Graphic Novels
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Archiv des Tags ‘Süddeutsche Zeitung’

“Welt von gestern”

Freitag, den 26. Juni 2009

titel319Bereits am Dienstag erschien in der “Süddeutschen Zeitung” eine Besprechung Fritz Göttlers von Jean-Michel Beuriots und Philippe Richelles “Unter dem Hakenkreuz 1: Der letzte Frühling” (Schreiber & Leser). Diese ist nun auch online nachlesbar.

Welt von gestern

Man liest Amok in diesen Tagen. „Amok” von Stefan Zweig, Novellen der Leidenschaft. Ich kenne fast alles von Zweig, sagt der junge Mann, als er das Bändchen „Amok” in der Hand der jungen Frau sieht, und er will ihr ein paar andere Zweig-Bücher leihen. Er hat sie im Park angesprochen, das Mädchen aus dem Haus gegenüber. Martin und Katharina, es ist womöglich der Beginn einer Freundschaft, einer Liebe. Es ist das Jahr 1932. In Martins Bücherschrank stehen außerdem „Das Gesicht Christi” und „Meister Timpe” von Max Kretzer, Heines „Reisebilder”, aber auch „In Stahlgewittern”. mehr

“Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies”

Freitag, den 13. Februar 2009

sz_gn_130209_011.jpgDer in der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” veröffentlichte Beitrag von Martin Frenzel mit dem Titel “Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies – Eine junge Generation von Zeichnern entdeckt die Graphic Novel neuwartet gleich mit einigen Merkwürdigkeiten auf. So bleibt die Tatsache, dass der Artikel unter anderem mit dem Cover einer aktuellen “Prinz Eisenherz”-Wiederveröffentlichung illustriert wird, unkommentiert. Das wundert, denn weder handelt es sich dabei um eine Graphic Novel im heute gebräuchlichen Sinn, noch wird im Folgenden irgendein Bezug zur “jungen Generation” hergestellt – Hal Fosters Zeitungscomics erscheinen seit 1937. Desweiteren auf ein in Deutschland nicht veröffentlichtes Buch von Art Spiegelman einzugehen, geht ebenfalls am Thema vorbei. Dessen “Jack and the Box” (Raw Junior) richtet sich zwar tatsächlich an ein junges Lesepublikum, bei einigen anderen im Artikel genannten Titeln ist das aber zumindest strittig (“Rampokan”, avant-verlag; “Der alltägliche Kampf”, Reprodukt). Das ist insofern von Belang, als dass der Artikel auf der Kinder- und Jugendmedienseite erscheint.

Wenn man sich auch sonst allgemein über Berichterstattung und Anerkennung in der überregionalen Presse freut, so hinterlässt diese mangelhafte Darstellung ein großes Fragezeichen, zumal sich Thomas von Steinaecker, Gottfried Knapp oder Christoph Haas in der jüngsten Zeit im Feuilleton der “Süddeutschen Zeitung” erfolgreich um scharf konturierte Artikel zum Thema Graphic Novel bemüht haben. Und nicht zuletzt auch deshalb, weil eine Sammlung von Kurzrezensionen zu Titeln, die zudem noch sehr unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, den besprochenen Büchern kaum gerecht wird.

“Wer naiv ist, hat im Dschungel keine Chance”

Mittwoch, den 11. Februar 2009

cover rampokan celebesThomas von Steinaeckers in der gestrigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” erschienene Besprechung von Peter van Dongens Zweiteiler “Rampokan” (avant-verlag) ist nun auch online lesbar:

Wer naiv ist, hat im Dschungel keine Chance

Erst vor kurzem wurde weltweit „Tim & Struppis” achtzigster Geburtstag als einer der Eckdaten des Comics gefeiert. Der Zeichner und Autor Hergé perfektionierte hier nicht nur einen Stil, der bis heute Schule macht: die Ligne claire, die scharf konturierte Figuren vor höchst realistischen Hintergründen auftreten lässt. In zwei Dutzend Bänden wird darüber hinaus auf phantasievolle Weise eine der großen Zauberformeln der Literatur variiert – die der Abenteuergeschichte. Und die verspricht: Romantik und Action an exotischen Schauplätzen, charmante Helden, schöne Frauen und finstere Schurken. Man kann also bei dem jungen Journalisten und seinem Foxterrier immer das ein oder andere über eine fremde Kultur lernen und wird dabei auch noch wunderbar unterhalten. mehr

