Stelle seine Gedanken zur Graphic Novel-Reihe des Leipziger Auotrs Schwarwel zusammen: “Was vom Glauben übrig bleibt”. “Seelenfresser” erscheint im Verlag Glücklicher Montag.
Michael Brake hat sich für die tageszeitung mit Sascha Hommer unterhalten, dem Mitherausgeber der Anthologie “Orang”, deren letzte Ausgabe kürzlich bei Reprodukt erschienen ist. Hommer geht auf die Geschichte und Motivationen des Comicmagazins ein und stellt ganz ohne Bedauern fest, warum es nun Zeit ist, von weiteren Ausgaben abzusehen: “Beende deine Jugend”.
In seinem Artikel für die Wiener Zeitung schlägt Martin Reiterer den Bogen von Joe Saccos und Marjane Satrapis Büchern, die politisches Geschehen im Nahen Osten reflektieren, hin zu aktuellen Veröffentlichungen, die ebenfalls und zum Teil sehr aktuelle das Geschehen aufgreifen: “Metro” von Magdy El-Shafee (Edition Moderne), “Zahra´s Paradise” von Amir und Khalil (Knesebeck) sowie “Die besten Feinde” von Jean-Pierre Filiu und David B. (avant-verlag): “Subversive Bildwelten”.
“Graphic Novels aus Nahost” stehen auch im Radiobeitrag von Elise Landscheck für NDR Info. Sie sprach mit Zeina Abirached, deren “Das Spiel der Schwalben” im März im avant-verlag erscheint, Magdy El-Shafee über “Metro” und Maximilien LeRoy über “Die Mauer” (beide Edition Moderne).
“Jüliger ist ein Buch gelungen, das alles andere als ein luftleerer Raum, ein Vakuum, ist. Es entwickelt trotz der schreienden Einsamkeit seiner Hauptfiguren, viel Kraft. Ein Buch, das man verschlingt und sicher nicht so schnell vergessen wird.” Das schreibt Matthias Heller in seinem Beitrag für NDR Kultur. Er hat sich die Ausstellung zu Lukas Jüligers “Vakuum” (Reprodukt) am vergangenen Wochenende in Hamburg angesehen: “200 Bleistifte für ein Vakuum”.
Auf tagesspiegel.de betont Thomas Greven, dass “Die Frau ist frei geboren – Olympe de Gouges” von Catel Muller und Autor José-Louis Bocquet (Splitter) ihre Spannung vor Allem aus der erzählten Handlung bezieht.
“Das Reizvolle an einem Comic ist, dass man völlig frei ist.” sagt der Filmemacher und Comicautor Helmut Wietz im Interview mit Paul-Philipp Hanske an gleicher Stelle: “Sex, Revolution und die Dialektik der Aufklärung”. Wietz´ vor rund vierzig Jahren begonnener Comic “Der Tod von Adorno” erscheint dieser Tage bei metrolit.
Dass bei Reprodukt demnächst Kindercomics erscheinen – zur Buchmesse in Leipzig werden sechs Titel präsentiert – meldet heute Börsenblatt.net: “Kindercomics bei Reprodukt”.
Bereits letzte Woche strahlte das arte-Kulturmagazin “Metropolis” einen Beitrag über Reinhard Kleist und sein aktuelles Buch “Der Boxer” (Carlsen) aus. Der Beitrag kann online angesehen werden (siehe oben), zum Begleittext gelangt man hier: “Hertzko Haft”.
Markus Weckesser schrieb in der gestrigen Ausgabe der tageszeitung über Art Spiegelman, die derzeit im Kölner Museum Ludwig gezeigte Ausstellung “CO-MIX” und den bei Fischer erschienenen Band “MetaMaus”: “Atompilz aus dem Schädel”.
Susanne Billig besprach gestern im “Radiofeuilleton” auf Deutschlandradio Kultur“Freud” von Corinne Maier und Anne Simon (Knesebeck), eine “kurzweilige und gar nicht oberflächliche Liebeserklärung an den berühmten Seelen-Taucher”: “Dem Credo des Meisters verpflichtet”. Direkt zur Audioversion des Beitrags als mp3-Datei gelangt man hier.
Abel Lanzacs und Christophe Blains “Quai d’Orsay – Hinter den Kulissen der Macht” findet weiterhin Zuspruch in der Presse. So schreibt Christian Schlüter in der Frankfurter Rundschau sowie der Berliner Zeitung unter der Überschrift “Französischer Comic verulkt Weltpolitiker”: “Selten so gelacht: Der Polit-Comic „Quai d’Orsay“ von Christophe Blain ist ein meisterhafter Blick hinter die Kulissen der Macht. Eine krachend komische, dann aber auch wieder bitter-ernste Geschichte.”
“Überspitzt, aber trotzdem glaubhaft” bezeichnet Kai Löffler Blains und Lanzacs Portrait des Politikbetriebs in seinem Beitrag für den Deutschlandfunk: “Blick hinter die Kulissen der Diplomatie”. Hier kommt nicht nur Christophe Blain selbst zu Wort, Passagen aus dem Buch werden auch von Sprechern gespielt. Der Beitrag kann hier auch als MP3-Datei angehört werden.
Arne Bellstorf, Autor von “Baby´s in Black – The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe” (Reprodukt), war im Mai auf Einladung des örtlichen Goethe-Instituts in Toronto zu Gast, wo er am Randes des Toronto Comic Arts Festivals sein auch in Nordamerika erschienenes Buch vorstellte und einen Einblick in die Entstehung des Bandes gab. Das rund einstündige Video ist hier zu sehen.
Auf der Frankfurter Buchmesse wurden eine Reihe von Redakteuren und Verlagsmitarbeitern unter dem Motto “Herz oder Hirn?” dazu befragt, was auch unter Berücksichtigung der Gestaltung, ein gutes Buch ausmacht. Christian Maiwald von Reprodukt stellt dort ab der sechsten Minute “Rosalie Blum” von Camille Jourdy vor.
“Kaum eine andere Form des Erzählens hat in den letzten Jahren so viel an Aufmerksamkeit und Ansehen gewonnen wie die Graphic Novel, der Roman in Bildern.” So eröffnet ein Überblick über aktuelle Neuerscheinungen, der gestern im “Buchjournal” auf MDR Figaro ausgestrahlt wurde. Die Texte zu den fünf Titeln können hier nachgelesen und nachgehört werden:“Romane in Bildern”. Vorgestellt wurden: “Niemandsland” von Blexbolex (Jacoby & Stuart), “Traumnovelle” von Jakob Hinrichs (nach Arthur Schnitzler, Edition Büchergilde), “Tristram Shandy, Gentleman” von Martin Rowson (nach Laurence Sterne, Knesebeck), “Der Pirat und der Apotheker” von Henning Wagenbreth (nach R.L. Stevenson, Peter Hammer Verlag) und “Der Boxer” von Reinhard Kleist (Carlsen).
