Fünf Fragen: Claudia Jerusalem-Groenewald

9. Februar 2010

Auf die Verleihung des “Prix de l´Audace” auf dem Comicfestival in Angoulême vor gut einer Woche wurde an dieser Stelle bereits hingewiesen (unter anderem hier). Der ausgezeichnete Band “Alpha” (Carlsen) des Berliners Jens Harder sticht schon ob seiner äußeren Maße heraus, die Besonderheit des Bandes liegt aber nicht nur im Umfang und Format. Einige Fragen zum Buch und zur Bedeutung des Preises beantwortete Carlsen-Pressedame Claudia Jerusalem-Groenewald.

Wovon handelt “Alpha”?
“Alpha” erzählt die Schöpfung vom Urknall bis zur ersten Menschwerdung als Bildergeschichte. Rund 14 Milliarden Jahre Evolution zusammengefasst auf 360 Seiten. Jens Harder nimmt die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Entwicklung des Lebens als Grundlage und bedient sich zugleich bei den symbolstarken Schöpfungsmythen verschiedenster Kulturen. Er verzichtet weitestgehend auf Text, lässt stattdessen Sequenzen detailreicher Bilder sprechen. “Alpha” ist alles andere als ein nüchterner Sachcomic. Er ist großartig gezeichnet und spannend erzählt!

Weswegen hat das Buch schon bei der Veröffentlichung in Frankreich für Wirbel gesorgt?
Sicher sorgte der Band für Aufsehen, da es etwas Vergleichbares wohl noch nicht einmal in der ausgewiesenen Comicnation Frankreich gab und gibt.

Welche Bedeutung hat die Auszeichnung auf dem Festival in Angoulême?
Das Comicfestival in Angouleme ist wohl das wichtigste in Europa. Die Auszeichnungen haben dementsprechend eine hohe internationale Bedeutung. Dass “Alpha” mit dem “Prix de l’Audace” – dem Preis für die mutigste Neuerscheinung – ausgezeichnet wurde, betont einmal mehr die grafischen und erzählerischen Möglichkeiten, die Bildergeschichten bieten können.  Und für Jens Harder ist es natürlich eine hohe Anerkennung seiner Arbeit, die die Grenzen des klassischen Comics überschreitet.

Die Festivalpreise von Angoulême sind hierzulande noch nicht sehr bekannt. Womit könnte man sie vergleichen?

International gesehen gehören die Auszeichnungen des Festival in Angouleme neben den amerikanischen Eisner-Awards zu den wichtigsten Comicpreisen. Zieht man die Filmindustrie als Vergleich heran, hat Angoulême vielleicht so eine Bedeutung wie Cannes.

Wann wird das Buch auf deutsch erscheinen? Sind besondere Aktionen geplant?

“Alpha” erscheint Ende Mai 2010. Das Erscheinen des Bandes wird unter anderem mit einer Buchpräsentation in Berlin am 26. Mai im Museum für Naturkunde – im Dinosauriersaal – gefeiert. Und selbstverständlich gehört Jens Harder zu den Carlsen-Gästen auf dem Comic-Salon in Erlangen, der vom 03. bis 06. Juni stattfindet.  Noch bis Ende März zeigt das Staatliche Museum für Naturkunde in Karlsruhe eine Auswahl an Originalen aus “Alpha” im Rahmen der Schau “Dynamik des Lebens”.

“Maus” ab sofort über die Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich

8. Februar 2010

Ab sofort ist über die  “Bundeszentrale für politische Bildung” (bpb) die 2008 in einem Band bei Fischer erschienene Graphic Novel “Die vollständige Maus” des New Yorker Autoren Art Spiegelman vollständig im Rahmen der hauseigenen Schriftenreihe erhältlich. Gegen eine Bereitstellungsgebühr von 4 Euro pro Exemplar kann man den vielfach ausgezeichneten Titel auch im Klassensatz bestellen. Damit intensiviert die bpb ihr Bemühen, Comics in ihre Arbeit einzubinden. Für jüngere Leserinnen und Leser wird unter anderem schon eine ganz Weile das Projekt Hanisauland betrieben, an Erwachsene richtet sich zum Beispiel ein Seminar zum Thema “Holocaust und Nationalsozialismus in Comic und Graphic Novel – Neue Wege für Unterricht und außerschulische politische Bildung?”, das thematisch durch die Aufnahme von “Maus” in die Schriftenreihe perfekt ergänzt wird.