“Tyrannei der Muttermilch”

Mittwoch, den 28. Januar 2009

From Hell CoverIn der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” bespricht Christoph Haas Alan Moores und Eddie Campbells “From Hell” (Cross Cult):

Tyrannei der Muttermilch

Wer war Jack the Ripper? Unglaublich lebendig und dokumentarisch genau nähern sich Alan Moore und Eddie Campbell in ihrem Comic “From Hell” einer Antwort in Bildern.

Fünf Mal schlägt er im Herbst 1888 zu. Sein Revier ist das Whitechapel-Viertel im bitterarmen Osten Londons. Stets sind seine Opfer Frauen, und stets werden sie erst erwürgt, dann auf grausamste Weise verstümmelt. Die Polizei ermittelt auf Hochtouren. Falsche Selbstbezichtigungsschreiben gehen stapelweise ein. Die Medien überschlagen sich. Gerüchte gehen um: Hohen, sogar höchsten gesellschaftlichen Kreisen soll der Täter angehören. Gefasst wird er nie. Noch heute aber kennt jeder den klangvoll-schauerlichen Namen, den man ihm damals verlieh: Jack the Ripper. mehr

“Oasen im bedrohten Alltag”

Mittwoch, den 3. September 2008

BlutspurenEine weitere Besprechung: In der “Süddeutschen Zeitung” vom 3. September bespricht Thomas von Steinaecker Rutu Modans “Blutspuren”:

Oasen im bedrohten Alltag

Trifft ein Junge ein Mädchen. In den Künsten hat diese Ausgangssituation zwar eine lange Tradition; in letzter Zeit wurden ihr aber kaum noch neue Aspekte abgewonnen – vor allem im Comic. Das liegt nicht zuletzt am aktuellen Boom der autobiographisch geprägten Werke von Autoren um die dreißig, wo nicht selten ein scheuer Nerd auf sein weibliches Pendant trifft. In den typischen öffentlichen Räumen einer Großstadt kommt man sich näher. Kurzes Glück, schmerzvolle Trennung, offenes Ende. Das alles im lakonischen Ton und in nüchtern klaren Zeichnungen erzählt. mehr

“Wenn Japaner auf Blondinen stehen”

Mittwoch, den 13. August 2008

Halbe WahrheitenIn der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” bespricht Thomas von Steinaecker Adrian Tomines aktuelle Graphic Novel “Halbe Wahrheiten” (Reprodukt):

Wenn Japaner auf Blondinen stehen

Adrian Tomine, als Sohn japanischer Eltern 1974 in den USA geboren, genießt seit seinem Sammelband „Sommerblond” den Ruf, der Nick Hornby des Alternativen Comics zu sein: Wenige andere konnten derart präzise in kurzen Episoden das Lebensgefühl der Generation des Autors auf den Punkt bringen. Auf den ersten Blick scheint Tomine diesem Erfolgsrezept auch in seinem Graphic- Novel-Debüt treu geblieben zu sein. Da ist der dreißigjährige Ben – die Personifikation dessen, was man landläufig einen „Geek” nennt: Betreiber eines erfolglosen Kunstkinos in Berkeley, ansonsten ohne besondere Begabungen, daher orientierungslos und überdurchschnittlich aggressiv sowie bebrillt und besessen von Sex, insbesondere mit weißen Mädchen. Kein Wunder also, dass Bens Launen seine langjährige Beziehung mit Miko gefährden. Der einzige Mensch, mit dem er sich gut versteht, ist die gewitzte Alice, Lesbe und US-Koreanerin, für die er auch schon mal den Freund spielt, wenn ihre Eltern auf Besuch sind. In die Lethargie des Alltags kommt mit einem Mal Bewegung, als Miko ein Angebot aus New York für ein Praktikum als Filmwissenschaftlerin annimmt. mehr