“Der Boxer” wurde ebenfalls in der Badischen Zeitung vorgestellt “Die Geschichte des Boxers im KZ”. Jürgen Schickinger resümiert: “Ausnahmeband”. Die Sogkraft der Erzählung stellt Schickinger bei David Smalls “Stiche” (Carlsen) heraus: “Die Geschichte des Kindes in Detroit”.
Auch tagesspiegel.de stellt wieder eine Graphic Novel vor: “Don Quijote” von Flix (nach Miguel de Cervantes, Carlsen), in dem Thomas Hummitzsch einen “famosen Schelmencomic” erkennt: “Wutbürger Don Quijote”.
Am vergangenen Samstag strahlte der Deutschlandfunk ein halbstündiges Feature über Literaturadaptionen im Comic aus. Redakteurin Angela Gutzeit lässt dabei Experten wie den Comic-Journalisten Klaus Schikowski, AutorInnen wie Flix, Birgit Weyhe und Nicolas Mahler sowie Verlagsmitarbeiterin Jutta Harms von Reprodukt zu Wort kommen und stellt darüber hinaus aktuelle Veröffentlichungen vor, darunter “Reigen” von Birgit Weyhe (nach Arthur Schnitzler, avant-verlag), “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” von Stephane Heuet (nach Marcel Proust, Knesebeck), “Alte Meister” von Nicolas Mahler (nach Thomas Bernhard, Suhrkamp) und “Don Quijote” von Flix (nach Miguel de Cervantes, Carlsen).
Der Beitrag “Comics blicken auf Literaturklassiker” kann hier nachgelesen werden. Der Beitrag befindet sich auch in der dradio-Mediathek und kann hier als MP3-Datei nachgehört werden.
Es sind noch einige Tage bis zum offiziellen Verkaufsstart, schon jetzt berichtet der in Wien erscheinende “Kurier” über den biografischen Band “Freud” von Corinne Maier und Anne Simon (Knesebeck). Der Beitrag “Sigmund Freuds Leben als Graphic Novel” ist eine umfangreiche und untertitelte Bildergalerie.
Sigmund Freud gehört ohne Zweifel zu den einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen und Werke – man denke nur an den Ödipus-Komplex oder die Traumdeutung – werden bis heute kontrovers diskutiert und erregen die Gemüter bis weit über die Grenzen der Wissenschaft hinaus. Corinne Maier und Anne Simon laden all jene auf eine vergnügte Reise in das Wien um 1900 ein, die mehr oder neues über den Arzt, Psychologen und Religionskritiker wissen möchten. In traumgleichen Assoziationsketten und biografischen Passagen aus Freuds Leben wird dabei neben dem persönlichen Schicksal des Vaters der Psychoanalyse auch sein Werk und dessen Rezeptionsgeschichte beleuchtet. Eine ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Annäherung an Sigmund Freud und sein Werk, die – wie könnte es auch anders sein – gleichzeitig provoziert und zur weiteren Auseinandersetzung einlädt.
Corinne Maier ist Psychologin, Historikerin und Soziologin. Mit ihrem Bestseller “Die Entdeckung der Faulheit”, in dem sie die Strukturen großer Unternehmen anprangerte, erlangte sie weltweite Beachtung, als sie ihr Arbeitgeber, ein französischer Energiekonzern, nach Erscheinen des Buchs entließ.
Anne Simon hat an der École Supérieure de l’Image d’Angoulême und später an der École des Arts Décoratifs in Paris studiert. Sie hat bereits zahlreiche Comics und Jugendbücher illustriert.
Freud, ISBN 978-3-86873-510-9, 48 Seiten, farbig, Hardcover, 19,95 EUR, erscheint im Juni 2012
“Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Eine Liebe von Swann, Teil II” von Marcel Proust und Stèphane Heuet
Die Koketterie der schönen Kurtisane Odette de Crescy stachelt Charles Swanns Eifersucht und Misstrauen nur noch weiter an. In dem Wahn, einen Beweis ihrer Untreue zu finden, gerät er nicht nur immer weiter ins gesellschaftliche Abseits, sondern seine Liebe zu Odette beginnt schließlich zu erkalten. Seit mehr als 14 Jahren arbeitet Stéphane Heuet an der Umsetzung von “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” als Graphic Novel. Dafür wählt er die Schlüsselszenen aus der Recherche aus und vermittelt mit diesen Passagen einen Eindruck von Prousts poetischer Prosa. Der von Hergé geprägte Comic-Stil der Ligne claire der 1930er-Jahre inspiriert ihn dabei. Der fünfte Band dieses wunderbar neuen Zugangs zu diesem großen Klassiker.
Marcel Proust, geboren 1871, führte ein Leben als Dandy und Schriftsteller in den höchsten Pariser Kreisen. Aufgrund seines Asthmas musste er sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen. Von da an arbeitete er obsessiv an dem literarischen Großepos, das er unvollendet hinterließ, als er 1922 verstarb.
Stéphane Heuet, 1957 in Brest geboren, war sieben Jahre lang Matrose im Indischen Ozean und später Artdirector in Paris. Mit 35 Jahren begann er “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” als Graphic Novel umzusetzen. Er lebt mit seinen zwei Kindern in Paris.
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Eine Liebe von Swann, Teil II, ISBN 978-3-86837-265-8, 48 Seiten, farbig, Hardcover, 19,95 EUR, erscheint im Juni 2012
“Henry David Thoreau – Das reine Leben” von A. Dan und Maximilien Le Roy
Henry David Thoreau gilt als einer der einflussreichsten amerikanischen Schriftsteller und Philosophen. Mit Walden oder Leben in den Wäldern und Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, dem Standardwerk über zivilen Ungehorsam, ist er seit Aufkommen der Occupy-Bewegung besonders populär. Dieser große Denker führte ein ungewöhnliches Leben – das eines Lehrers, der für seine pädagogischen Prinzipien seine berufliche Karriere aufs Spiel setzte; eines Mannes, der in die Natur zog, um dort außerhalb gesellschaftlicher Konventionen zu leben; eines Rebellen, der eher ins Gefängnis ging, als mit seinen Steuern den Krieg der USA gegen Mexiko zu unterstützen. Neben der eindrucksvollen Schilderung der wichtigsten Passagen des Lebens von Thoreau gelingt es Maximilien Le Roy und A. Dan, die Positionen seines Werks völlig neu und anschaulich zugänglich zu machen.
Maximilien Le Roy wurde 1985 in Paris geboren und studierte dort an der École d’arts appliqués. Er schrieb und zeichnete bereits zahlreiche Graphic Novels, u.a. über das Leben in Palästina (“Die Mauer”, Edition Moderne). 2010 veröffentlichte er zusammen mit Michel Onfray die Comic-Biografie “Nietzsche”.
A. Dan hatte eine erfolgversprechende Karriere vor sich, als seine Passion ihn zum Comiczeichnen brachte. Als Autodidakt auf diesem Gebiet hat er bereits mehr als ein halbes Dutzend Comic-Alben und Graphic Novels gezeichnet.
