Graphic Novels
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Archiv des Tags ‘Matthias Heine’

Weltliteratur fĂĽrs Auge

Sonntag, den 20. Mai 2012

“Die Welt” hat sich am 19. Mai gleich in mehreren Beiträgen mit der gegenwärtigen Vielzahl an Literaturadaptionen im Comic beschäftigt.

Im umfangreichsten Text der Strecke unterzieht der Schriftsteller Thomas von Steinaecker die Literaturadaption im Allgemeinen und speziell die Umsetzung von Literatur im Comic einer näheren Betrachtung. Dabei lässt ihn das Gros der zuletzt veröffentlichten Comicadaptionen unbefriedigt zurĂĽck, Titel wie “In der Strafkolonie” nach Franz Kafka (Sylvain Ricard, Mael, dt. bei Knesebeck) und die Proust-Adaption “Combray” (StĂ©phane Heuet, dt. bei Knesebeck) wertet er in ihrer vermeintlich werkgetreuen Umsetzung in weiten Teilen als derart “fantasielos”, dass die Wörter der Vorlage “jeglichen Zauber” verlören.

Auch der freieren Interpretation einer Vorlage wie Posy Simmonds’ nach Gustave Flaubert entstandenes “Gemma Bovery” (dt. bei Reprodukt) mag Thomas von Steinaecker kein gänzlich gutes Zeugnis ausstellen: Trotz eines “amĂĽsanten intertextuellen Spiels” bliebe Posy Simmonds im Vergleich mit Flaubert “in jeder Hinsicht harmlos und oberflächlich”.

Einzig das KĂĽnstlerduo Alexandra Kardinar und Volker Schlecht weiĂź den Autor mit seiner Adaption von E.T.A. Hoffmanns “Das Fräulein von Scuderi” (Edition BĂĽchergilde) zu ĂĽberzeugen. Hier sei die Adaption “Bebilderung, Kommentar und WeiterfĂĽhrung in einem” – und durch die “Qualität der Panels und die formale Innovation” könne diese Version von “Das Fräulein von Scuderi” “gleichberechtigt neben der Vorlage bestehen und immer wieder neue Perspektiven auf Hoffmanns Text und seine Zeit” eröffnen”. Im GroĂźen und Ganzen gelangt Thomas von Steinaecker zu dem Schluss, dass die Comicadaption zu oft die “Verkaufs- und Leseerwartungen an eine leichte LektĂĽre erfĂĽlle” und so Gefahr liefe, zu dem zu werden, wovor es schon Ray Bradbury in “Fahrenheit 451″ gegraut habe: “ein Abhaken der Höhepunkte eines Buches als Effektfeuerwerk”. Interessante Adaptionen wie “Das Fräulein von Scuderi” kommen, so das Fazit des Artikels “Das Beste in Bildern”, nur zustande, wenn sich der Comic auch in diesem Fall seiner “formalen und inhaltlichen Freiheit” bewusst werde.

Der kĂĽrzere Beitrag “Riesen zu WindmĂĽhlen” verweist auf die ersten fĂĽnf Bände einer neuen Reihe von Literaturcomics, die der Brockhaus-Verlag unlängst in die Buchhandlungen gebracht hat. Den in Frankreich entstandenen Titeln wie “Don Quijote” nach Miguel de Cervantes (David Pellet, Philippe Chanoinat, Djian) bescheinigt der nicht genannte Verfasser des Textes “brav und ordentlich gemacht” zu sein, wohingegen das englischsprachige GroĂźprojekt “The Graphic Canon” (Russ Kick, Hg., Seven Stories Press) wesentlich “ambitionierter und ausgeflippter” sei. Zeichner wie Robert Crumb oder der bereits verstorbene Will Eisner tragen hier zu einem Kanon der gesamten Weltliteratur vom Gilgamesch-Epos bis zu David Foster Wallaces “Unendlicher SpaĂź” bei. Ob dies gelungen ist, wird der erste Band zeigen, der am 22. Mai erscheinen soll.