“Die Damen auf dem Hügel”

Dienstag, den 5. August 2008

Drei SchattenIn der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” bespricht Thomas von Steinaecker Cyril Pedrosas Graphic Novel “Drei Schatten”:

Die Damen auf dem Hügel

Der Animationsfilm ist der große, zurückgebliebene Bruder des Comics. Beide erzählen mit gezeichneten Bildern, beide entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts als Teil der Unterhaltungsindustrie. Doch während der Comic nach und nach erwachsen wurde und sich ernsteren Themen zuwandte, blieb der Zeichentrickfilm in erster Linie der Welt des Fantastischen verhaftet und richtet sich seitdem vor allem an Kinder, woran sein wichtigster Pionier wohl nicht ganz unschuldig ist: In der familientauglichen Umsetzung von Märchen fand Walt Disney eine magische Formel, die selbst in Zeiten von Pixar letztlich nicht grundlegend in Frage gestellt wird.

Drei Schatten Beispiel
Diese mediale Verwandtschaft zum Film ist in dem grafischen Roman „Drei Schatten” des jungen Franzosen Cyril Pedrosa überall zu spüren. Schon auf den ersten Blick fällt die Ähnlichkeit der ausdrucksstarken Schwarzweißzeichnungen mit Disney-Produktionen auf: Die Konturen sind gerundet, die Physiognomie der Figuren spiegelt karikaturhaft übersteigert deren Charakter wider. Wiederholt werden cineastische Techniken wie Zoom oder Abblende eingesetzt, so dass stellenweise der Eindruck eines Storyboards entsteht. Das kommt nicht von ungefähr; hat doch Pedrosa für die Studios in Burbank als Zeichner an „Hercules” sowie an „Der Glöckner von Notre-Dame” mitgearbeitet. mehr

Auf den Artikel verweist auch der “Buchreport”.

“Angst und Schrecken am Tegernsee: Zwei Norweger auf den Spuren von Olaf Gulbransson”

Montag, den 23. Juni 2008

Olav G.In der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” bespricht Christian Kortmann “Olaf G.” von Lars Fiske und Steffen Kverneland (avant-verlag):

Angst und Schrecken am Tegernsee: Zwei Norweger auf den Spuren von Olaf Gulbransson

Ein Norweger in einem Bauernhof in den bayerischen Alpen, ein Frauenschwarm und eingefleischter Nudist, der seinen muskelbepackten Körper nur mit einer Schürze und einem Handtuch auf dem Kopf bekleidet durch den Garten bewegt, während er ein „Mmmmh”-Dauergeräusch emittiert: Als Exzentriker ist der Maler Olaf Gulbransson (1873-1958) eine dankbare Vorlage für die Comic-Figur, zu der er in Lars Fiskes und Steffen Kvernelands gezeichneter Biografie „Olaf G.” geworden ist. 1902 ging Gulbransson auf Einladung des Verlegers Albert Langen nach München, um für das Satiremagazin „Simplicissimus” zu zeichnen, und zog wenig später an den Tegernsee.” mehr

“Die Schrecken der Tiefe”

Montag, den 2. Juni 2008

Cover Christophe Blain GetriebeIn der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Samstag bespricht Gottfried Knapp Christophe Blains “Das Getriebe” (Reprodukt).

Die Schrecken der Tiefe

Im Bauch eines gigantischen Schlachtschiffs: Christophe Blains Comic-Roman “Das Getriebe” zieht den Leser in gefährliche Tiefen, in die Zonen der Angst.

Der neue Comic-Roman des Franzosen Christophe Blain hält sich formal an ein klassisch bewährtes Spannungsrezept. Von der Einleitung und vom Ende abgesehen, spielt die erzählte Geschichte an einem genau begrenzten Ort, in einem Hohlkörper, aus dem es kein Entrinnen gibt: Wir begeben uns in den Bauch eines gigantischen, hermetisch geschlossenen Kriegsschiffs.