Henry David Thoreau – Das reine Leben, 88 Seiten, farbig, Hardcover, 22 EUR, erscheint im September 2012
“Die Welt” hat sich am 19. Mai gleich in mehreren Beiträgen mit der gegenwärtigen Vielzahl an Literaturadaptionen im Comic beschäftigt.
Im umfangreichsten Text der Strecke unterzieht der Schriftsteller Thomas von Steinaecker die Literaturadaption im Allgemeinen und speziell die Umsetzung von Literatur im Comic einer näheren Betrachtung. Dabei lässt ihn das Gros der zuletzt veröffentlichten Comicadaptionen unbefriedigt zurück, Titel wie “In der Strafkolonie” nach Franz Kafka (Sylvain Ricard, Mael, dt. bei Knesebeck) und die Proust-Adaption “Combray” (Stéphane Heuet, dt. bei Knesebeck) wertet er in ihrer vermeintlich werkgetreuen Umsetzung in weiten Teilen als derart “fantasielos”, dass die Wörter der Vorlage “jeglichen Zauber” verlören.
Auch der freieren Interpretation einer Vorlage wie Posy Simmonds’ nach Gustave Flaubert entstandenes “Gemma Bovery” (dt. bei Reprodukt) mag Thomas von Steinaecker kein gänzlich gutes Zeugnis ausstellen: Trotz eines “amüsanten intertextuellen Spiels” bliebe Posy Simmonds im Vergleich mit Flaubert “in jeder Hinsicht harmlos und oberflächlich”.
Einzig das Künstlerduo Alexandra Kardinar und Volker Schlecht weiß den Autor mit seiner Adaption von E.T.A. Hoffmanns“Das Fräulein von Scuderi” (Edition Büchergilde) zu überzeugen. Hier sei die Adaption “Bebilderung, Kommentar und Weiterführung in einem” – und durch die “Qualität der Panels und die formale Innovation” könne diese Version von “Das Fräulein von Scuderi” “gleichberechtigt neben der Vorlage bestehen und immer wieder neue Perspektiven auf Hoffmanns Text und seine Zeit” eröffnen”. Im Großen und Ganzen gelangt Thomas von Steinaecker zu dem Schluss, dass die Comicadaption zu oft die “Verkaufs- und Leseerwartungen an eine leichte Lektüre erfülle” und so Gefahr liefe, zu dem zu werden, wovor es schon Ray Bradbury in “Fahrenheit 451″ gegraut habe: “ein Abhaken der Höhepunkte eines Buches als Effektfeuerwerk”. Interessante Adaptionen wie “Das Fräulein von Scuderi” kommen, so das Fazit des Artikels “Das Beste in Bildern”, nur zustande, wenn sich der Comic auch in diesem Fall seiner “formalen und inhaltlichen Freiheit” bewusst werde.
Der kürzere Beitrag “Riesen zu Windmühlen” verweist auf die ersten fünf Bände einer neuen Reihe von Literaturcomics, die der Brockhaus-Verlag unlängst in die Buchhandlungen gebracht hat. Den in Frankreich entstandenen Titeln wie “Don Quijote” nach Miguel de Cervantes (David Pellet, Philippe Chanoinat, Djian) bescheinigt der nicht genannte Verfasser des Textes “brav und ordentlich gemacht” zu sein, wohingegen das englischsprachige Großprojekt “The Graphic Canon” (Russ Kick, Hg., Seven Stories Press) wesentlich “ambitionierter und ausgeflippter” sei. Zeichner wie Robert Crumb oder der bereits verstorbene Will Eisner tragen hier zu einem Kanon der gesamten Weltliteratur vom Gilgamesch-Epos bis zu David Foster Wallaces “Unendlicher Spaß” bei. Ob dies gelungen ist, wird der erste Band zeigen, der am 22. Mai erscheinen soll.
Auch der traditionsreiche Suhrkamp-Verlag hat 2011 mit Nicolas Mahlers Adaption von Thomas Bernhards “Alte Meister” eine erste Graphic Novel auf den Markt gebracht – und angekündigt, diesem Erstling weitere Comics folgen zu lassen, die allesamt auf literarischen Vorlagen von Suhrkamp-Autorinnen und -Autoren basieren. Matthias Heine hat nun im Interview mit Winfried Hörning, der die Taschenbuchsparte bei Suhrkamp verantwortet, künftige Titel in Erfahrung gebracht. Neben der bereits bekannten Bearbeitung von Marcel Beyers “Flughunde” durch Ulli Lust (“Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens”, avant-verlag), arbeitet Nicolas Mahler an “Alice in Sussex” – “einer bearbeiteten Version beziehungsweise Kompilation aus ‘Alice im Wunderland’ und ‘Frankenstein in Sussex’ von H.C. Artmann.” Olivia Vieweg (“Warum Katzen besser sind als Männer”, Carlsen) hingegen zeichnet “eine moderne Fassung von ‘Huckleberry Finn’ – angesiedelt in Ostdeutschland”. In dem Gespräch “Brecht muss noch warten” gibt Winfried Hörning aber noch weitere konkrete Pläne und Namen preis. So offenbart er, dass Volker Reiche (“Strizz”, C.H. Beck, JNK) eine Graphic Novel ohne Bezug zum Suhrkamp-Universum beitragen wird – und dass der Verlag sich durchaus offen zeigt, auch im europäischen Ausland nach passenden Stoffen Ausschau zu halten.
Drei neue Titel kommen in den nächsten Wochen aus dem Haus Knesebeck in den Handel. Weiterhin konzentriert sich der Münchner Verlag auf Literaturadaptionen von Christie, Kafka und Proust.
“Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Eine Liebe Swanns, Teil I“ von Marcel Proust und Stéphane Heuet
Die oberflächliche, aber schöne Kurtisane Odette de Crescy lässt den gebildeten und feinen Charles Swann zuerst kalt, mit einer Melodie gelingt es ihr, ihn zu verführen; eine Liebe entsteht, von Odette geschickt angefeuert, geprägt von Erfüllung und Enttäuschung, voller Leidenschaft und Eifersucht.
Seit mehr als 14 Jahren arbeitet Stéphane Heuet an der Umsetzung von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit als Graphic Novel. Dafür wählt er die Schlüsselszenen aus und vermittelt so einen Eindruck von Prousts poetischer Prosa. Der von Hergé geprägte Comic-Stil der Ligne claire der 1930er-Jahre inspiriert ihn dabei. ein wunderbarer, neuer Zugang zu diesem großen Klassiker der Weltliteratur.
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Eine Liebe Swanns, Teil I, ISBN 978-3-86873-264-1, 48 Seiten, Hardcover, farbig, 19,95 EUR
“In der Strafkolonie” von Franz Kafka, Sylvain Ricard und Maël
Ein Reisender kommt in eine Strafkolonie, um mehr über die dortigen Zustände zu erfahren. Man zeigt ihm eine grausame Bestrafungsmaschine, die den Angeklagten ihr Urteil mit einer Nadel in den Körper ritzt – immer tiefer, zwölf Stunden lang, bis der verurteilte die Bedeutung des Schriftzugs erkennt und schließlich getötet wird.