Auch der traditionsreiche Suhrkamp-Verlag hat 2011 mit Nicolas Mahlers Adaption von Thomas Bernhards “Alte Meister” eine erste Graphic Novel auf den Markt gebracht – und angekĂĽndigt, diesem Erstling weitere Comics folgen zu lassen, die allesamt auf literarischen Vorlagen von Suhrkamp-Autorinnen und -Autoren basieren. Matthias Heine hat nun im Interview mit Winfried Hörning, der die Taschenbuchsparte bei Suhrkamp verantwortet, kĂĽnftige Titel in Erfahrung gebracht. Neben der bereits bekannten Bearbeitung von Marcel Beyers “Flughunde” durch Ulli Lust (“Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens”, avant-verlag), arbeitet Nicolas Mahler an “Alice in Sussex” – “einer bearbeiteten Version beziehungsweise Kompilation aus ‘Alice im Wunderland’ und ‘Frankenstein in Sussex’ von H.C. Artmann.” Olivia Vieweg (“Warum Katzen besser sind als Männer”, Carlsen) hingegen zeichnet “eine moderne Fassung von ‘Huckleberry Finn’ – angesiedelt in Ostdeutschland”. In dem Gespräch “Brecht muss noch warten” gibt Winfried Hörning aber noch weitere konkrete Pläne und Namen preis. So offenbart er, dass Volker Reiche (“Strizz”, C.H. Beck, JNK) eine Graphic Novel ohne Bezug zum Suhrkamp-Universum beitragen wird – und dass der Verlag sich durchaus offen zeigt, auch im europäischen Ausland nach passenden Stoffen Ausschau zu halten.

“Der Pharao von Paris und sein Schreiber”

Dienstag, den 28. Februar 2012

Matthias Heine schreibt heute in “Die Welt” ĂĽber “Quai d’Orsay” von Autor Abel Lanzac und Zeichner Christophe Blain. In französischer Sprache ist “Quai d’Orsay” in zwei Bänden bei Dargaud erschienen, ein Vorabdruck des zweiten Teils erfolgte im vergangenen Sommer in der Tageszeitung “Le Monde”.

Ein weiterer lesenswerter Artikel von Thomas Greven unter dem Titel “Im Herzen der Macht” ist vor kurzem auf tagesspiegel.de erschienen. Auch Andreas Platthaus hat “Quai d’Orsay” fĂĽr die “FAZ” bereits einer näheren Betrachtung unterzogen: “Der Minister ist nackt”

“Quai d’Orsay” wird in deutscher Ăśbersetzung im Oktober 2012 bei Reprodukt veröffentlicht werden.

Der Pharao von Paris und sein Schreiber

Politische Nostalgie: In Frankreich wird ein Comic ĂĽber die Irakkrise 2003 und den AuĂźenminister Villepin zum Bestseller

Glänzende Schuhe sind die Geheimwaffen der UN-Diplomatie. Sie sollen den Verhandlungspartner blenden. Als Arthur Vlaminck in die Limousine des fĂĽr die Vereinten Nationen zuständigen Staatssekretärs im französischen AuĂźenministerium steigt, fallen ihm sofort dessen spiegelblanke Halbschuhe auf. Seine eigenen sind nach der siebenstĂĽndigen Flugreise zur UN-Vollversammlung in New York matt und dampfen. Der Staatssekretär gibt dem jungen Redenschreiber des Ministers einen Rat: “Wenn du eine Unterhandlung nicht von vornherein verloren gegeben hast, ist es hilfreich, glänzende Schuhe zu haben. Das ist eine Frage der Ehre.” Und dann fragt er: “Möchtest du Schuhcreme?” Später betritt Vlaminck, die Hauptfigur des Comicromans “Quai d’Orsay”, den Konferenzraum im United Nations Plaza – und sofort fallen ihm die blanken Schuhe aller 20 Anwesenden auf. mehr