An diesem einheitlichen Ort könnte sich, wie in vielen klassischen Kriminalromanen, unter dem überschaubaren Personal ein Mord ereignen, bei dessen Aufklärung alle Anwesenden nacheinander in Verdacht geraten.

Blain hat sich für ein anderes, im Bildmedium Comic bewährtes Verfahren entschieden: Nicht die Handlungen der Menschen geben Rätsel auf, nein der Ort selber wird zum Geheimnis, zum unauslotbaren Tiefenraum, in dem sich ständig neue Ein- und Ausstiege, Abgründe und Fallen auftun.

Der vollständige Artikel samt Bildergalerie findet sich hier.

“Jeder gute Agent ist ein verwöhnter Lebemann”

Mittwoch, den 14. Mai 2008

Die Sache mit SorgeIn der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” bespricht Thomas von Steinaecker “Die Sache mit Sorge” (Carlsen) von Isabel Kreitz:

“Er ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Hitler den Krieg verlor: Richard Sorge. Halbrusse, Sohn aus gutbürgerlichem Hause, Jugend im wilhelminischen Deutschland, Freiwilliger im Ersten Weltkrieg. Nach einer schweren Verletzung, die ihm das Eiserne Kreuz einträgt, denkt Sorge um. Er wird zum überzeugten Kommunisten, arbeitet unter anderem am Institut für Sozialforschung in Frankfurt, daneben diverse Affären und Schlägereien. Während eines Aufenthalts in Moskau wird er vom sowjetischen Geheimdienst angeworben, in Shanghai baut er sich als Journalist für deutsche Zeitungen ein Netzwerk aus hochkarätigen Informanten auf, das ihm bei seiner folgenden Mission gute Dienste erweist: Ab 1934 lebt er in der kleinen deutschen Kolonie in Tokio, tritt pro forma der NSDAP bei und wird enger Vertrauter des Botschafters Eugen Ott.
Im Jahr 1941 schließlich Sorges Triumph: Zwar klingt seine brisante Nachricht von Hitlers „Unternehmen Barbarossa” für Moskau noch derart unglaubwürdig, dass sie dort ignoriert wird; der Hinweis jedoch kurz danach, Japan habe nicht vor, in Deutschlands Russlandfeldzug einzugreifen, entscheidet den Krieg zugunsten der Alliierten, denn Stalin verlegt unverzüglich die meisten seiner Truppen in den Westen. Einen Monat später wird der Spion mit dem Decknamen „Ramsay” zusammen mit seinen Informanten enttarnt. Angebote Japans, ihn an die Sowjetunion auszuliefern, schlägt diese aus. Am Jahrestag der russischen Revolution, 1944, wird Richard Sorge in Tokio hingerichtet. Ironie des Schicksals: Erst in den 1960ern erklärt ihn die Sowjetunion zum Nationalhelden, in der DDR werden zahlreiche Schulen und Straßen nach ihm benannt.” mehr

“Das böse Spiel der Zahlen”

Samstag, den 19. April 2008

ott_cover.jpgEine lesenswerte Besprechung Fritz Göttlers von Thomas Otts neuer Graphic Novel “The number 73304-23-4153-6-96-8″ findet sich in der “Süddeutschen Zeitung” vom 18. April:

Das böse Spiel der Zahlen

Nein, es wird nichts dramatisiert in diesem Buch, hier sieht man nur, wie das Leben so spielt, wie es uns allen mitspielt. Was es uns versagt und wie es uns zwingt, unsere Träume immer wieder aufs Neue zurückzuschrauben, aber auch – noch schlimmer –, wie schnell wir dafür büßen müssen, wenn es uns diese Träume doch mal zu erfüllen scheint.
„Good people are always so sure they’re right”, steht dem Buch als Motto voran, der Satz ist Barbara Graham zugeschrieben, die hingerichtet wurde in San Quentin, am 3. Juni 1955. Drei Jahre später wurde ein Film über sie gedreht, ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Todesstrafe, Susan Hayward spielte Barbara Graham. Die Geschichte einer Frau, die nie auf der richtigen Seite des Lebens stand. Ja, die anständigen Leute können sich immer so sicher sein, dass sie recht haben, dass sie wissen, wo’s lang geht.
In einem Todestrakt beginnt auch die Geschichte, die Thomas Ott in einem Oktett exakt abgemessener Kapitel erzählt, in den morgendlichen Stunden vor einer Hinrichtung. Die Erzählung ist da auf reine Abläufe reduziert, auf Momente des Wartens und Lauschens, auf einfache Bewegungen und Handgriffe. Der Todeskandidat, ein Doppelmörder, wälzt sich auf seiner Pritsche herum, raucht eine letzte Zigarette, schlägt die Bibel neben sich auf, findet einen Papierstreifen mit einer merkwürdigen Zahlenkombination: 73304-23-4153-6-96-8.” mehr

“Ist es traurig genug?”

Dienstag, den 8. April 2008

eisenstein.jpgAuch wenn es keine Graphic Novel im eigentlich Sinn ist, soll doch auf ein bemerkenswertes Buch hingewiesen werden, das sich ebenfalls an einer Vermischung von Text- und Bildelementen wagt, ohne ein reiner Comic zu sein: Im Berlin Verlag erschien Bernice Eisensteins autobiographischer Band “Ich bin das Kind von Holocaustüberlebenden“. In der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung wird der Band, der ebenso wie Gipis “5 Songs” für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008 nominiert ist, von Thomas von Steinaecker besprochen.

Ist es traurig genug?

Es ist eine einfache, aber immer wieder nachdenklich stimmende Überlegung: In wenigen Jahren wird auch der letzte Augenzeuge des Holocausts gestorben sein. Die Kinder heute werden dann ganz auf Medien angewiesen sein, um eine Antwort darauf zu erhalten, was die Judenvernichtung für jene bedeutete, die sie am eigenen Leib erfahren mussten. Glücklicherweise dürfte es kaum ein anderes Ereignis in der Geschichte geben, das in den letzten Jahrzehnten genauer dokumentiert und untersucht wurde. Am Grundproblem der Darstellbarkeit des an sich undarstellbaren und in seinen Ausmaßen unvorstellbaren Leids hat die inzwischen nahezu unüberschaubare Masse allein an Büchern jedoch nichts geändert: Die detaillierte Beschreibung der Verbrechen, etwa in Pascal Crocis „Auschwitz”-Comic, birgt die Gefahr der Trivialisierung in sich. Ein Jahrhundertfilm wie Claude Lanzmanns „Shoah” wiederum wirkt zu sperrig, um ein breiteres Publikum und insbesondere Jugendliche zu erreichen. mehr

“Die Temperaturen der Farbe Grau”

Mittwoch, den 26. März 2008

9783938511312.jpgIn der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung” schreibt Gottfried Knapp über Guy Delisles “Pjöngjang”:

Die Temperaturen der Farbe Grau

Eigentlich hat der Comic-Zeichner Guy Delisle, als er zum Arbeiten in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang reiste, die ästhetischen Monotonien, die in einer sozialistischen Diktatur den Alltag prägen, von einer früheren Reise her bestens gekannt. Über die Wochen, die er in der tristen chinesischen Grenzstadt Shenzhen in einem Trickfilmstudio als Kontrolleur hatte verbringen müssen, hat er einen wunderbar anschaulich erzählendes Comic-Erinnerungsbuch geschrieben und gezeichnet: „Shenzhen”.
Dennoch scheint das, was er danach in Pjöngjang erlebt hat, wie eine absurd fremdartige Welt auf ihn gewirkt zu haben. Mit den Maßstäben des kommunistisch gleichgeschalteten, aber chaotisch brodelnden China war das total durchreglementierte Nordkorea jedenfalls nicht mehr zu fassen. In Pjöngjang regiert die Leere, das blanke Nichts in allen Räumen vom öffentlichen Stadtraum bis in die privaten Minibars der Hotelzimmer. Diese Leere rauscht über verlassene Aufmarschplätze hinweg, prallt unvermittelt gegen monströse Gigantendenkmäler oder absurd klobig in den Himmel ragende Hochhausgebilde und schlägt sich am Ende sogar in dem Zeichenstil nieder, mit dem Delisle in seinem Comic „Pjöngjang” dieser Formenwelt zuleibe rückt. mehr