Kafka zeichnet in ihr das Bild einer gewalttätigen Menschheit. Für die Umsetzung als Graphic Novel arbeitete Sylvain Ricard prägnant die Erzählung heraus. Maëls expressiver Stil zeigt die ganze Brutalität der Geschichte, der lineare und strenge Seitenaufbau dagegen unterstreicht die funktionalistische Überzeugung der Folterer. ein neuer Zugang zu einer zeitlos kafkaesken Geschichte.
In der Strafkolonie, ISBN 978-3-86873-459-1, 48 Seiten, Hardcover, farbig, 19,95 EUR
“Und dann gabs keines mehr” von Agatha Christie, François Rivière und Frank Leclercq
Auf einer kleinen Insel vor der Küste Devons: Ein geheimnisvoller Gastgeber hat zehn gut situierte Damen und Herren für ein Wochenende eingeladen. Nach und nach werden die dunklen Geheimnisse, die ein jeder in seinem Leben hat, enthüllt, und einer nach dem anderen verliert auf tragische Weise sein Leben …
Und dann gabs keines mehr von Agatha Christie ist eines der meistverkauften Bücher der Welt und wurde mehrfach fürs Theater und Kino adaptiert. Die Zeichnungen von Leclercq fangen auf beeindruckende Weise die aufgeladene Stimmung auf der einsamen Insel ein.
Und dann gabs keines mehr, ISBN 978-3-86873-442-3, 48 Seiten, Hardcover, farbig, 16,95 EUR
Auf WDR2 wurde heute ein Bericht über “Zahra´s Paradise” (Knesebeck) von Amir und Khalil ausgestrahlt. Direkt zum Audiobeitrag gelangt man hier.
Revolution im Comic
Die iranische Graphic Novel “Zahra’s Paradise” wandte sich gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen im Iran von 2009 und erschien zuerst im Netz. Mittlerweile liegt sie in elf Sprachen als Buch vor.
Amir, ein Exil-Iraner und Journalist, und Khalil, ein Araber, haben “Zahra’s Paradise” entwickelt und ins Netz gestellt. mehr
Für “Die Welt” hat Silke Mülherr mit den unter Pseudonym schreibenden und zeichnenden Autoren des im Iran spielenden Comics “Zahra´s Paradise” (Knesebeck) gesprochen.
Terror, schwarz auf weiß
Seit der Aufstand im Iran 2009 blutig niedergeschlagen wurde, regiert Gewalt das Land. Ein Perser und ein Araber schildern die Schrecken in einem anonym verfassten Comic. Wir haben mit ihnen gesprochen
Ein herrenloser Turnschuh, der blutverschmiert auf dem Asphalt liegt. Ein paar zerknüllte Flugblätter, die das durchgestrichene Gesicht von Ahmadinedschad zeigen – das ist alles, was an diesem Tag vom Protest übrig geblieben ist, nachdem die Sicherheitskräfte den Platz der Freiheit in Teheran leer geprügelt haben. Das Bild stammt aus der jetzt auf Deutsch erschienenen Graphic Novel “Zahra’s Paradise”. Das Comictagebuch zeigt den perfiden Terror hinter den Mauern des Irans, der vor den Augen der Welt verborgen bleibt.
Im ZDF “heute journal” stellte Nicolette Feiler-Thull am 14. September den Comic “Zahra’s Paradise” vor, in dem der Autor Amir und der Comiczeichner Khalil die “Grüne Revolution” im Iran 2009 und ihre Folgen dokumentieren.
“Zahra’s Paradise”, die fiktive Geschichte über die Suche nach Medhi, einem jungen Mann, der exemplarisch für Tausende von Inhaftierten und Verschwundenen Iranerinnen und Iraner dieser Tage steht, hat seit 2009 im Internet weltweit eine große Leserschaft gefunden, und liegt inzwischen bei Knesebeck in deutscher Sprache als Buch vor. Der Fernsehbericht lässt sich nun auch online in der ZDFmediathek ansehen.
Für das 3Sat-Magazin “Kulturzeit” traf sich Nicolette Feiler-Thull mit Stéphane Heuet, um mit ihm über die fortwährende Arbeit an seiner Adaption von Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” (Knesebeck) zu sprechen. Der Beitrag, bereits Anfang des Monats ausgestrahlt, lässt sich weiterhin online ansehen (siehe unten).
Sprach-Bilder – Marcel Proust als Comic
Der Bretone Stéphane Heuet traut sich was: Er macht aus einem Schwergewicht der Weltliteratur, aus Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” eine Bildergeschichte, aus sieben Romanen einen Zyklus von Graphic Novels. Ist das Blasphemie?
“Es ist nicht möglich, seltenere Arten an einem Ort vereint zu finden als diese jungen Blüten, die vor mir die Linie des Meeres wie eine luftige Hecke unterbrechen.” Marcel Proust spricht an dieser Stelle seines Romanwerks über junge Mädchen, Stéphane Heuet zeichnet Möwen. Wie passt das zusammen, was bleibt von der Literatur, wenn jemand sprachmächtige Texte in bunte Bilder überführt? mehr
Wie Verlegerin Dr. Rosemarie von dem Knesebeck vor einigen Wochen schon angedeutet hatte, wird es vom Comicblog “Zahra’s Paradise” auch eine deutsche Buchveröffentlichung geben. Ab sofort ist die online vorveröffentlichte Version des Comics bis zu ihrem heutigen Stand in deutscher Sprache abrufbar.
Nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 kam es in Iran zu heftigen Protesten, bei denen bereits in den ersten Tagen zahlreiche Demonstranten getötet und tausende verhaftet und gefoltert wurden – während dieser Unruhen verschwindet auch Mehdi, ein junger Iraner, Vertreter einer Generation voller Vertrauen in die Zukunft, voller Träumen und Mut. Seine Mutter und sein Bruder machen sich auf die Suche nach ihm. Dabei erleben sie die Ungerechtigkeit des Gottesstaates ebenso wie die Solidarität ihrer Landsleute und den versteckten tagtäglichen Protest der Einzelnen gegen das System.
Herausgefordert von der aktuellen politischen Situation im Iran, textet der Autor Amir zusammen mit dem Zeichner Khalil die Graphic Novel Zahra’s Paradise über das „alltägliche“ Leben in Iran als work-in-progess. Aus Sicherheitsgründen müssen sie unter Pseudonym arbeiten. In ihre Arbeit fließen ihre eigenen Erfahrungen, die ihrer Familie sowie zahlreicher iranischer Freunde mit ein.
Eine Buchversion der noch bis März 2011 laufenden Onlineveröffentlichung ist für Herbst 2011 geplant.
In den Beilagen der großen Tageszeitungen anlässlich der Frankfurter Buchmesse finden Graphic Novels immer mehr Raum. In der “Süddeutschen Zeitung” werden so heute “Die Verwandlung” (nach Franz Kafka, Erik Corbeyran) und “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Combray” (nach Marcel Proust, Stéphane Heuet, beide erschienen bei Knesebeck) vorgestellt (im Internet noch nicht verfügbar).
In der “Berliner Zeitung” und der “Frankfurter Rundschau” befasst man sich mit gleich drei Neuerscheinungen. Christian Schlüter wirft zunächst einen Blick in “Die Plastikmadonna” (Carlsen) von David Prudhomme (“Rembetiko”) und Pascal Rabaté (“Bäche und Flüsse”, beide Reprodukt).
Ein Bilderstreit
„Die Plastikmadonna“ zeigt, wie wir Objekte mit religiöser Symbolik aufladen – um dann erbittert um unsere Ikonen zu kämpfen
Szenen einer Ehe: Émelie kehrt vollkommen beseelt von einer Reise zurück, es war eine Wallfahrt nach Lourdes, und muss sich bei ihrer Ankunft doch gleich ärgern, weil ihr Mann sie nicht vom Bus abgeholt hat. Die streng gläubige Katholikin weiß auf ihre Weise Zeichen zu setzen. Sie hat eine Marienfigur mitgebracht und platziert sie kurzentschlossen auf dem Fernseher. Das wiederum bringt ihren Mann in Wallungen, denn Éduard ist streng gläubiger Kommunist. Der Streit weitet sich aus, sogar von Scheidung ist die Rede. Doch Émelie zeigt sich unbeeindruckt, und so greift der Mann zum letzten Mittel – er hängt ein Porträt von Lenin über dem Fernseher auf. mehr
Ebenfalls Christian Schlüter stellt bei Peer Meters und Isabel Kreitz´ “Haarmann” (Carlsen) die “unerbittliche Genauigkeit” in der Umsetzung heraus:
Bleistift-Projekt
Wie fein, wie genau lässt sich mit dem Bleistift noch arbeiten? In einem Comic zumal? Die Hamburger Zeichnerin Isabel Kreitz schafft Bilder zu der Geschichte des Serienmörders Fritz Haarmann, die uns unerbittlich kein Detail ersparen.
Wie fein, wie genau lässt sich mit dem Bleistift noch arbeiten? In einem Comic zumal? Die Hamburger Zeichnerin Isabel Kreitz befindet sich seit geraumer Zeit auf dem Weg der Verfeinerung. Nicht, dass ihr das Flächige und Farbenfrohe nicht auch liegen würde. Das zeigen allein schon ihre jüngsten Arbeiten im Zeichen des von ihr hoch geschätzten Illustrators Walter Trier: die Erich-Kästner-Adaptionen „Der 35. Mai“ (2006) sowie „Pünktchen und Anton“ (2009). Doch nicht erst seit „Die Sache mit Sorge“ (2008) verfolgt Kreitz eine Art Bleistift-Projekt, das vor allem durch seine detailversessene Akkuratesse besticht. mehr
Und Jens Baltzer stellt die Parallelen zwischen der Comicgeschichte und der modernen mathematischen Logik heraus, die sich in “Logicomix” (Atrium) von Apostolos Doxiadis, Alecos Papadatos und Annie di Donna verbinden.
Logiker am Rande des Wahns
Wissenschaftsgeschichte in Bildern: Die „Logicomix“ zeichnen die Suche des Philosophen Bertrand Russell nach der reinen Vernunft nach
Der Comic ist genauso alt wie die moderne mathematische Logik; beide sind um das Jahr 1900 entstanden. Während damals Philosophen wie Bertrand Russell und Alfred North Whitehead in Großbritannien um eine Neubegründung der Mathematik aus dem Geist der exakten Philosophie rangen, entstand in den Boulevardzeitungen der USA der Comic als moderne Form des Erzählens mit Bildern. Beide Entwicklungen scheinen nur wenig miteinander zu tun zu haben. Und doch kreisen sie um ein und dasselbe Phänomen: die Unentscheidbarkeit. mehr
Auf einer Comic-Sonderseite berichtete der Berliner “Tagesspiegel” bereits in der letzten Woche über Comics. Katja Schmitz-Dräger schreibt dort ebenfalls über “Logicomix”:
Das Drama mit der Logik
„Logicomix“ erzählt von der Suche nach der reinen und absoluten Wahrheit – virtuos, vielschichtig und unterhaltsam.
Ein paar Griechen machen sich auf, eine Geschichte über Logik in Form eines Comicromans zu erzählen – ein gewagtes Unterfangen. Dass die Autoren ausgerechnet einen Briten zum Protagonisten erkoren haben, anstatt unter den zahlreichen ehrwürdigen Denkern vor der eigenen Tür zu suchen, ist die zweite ihrer erstaunlichen Entscheidungen. Noch erstaunlicher: Beide gehen auf. mehr
In einem Online-Interview mit Lars von Törne kam zudem Mitautor Apostolos Doxiadis zu Wort: “Ich hasste Mathematik”. Weitere Artikel befassten sich ebenfalls mit dem ersten Teil von Stéphane Heuets “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” sowie Jeff Lemires “Geschichten vom Land” (Edition 52). Die Beiträge werden in den nächsten Tagen online im Comic-Bereich des Tagesspiegels veröffentlicht.
Vom 6. bis zum 10. Oktober präsentieren viele Verlage auf der Frankfurter Buchmesse ihre neuen Graphic Novels.
Edition Moderne und Reprodukt sind 2010 in die Halle 4.1 umgezogen (zu den Gründen äußerte sich Reprodukt-Verleger Dirk Rehm in der Reihe “Fünf Fragen”), avant-verlag und Splitter verzichten in diesem Jahr komplett auf einen Stand auf der Messe. Großverlage wie Carlsen Comics und Egmont Ehapa haben ihre Stände traditionell eher am Rande des Comicbereichs, wo sie neben neuen Comic- und Manga-Veröffentlichungen vor allem ihre Jugendbuch- und Belletristik-Programme präsentieren.
Die meisten deutschen Comicverlage – etwa Cross Cult, Panini, Schreiber & Leser – sind natürlich weiterhin im Comic-Zentrum in der Halle 3.0 angesiedelt. Verlage wie Knesebeck, Rowohlt oder Luftschacht, die sich auch im Segment Graphic Novels mit interessanten Neuveröffentlichungen hervortun, präsentieren die Neuheiten an ihrem jeweiligen Verlagsstand.
Im Folgenden stellen wir die Graphic-Novel-Veröffentlichungen der einzelnen Verlage vor, morgen folgt ein Rundblick auf die Veranstaltungen, die sich während der Buchmesse den Graphic Novels und ihren Autorinnen und Autoren widmen.
CARLSEN COMICS | Halle 3.0 G356
Peer Meter & Isabel Kreitz – Haarmann
Fritz Haarmann, einer der brutalsten Serienmörder Europas, arbeitete als Spitzel für die hannoversche Polizei. Nacht für Nacht durchstreifte er die Wartesäle des Bahnhofs auf der Suche nach jungen, allein reisenden Männern. Mit Hilfe seines Polizeiausweises konnte er das Vertrauen seiner Opfer erlangen. Er führte sie in seine Wohnung, vergewaltigte sie und biß ihnen im Sexualrausch die Kehle durch. Obgleich es über Jahre immer wieder Anzeigen gegen Fritz Haarmann gegeben hat, konnte er ungehindert sein mörderisches Treiben fortsetzen, gedeckt von der Polizei und umkreist von skrupellosen Schmarotzern, die aus Haarmanns Treiben ihren Vorteil gezogen haben. Eine unheimliche Geschichte in düster-beklemmenden Bildern.