“Die Bücher und die Knaben des Leichenbestatters”

Freitag, den 8. Februar 2008

Fun HomeEine differenzierte Besprechung zu Alison Bechdels “Fun Home” (KiWi) schreibt Thomas von Steinaecker in der heutigen Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung”:

Die Bücher und die Knaben des Leichenbestatters

Mit Alison Bechdels „Fun Home” erscheint nun die deutsche Übersetzung eines Werkes, das in den USA 2006 für ähnliches Aufsehen sorgte wie vormals „Maus” und „Persepolis”: Das Time Magazine wählte die autobiographische graphic novel noch vor Richards Fords „Die Lage des Landes” zum besten Buch des Jahres. Bechdel umkreist darin die Figur ihres Vaters Bruce, der sich mit 44 Jahren wahrscheinlich selbst umbrachte und Zeit seines Lebens einem Phantom glich. Nach außen hin macht der Englischlehrer und Besitzer eines kleinen Bestattungsunternehmens freilich einen unscheinbaren, wenn auch schrulligen Eindruck: Im ländlichen Pennsylvania der sechziger Jahre zieht er mit seiner Familie in ein Gothic-Revival-Haus, das er mit einer Liebe renoviert, die er sonst nur seiner Büchersammlung zukommen lässt, nicht aber seiner Frau, der Tochter und den beiden Söhnen. mehr

“Auf den Spuren des Würgers – Jacques Tardi führt uns in seinem neuen Comic durch Paris”

Freitag, den 11. Januar 2008

tardi_ulg.jpgGottfried Knapps Besprechung von Jacques Tardis neuestem Buch erschien am 29. November 2007 in der “Süddeutschen Zeitung”:

Auf den Spuren des Würgers – Jacques Tardi führt uns in seinem neuen Comic durch Paris

Wie erzeugt man in einer Zeichnung einen Nebel, der alle Konturen verwischt? Der französische Comic-Zeichner Jacques Tardi führt es in seinem neuesten strichtechnischen Meisterstück „Das Geheimnis des Würgers” eindrucksvoll vor: Kurze Schrägstriche, stur wie in einer Strafarbeit in Reihen neben- und übereinander aufs leere Papier gesetzt, legen eine dicke Suppe über alles, was sich in den Bildvierecken bewegt, lassen Häuser und Figuren aus dem Ungefähren auftauchen und wieder verschwinden und breiten einen gnädigen Schleier über alles, was sich an Schrecken ereignet.

Fünfmal folgen wir dem Mitternachtswürger bei Nebel durch die Straßen von Paris, fünfmal sehen wir zu, wie er in schönster Umgebung seine Opfer brutal erwürgt. Makabrer und bizarrer kann eine Führung durch die Stadtlandschaft von Paris wohl kaum sein. Und da Tardi, der schon in seinen Comic-Versionen der Nestor-Burma-Romane von Léo Malet zahlreiche pittoreske Winkel im Paris der fünfziger Jahre höchst suggestiv evoziert hat, bei jedem Mordspaziergang neue Ecken ins Bild holt – in unserem Fall die Robida-Treppen an der Rue Rozier im 19. Bezirk –, wünscht man sich als Leser und Betrachter des Comics, dass das Morden in Paris nie aufhören möge. mehr

“Andalusische Hunde beißen nicht”

Montag, den 7. Januar 2008

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Thomas von Steinaecker am 3. Januar 2008 in der “Süddeutschen Zeitung” über “Bardín der Superrealist” von Max:

Andalusische Hunde beißen nicht

Comic und Surrealismus – das ist eine komplizierte, aber innige Affäre. Kompliziert deshalb, weil schon Jahre vor der eigentlichen Formierung der avantgardistischen Bewegung 1921 in Paris zwei der Gründungsväter des Comics, Winsor McCay und George Herriman, Surrealismus avant la lettre betrieben: Fünf Jahre nach Freuds für Breton und seinen Umkreis so wichtiger „Traumdeutung” werden in McCays Traumcomicserie „Dreams of the Rarebit Fiend”, so etwas wie die düstere Variante seines legendären „Little Nemo”, Erwachsene abwechselnd lebendig begraben oder von Krokodilen verspeist, bloß um stets am Ende erleichtert im eigenen Bett zu erwachen. George Herrimans „Krazy Kat und Ignatz” von 1913 schließlich wirkt heute so, als habe Miró einen Comic gezeichnet: Vor der kargen Landschaft Coconino Countys, wo der Mond von einer Schnur vom Himmel hängt und Topfpflanzen in der Wüste stehen, treiben Katze und Maus unsinnig-abstruse Spielchen, die dem absurden Theater alle Ehre machen. Kein Wunder also, dass Avantgarde-Größen wie E.E. Cummings und James Joyce zu den frühen Bewunderern des Comics zählten, ebenso wie Walter Benjamin, der sich in seinem „Kunstwerk”-Aufsatz für die Aufwertung des „kathartischen Kollektivtraums” von der Mickey Maus einsetzte. mehr

“Durch Marjane Satrapis “Persepolis” ins Rampenlicht gerückt: Der Aufstieg der autobiographischen Comics”

Montag, den 7. Januar 2008

Christoph Haas in der “Süddeutschen Zeitung” vom 23. November 2007:

Durch Marjane Satrapis “Persepolis” ins Rampenlicht gerückt: Der Aufstieg der autobiographischen Comics

In der Welt der Sprechblasenbilder waren sie lange ein Exotikum. Heute haben sie sich zu einer festen Größe entwickelt: die autobiographischen Comics. Eingeklemmt zwischen Superhelden und Mangas, behaupten sie in den einschlägigen Läden ihre eigene Nische. Manchmal findet man sie sogar in Buchhandlungen. Entscheidend für ihren Durchbruch bei uns war vor einigen Jahren “Persepolis”, dessen Zeichentrickverfilmung derzeit in unseren Kinos läuft (siehe SZ vom 21. November 2007). Die 1969 geborene Zeichnerin Marjane Satrapi, die heute in Paris lebt, erzählt von ihrer Kindheit und Jugend im Iran der islamischen Revolution, von einem Leben zwischen Schleierzwang und Liebe zu westlicher Popmusik. Inzwischen versuchen sich auch junge deutsche Comic-Künstlerinnen und -Künstler an autobiographischen Comics – zum Teil mit hervorragenden Ergebnissen, wie etwa in “Wir können ja Freunde bleiben” von Mawil oder “Liebe schaut weg” von Line Hoven.

Geht man auf die Suche nach dem Ursprung des Genres, so stößt man auf einen Jungen, der gewaltige Probleme mit der Jungfrau Maria hat. Der unglückliche Held von “Binky Brown Meets The Holy Virgin Mary” wächst im Amerika der Eisenhower-Zeit auf. Seine rigide katholische Erziehung führt zu diversen Zwangshandlungen. Einerseits lebt er in permanenter Sünden- und Höllenangst, die er mit zahllosen Gebeten vergeblich zu bekämpfen versucht. Andererseits machen seine mehr oder minder gewaltsamen sexuellen Phantasien auch vor der Mutter des Erlösers nicht halt. Am Ende steht ein ikonoklastisch-blasphemischer Befreiungsschlag: Der erwachsen gewordene Binky zerschlägt lustvoll gleich ein Dutzend Madonnenfiguren. mehr