Haarmann, ISBN 978-3-551-79107-8, 192 Seiten, schwarzweiß, Hardcover, 19,90 EUR
Reinhard Kleist – Castro
Gewohnt kunstvoll erzählt und mit kraftvollem, vitalem Strich gezeichnet, nähert sich Reinhard Kleist in seiner Biografie “Castro” dem umstrittenen Revolutionär und Politiker und hält dessen bewegtes Leben und seine politischen Ideen und Ideale ebenso facettenreich fest wie deren Folgen für die kubanische Gesellschaft.
Um die Stimmung vor Ort besser einfangen zu können, unternahm Reinhard Kleist im Frühjahr 2008 eine Recherchereise nach Kuba, aus der bereits das viel beachtete Reisetagebuch “Havanna” hervorgegangen ist.
Castro, ISBN 978-3-551-78965-5, 288 Seiten, schwarzweiß, Hardcover, 19,90 EUR
EDITION MODERNE | Halle 4.1 C116
Joe Sacco – Bosnien
Ein Schweinekopf in einer Moschee, Gerüchte über eine Kindsentführung, Provokationen an einer Hochzeit. Normalerweise reicht das nicht, um eine über Generationen entstandene multiethnische Gemeinschaft zu erschüttern. Und doch ist es vor nicht allzu langer Zeit geschehen, praktisch vor unserer Haustüre, in Bosnien. Aus guten Nachbarn wurden ein Serbe, ein Muslim, ein Kroate. In diesem Buch dokumentiert Joe Sacco auf eindringliche Art und Weise das Aufkommen von Nationalismus, Rassismus und Homophobie am Beispiel der bosnischen Stadt Goražde, die er ab 1995 mehrmals besucht hat.
Bosnien, ISBN 978-3-03731-069-4, 234 Seiten, schwarzweiß, Klappenbroschur, 24 EUR
Jean-Jacques Verney & Jacques Tardi – Elender Krieg 1917-1918-1919
Passend zur Frankfurter Buchmesse wird der zweite und abschliessende Band von Jean-Jacques Verneys und Jacques Tardis “Elender Krieg” erscheinen, der die Jahre “1917-1918-1919″ behandeln wird. Auch im zweiten Teil des Anti-Kriegsbuchs vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges gibt es kein Heldentum, sondern nur Entsetzen über das sinnlose Gemetzel. Ein erschreckender, aber auch informativer Comic über das Elend des Krieges. Dieses Buch sollte im Geschichtsunterricht zum 20. Jahrhundert nicht fehlen.
Elender Krieg 1917-1918-1919, ISBN 978-3-03731-066-3, 72 Seiten, schwarzweiß, Hardcover, 19,80 EUR
REPRODUKT | Halle 4.1 C120
Arne Bellstorf – Baby’s in Black – The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Suttcliffe
Hamburg, 1960. Astrid Kirchherr hat ihr Kunststudium abgeschlossen und arbeitet als Assistentin für ihren ehemaligen Lehrer, den Fotografen Reinhart Wolf. Ihre Beziehung zu Klaus Voormann, einem jungen Grafiker, plätschert so dahin. Nach einem Streit steht er mitten in der Nacht wieder vor ihrer Tür, um völlig aufgelöst zu erzählen, was er auf St. Pauli entdeckt hat: Fünf junge Engländer, die unter dem Namen “The Beatles” in einem Klub auf der Reeperbahn Rock ‘n’ Roll spielten… Als Astrid schließlich einwilligt, ihn am folgenden Abend in den Kaiserkeller zu begleiten, ahnt sie noch nicht, dass diese Begegnung ihr Leben für immer verändern wird.
Baby’s in Black – The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe, ISBN 978-3-941099-12-8, 216 Seiten, schwarzweiß, Klappenbroschur, 20 EUR
Brecht Evens – Am falschen Ort
Die Party ist in vollem Gange, aber verdammt, wo bleibt Robbie? Kommt er, kommt er nicht? Alle wollen ihn, alle wissen unglaubliche Dinge über ihn zu erzählen… Ist er so ruhelos, so unfähig sich zu binden, weil seine erste große Liebe von einem Jäger erlegt wurde, der sie irrtümlich für einen Fasan gehalten hat? Oder ist das die tragische Geschichte einer ganz anderen Person?
In “Am falschen Ort” beschäftigt sich Brecht Evens mit zwischenmenschlichen Verhaltensmustern und der Zerbrechlichkeit der Identität. Seine Nachtschwärmer sind charismatisch, chaotisch, hemmungslos. Sie werden zur Farbpalette des Künstlers, verblassen, verschwimmen und verschmelzen schließlich zu einer Geschichte.
Am falschen Ort, ISBN 978-3-941099-57-9, 176 Seiten, farbig, Flexcover, 24 EUR
Riad Sattouf – Meine Beschneidung
Die männliche Beschneidung ist in der islamischen Welt obligatorisch. Nach dem Initiationsritual, das meist zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr stattfindet, gehört der Junge zur Gesellschaft der Männer und beginnt seine religiösen Pflichten wahrzunehmen. Umso erstaunlicher, dass Riad mit seinen acht Jahren noch nie davon gehört hat. Einigermaßen verunsichert versucht er, dem großen Schreckgespenst nachzuspüren.
Riad Sattouf arbeitet als Comiczeichner, Musiker und Synchronsprecher in Paris. Für sein Album “Pascal Brutal” wurde er 2010 in Angoulême mit dem “Prix du meilleur album” prämiert.
Meine Beschneidung, ISBN 978-3-941099-60-9, 100 Seiten, farbig, Klappenbroschur, 14 EUR
Bastien Vivès – In meinen Augen
Durch die Augen eines Verliebten lernen wir seinen Schwarm, eine rothaarige junge Frau, kennen. Sie lacht, sie tanzt, sie fasziniert uns vom ersten Moment an ebenso sehr wie ihren unbekannten Verehrer, den wir an keiner Stelle zu Gesicht bekommen. Bastien Vivès kann auf die Verbalsisierung von Gefühlen und Gedanken getrost verzichten – durch präzis eingefangene Bewegungen, Blicke und Gesten allein erzählt er von einer flüchtigen Liebe, der von Beginn an eine Schwere innewohnt.
In meinen Augen, ISBN 978-3-941099-58-6, 136 Seiten, farbig, Klappenbroschur, 18 EUR
ATRIUM | Halle 4.1 E118
Apostolos Doxiadis & Christos H. Papadimitriou – Logicomix
Wie sich im Titel bereits andeutet, beschäftigt sich “Logicomix” mit Fragen der Logik und der Mathematik sowie der Suche des Menschen nach Wahrheit. Der Protagonist der 352 Seiten starken Graphic Novel ist der britische Mathematiker, Logiker und Philosoph Bertrand Russell, der im frühen 20. Jahrhundert die Vision verfolgte, ein logisches Fundament für die gesamte Mathematik zu errichten. Über die Beschäftigung mit den Grundlagen des menschlichen Denkens hinaus, widmet sich “Logicomix” daher zudem der bewegten Biografie des gesellschaftlich engagierten Nobelpreisträgers Russell.
Logicomix, ISBN 978-3-85535-069-8, 352 Seiten, farbig, Klappenbroschur, 24,90 EUR
GÜTERSLOHER VERLAGSHAUS | Halle 3.1 E150
Moritz Stetter – Bonhoeffer
Dietrich Bonhoeffer als Comic – geht das? Wie gut das geht, zeigt Moritz Stetters Buch. Er hat sich die Freiheit genommen, das Leben Bonhoeffers in einer Graphic Novel zu erzählen. In faszinierenden Bildsequenzen folgt er den Lebensspuren des großen Theologen und Widerstandskämpfers, beleuchtet entscheidende Stationen und Wendepunkte. Auf diese Weise schafft er es, inmitten der zahlreichen Publikationen über Bonhoeffer einen gelungenen Kontrapunkt zu setzen und damit auch neue Leserkreise anzusprechen.
Bonhoeffer, ISBN 978-3-579-07050-6, ca. 96 Seiten, Softcover, ca. 14,95 EUR
Diese Graphic Novel begleitet sechs Personen eine Woche lang in ihrem Alltag mit all den kleinen und großen Ereignissen und Problemen – zu denen auch der Missbrauch von Medikamenten gehört. In kurzen Rückblenden wird ihre Vorgeschichte erzählt, ihr soziales, wirtschaftliches und berufliches Umfeld skizziert. Um welche Medikamente handelt es sich? Welche Beschwerden lösen sie aus? Wie ist es zum Missbrauch gekommen? In welchem Stadium der Abhängigkeit bzw. Schädigung befindet sich die jeweilige Person?
Risiken und Nebenwirkungen, ISBN 978-3-579-06762-9, ca. 64 Seiten, Softcover, ca. 14,95 EUR
KNESEBECK | Halle 4.1 F100
Stephane Héuet –Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Combray
Der Geschmack einer Madeleine erweckt diese Regung und ruft die Erinnerungen Marcels an seine Kindheit in Combray zurück. Immer wieder versucht er, die vergangene, verlorene Zeit gegenwärtig zu machen. Es sind atmosphärische Details, von denen aus sich ein literarisches Universum entwickelt, das um ein zentrales Thema kreist: Liebe.
Seit über vierzehn Jahren arbeitet Stéphane Heuet an der Umsetzung von Marcel Prousts Literaturklassiker “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” als Graphic Novel. Mit “Combray” erscheint nun endlich der erste Teil dieses Mammutprojektes in deutscher Sprache.
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Combray, ISBN 978-3-86873-261-0, Hardcover, farbig, 72 Seiten, 19,95 EUR
Eric Corbeyran und Richard Horne – Die Verwandlung
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt…. Und als er feststellt, dass es sich nicht um einen Alptraum handelt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Trotz seines friedfertigen und unschuldigen Lebens als Ungeziefer wird er von seiner Familie verstoßen und schließlich in den Tod getrieben.
Die Verwandlung ist eine düstere Metapher auf das Wesen der Menschheit. Eric Corbeyran und Richard Horne haben diesen ebenso berühmten wie zeitlosen Klassiker der deutschen Literatur als Graphic Novel adaptiert.
Die Verwandlung, ISBN 978-3-86873-266-5, Hardcover, schwarzweiß, 48 Seiten, 19,95 EUR
LUFTSCHACHT | Halle 4.1 C118
Nicolas Mahler (et al.) – Dick Boss
Mit dem ihnen eigenen literarischen Zugang haben sich die Autorinnen und Autoren der Herausforderung des Comic-Genres gestellt: Entstanden sind so 12 überaus originelle Stories, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: vom Liebesdrama bis zum Schriftsteller mit Schreibblockade, vom Postbeamten, der von einer Chefinspektor-Karriere träumt bis zu einem kurzen Abriss über das Sterben und wie das denn so sei.
Mit Texten von Tilman Ramstedt, Verena Roßbacher, Diemar Dath, Franz Adrian Wenzl, Clemens J. Setz, Simon Froehling, Martin Amanshauser/ Linda Stift, Michael Stavari, Hanno Millesi, Andrea Grill, Jürgen Lagger.
Dick Boss, ISBN 978-3-902373-62-5, 225 Seiten, schwarzweiß, Klappenbroschur, 9,60 EUR
ROWOHLT | Halle 3.1 E131
Ralf König – Antityp
Der Mensch, zumindest in der Bibel, ist voll Verderbnis und von Übel, drum kommt bald einer, um vom Bösen uns arme Sünder zu erlösen, damit der Himmel schließlich siegt! Wie? Hab ich was nicht mitgekriegt? Der Erlöser war schon da? Aha? Soso … Wie sonderbar … Die Welt, erlöst? Der Mensch ist frei? Braucht’s da der Trilogie Teil 3? Doch! Der Heilige heißt diesmal Paul, fällt gleich zu Anfang schon vom Gaul, apostelt durch die Welt, und schon gibt es ’ne neue Religion! Dann fälscht und ändert man noch was, ach Gott, jaja, so schnell geht das … Zum Schluss hat uns die Christenheit von Logik und Vernunft befreit. Doch zu unser aller Glück kehrt der Erlöser bald zurück und die ihr glaubet, seht euch vor: Womöglich hat der Mann Humor!
Antityp, ISBN 978-3-49803-551-8, 144 Seiten, Hardcover, 16,95 EUR
SCHREIBER & LESER | Halle 3.0 J845
Osamu Tezuka – Barbara 2
Der märchenhafte Aufstieg des Yosuke Mikura endet mit einer Schreibblockade, als Barbara ihn verlässt. In seiner Verzweiflung geht Mikura an seine Grenzen und darüber hinaus, er zwingt Barbara zurück an seine Seite, und das Paar beginnt, sich gegenseitig zu zerfleischen – fast bis hin zum Kannibalismus, dem ultimativen Liebesakt.
In einem letzten Aufbäumen, sterbend, bringt Mikura sein Meisterwerk zu Papier. Es trägt den Titel: Barbara.
Barbara 2, ISBN 978-3-941239-50-0, 240 S., schwarzweiß, broschiert, 14,95 EUR
Sara Colaone & Luca de Santis –Insel der Männer
In Italien wurden von 1938 bis 1943 circa 300 Homosexuelle auf einer Insel im Süden interniert. Es gab kein Gesetz, das dies rechtfertigte, nur mehr oder weniger willkürliche Erlasse auf Bezirksebene. Dies ist die Geschichte des 75jährigen Antonio, genannt Ninella, der als junger Mann in jenes Lager kam.
Sara Colaone & Luca de Santis erzählen von Kummer, Not und Heimweh, aber auch von ausgelassenen Festen, von Kameradschaft und Liebe.
Insel der Männer, ISBN 978-3-941239-47-0, gebunden, 176 Seiten, zweifarbig, 18,80 EUR
Jiro Taniguchi – Sky Hawk
Im Jahr 1869 fuhren vierzig Japaner vom Clan Aizu mit dem Dampfer “China” von Yokohama nach San Francisco – die ersten japanischen Auswanderer in die USA. Vor diesem historischen Hintergrund beginnt die Geschichte der zwei Samurai Hikosaburo und Manzo, die es als glücklose Goldsucher in die Rocky Mountains verschlägt. Mit diesem Band erfüllte sich Taniguchi einen lang gehegten Wunsch: einen Manga-Western zu schaffen, in dem der Weg des Bushido sich mit dem Stolz des Indianerkriegers vereint.
Sky Hawk, ISBN 978-3-941239-36-4, 288 Seiten, Softcover, schwarzweiß, 16,95 EUR
Sagar Forniés & Sergi Álvarez –Umsonst ist der Tod
Marie Furillo, die Frau des Staatsanwalts, ist brutal ermordet worden, und Detective Frank Witkins Ermittlungen liefern kaum brauchbare Ergebnisse. Von allen Seiten erhöht sich der Druck, während der Fall immer undurchsichtiger wird, denn hier spielt jeder sein eigenes Spiel: Rathaus, Polizei, Presse, Mafia… Und alle wollen sie dasselbe – die Macht in der Stadt.
Umsonst ist der Tod, ISBN 978-3-941239-42-5, gebunden, 144 Seiten, schwarzweiß, 18,80 EUR
UBOOKS | Halle 4.1 D149
Cathy Brett – Ember Fury
Prominente Eltern zu haben ist gar nicht so toll, wie es sich anhört. Ja klar, man hat Geld wie Heu, Ruhm und ein paar echt heiße Jungs… Aber wenn dein Dad sich mehr dafür interessiert, die Spitze der Charts zu erklimmen, als dafür, warum du von der Schule geflogen bist – schon wieder –, dann kann einen das schon ernsthaft wütend machen. Und wenn Ember eines weiß, dann dass auch schon der kleinste Funke Wut einen ganzen Haufen Schwierigkeiten entfachen kann…
Ember Fury, ISBN 978-3-86608-147-5, 272 Seiten, Softcover, 9,95 EUR
WALDE + GRAF | Halle 4.1 D103
Harvey Pekar & Paul Buhle (Hgs.) – The Beats
Nie zuvor in der amerikanischen Literatur und Kultur hatte es etwas Vergleichbares gegeben: Gegen die Ängste der Spiesser, gegen den zwanghaften Konformismus, setzten die Beats ungezügelten Sex, Drogenkonsum zur Entspannung, bedingungslose Entwurzelung und vor allem experimentelles Schreiben jeglicher Art. Allen Ginsbergs “Howl and Other Poems” setzte Massstäbe. «On the Road» gilt als Manifest der Beatniks und als einer der wichtigsten Texte der amerikanischen Subkultur. Die in Amerika von der Presse hoch gelobte Graphic Novel “The Beats” erzählt faktenreich aber nie wissenschaftlich ihre Geschichte. Sie bietet beste Unterhaltung und interpretiert bildgewaltig Literaturgeschichte.
The Beats – Eine Geschichte der Beat-Literatur, ISBN 978-3-03774-014-9, 208 Seiten, schwarzweiß, Hardcover, 22.95 EUR
Anlässlich der Veröffentlichung der beiden Literaturadaptionen “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Combray” von Marcel Proust durch Stéphane Heuet und Franz Kafkas “Die Verwandlung” von Eric Corbeyran (beide Knesebeck) sprach Jürgen Schickinger für die “Badische Zeitung” mit dem Comicübersetzer Kai Wilksen. Bereits vor rund einem Jahr hat dieser auf dem Blog des Berliner Comicverlags Reprodukt, für den er seit Jahren Comics ins Deutsche überträgt, über seine Arbeit berichtet.
“Extrem einfach, aber extrem detailreich”
Längst bilden Literatur und Comics keine Gegensätze mehr. Gerade sind Marcel Prousts Roman “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” und Franz Kafkas Erzählung “Die Verwandlung” als Graphic Novels erschienen. Die französischen Adaptionen beider Klassiker hat der Freiburger Kai Wilksen ins Deutsche übertragen. Mit ihm sprach Jürgen Schickinger darüber, ob solche Bearbeitungen ihren Vorlagen gerecht werden. Wie lassen sich die verdichteten Texte der Comics angemessen übersetzen?
BZ: Worin liegt der Gewinn, Klassiker der Literatur in Comics umzusetzen?
Wilksen: Die Romanvorlage gewinnt nichts. Comics sind wie Filme Formen der Visualisierung, die sehr verschieden ausfallen kann. In Frankreich gibt es spezielle Schulcomics, die Literatur teils mit grauenhaften Zeichnungen vereinfacht nacherzählen, um sie Schülern nahe zu bringen. Andererseits gibt es experimentelle Adaptionen, die sich in avancierter Grafik weit vom Original entfernen. Der Gewinn für die Leser hängt von der Form der Visualisierung, ihrer Interpretation des Originals ab. mehr
In der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” schreibt Berit Uhlmann auf der Wissensseite über Comics als Hilfsmittel der Patientenaufklärung. Ein auch in deutscher Sprache veröffentlichtes Beispiel: “Mutter hat Krebs” von Brian Fies (Knesebeck). Unerwähnt bleiben leider die vielen deutschsprachigen Comicbücher, die sich verschiedenen Krankheitsthemen nähern: “Julie ist wieder da!” sowie “Eugen und der freche Wicht” von Anna Sommer oder “Fatmas fantastische Reise” von Christophe Badoux (alle Edition Moderne).
Das andere Bild vom Tumor
Wer will schon Comics lesen, die sich mit schweren Erkrankungen auseinandersetzen? Tatsächlich können Bildergeschichten bei der Patientenaufklärung helfen und die Ausbildung der Ärzte verbessern.
Es kommt nicht oft vor, dass ein Hochglanzmagazin wie Glamour und das British Medical Journal in Wohlwollen vereint sind. So ungewöhnlich wie die Allianz der Medien ist die Kombination von Inhalt und Form in dem Werk, das die Zustimmung hervorbrachte: ein Comic über Krebs.
2007 veröffentlichte die New Yorker Zeichnerin Marisa Marchetto eine Bildgeschichte über die Turbulenzen in ihrem Leben, als sie mit 43 Jahren nahezu gleichzeitig einen Heiratsantrag und die Diagnose Brustkrebs erhielt. “Cancer Vixen” (auf Deutsch in etwa: Krebs-Hexe) gefiel Publikumsmedien als ein Werk, das durchaus “Humor im Tumor” finden kann. Gesundheitsexperten schätzen es als gelungenes Beispiel eines medizinischen Comics, der sich auch zur Patientenaufklärung eigne. mehr