Der amerikanische Comiczeichner Art Spiegelman erzählt die authentische Lebensgeschichte des polnischen Juden Wladek Spiegelman während der Zeit des Nationalsozialismus. In Queens, New York, schildert dieser seinem Sohn die Stationen seines Lebens: Polen und Auschwitz, Stockholm und New York, er erzählt von der Rettung und vom Fluch des Überlebens. Art Spiegelman hat diese Geschichte aufgezeichnet, indem er das Unaussprechliche Tieren in den Mund legt: Die Juden sind Mäuse, die Deutschen Katzen. “MAUS”, dessen erster Teil in den USA bereits ab 1973 erschienen ist, gilt als das berühmteste und erfolgreichste Werk Spiegelmans und wurde 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Hier erscheinen nun dessen beide Bände in einem Buch.

“Angoulêmer Spagat”

5. Februar 2010

Für den “Tagesspiegel” war Klaus Schikowski (“Die großen Künstler des Comic”, Edel) in Angoulême und hat seine Eindrück vom dortigen Comicfestival in einem Artikel festgehalten und entkräftet damit dankenswerterweise die Anmerkung über die fehlende Berichterstattung in der Presse über dieses bedeutende Comicereignis zumindest zum Teil.

CortoAngoulêmer Spagat

Es ist die wohl wichtigste Comicveranstaltung Europas: Das Festival de la Bande Dessinée überraschte mit mutigen Verbindungen von Tradition und Zukunft – und kürte einige unerwartete Sieger.

Der Name Angoulême hat in Comicfachkreisen einen magischen Klang. In der südwestfranzösischen Stadt findet traditionell am letzten Januarwochenende das größte und vermutlich wichtigste Comicfestival auf europäischem Boden statt. Dann blüht die Stadt für vier Tage auf, der Comic, respektive Bande Dessinée, ist im Stadtbild omnipräsent, dicht bedrängt sind die Verlagszelte mit obligatorischen, schier endlosen Signierschlangen. Es gibt Ausstellungen, öffentliche Zeichnergespräche oder Fachdiskussionen (etwa über den Einfluss von Hitchcock und Agatha Christie auf das Werk von Hergé) und allerhand Multimediaspektakel wie das „Concert des Dessins“, wo Zeichner zu Livemusik vor Publikum improvisieren. Natürlich geben sich auch die großen Zeichner ein Stelldichein. In diesem Jahre waren Robert Crumb, Jean-Jacques Sempé und Enki Bilal zu Gast. mehr

Das Foto zeigt die Bronzestatue von Hugo Pratts Corto Maltese vor dem Comicmuseum in Angoulême.

Foto © Sebastian Oehler

“Blutch for President”

5. Februar 2010

presse_blutchBereits am 29. Januar berichtete “Arte Journal” über den französischen Zeichner Blutch (“Blotch – Der König von Paris”, “Der kleine Christian”), der Ende Januar als Präsident der Jury in Angoulême auch mit einer Ausstellung seiner Zeichnungen gewürdigt wurde. Auf der ARTE-Website wird eine Videoreportage von Christophe Brunella und Alexis de Favitski präsentiert.

„Blutch“ for President

Christian Hincker, besser bekannt unter seinem Pseudonym Blutch, gilt als einer der einflussreichsten französischen Comic-Zeichner seiner Generation. Für seine Werke hat er schon diverse Preise abgeräumt. Beim 37. Comic-Festival von Angoulême ist er dieses Jahr Präsident der Jury. Für Arte Journal hat ihn Christophe Brunella dort getroffen. mehr

Abbildung © Blutch

Comics in der Presse – Februar (1)

5. Februar 2010

Das eigentlich Berichtenswerte der vergangenen Woche ist die weitgehend fehlende Berichterstattung über das Comicfestival im französischen Angoulême und dessen Preisträger. Nicht nur, dass das Festival das bedeutendste seiner Art mindestens europaweit ist, hier wurden – wie berichtet – auch die dementsprechend bedeutenden Preise vergeben, einer davon gar an einen Berliner Autoren. (Von der weiteren Nominierung von Uli Oesterles bei Carlsen erschienenem “Hector Umbra” ganz abgesehen.) Eine unangenehme Fehlstelle.

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Vom Arte-Beitrag über Blutch, den Festivalpräsidenten dieses Jahres abgesehen (siehe oben stehender Post), berichtet zumindest die Comic-Website des Berliner “Tagesspiegels” über das Festival und die Verleihung des “Prix de l’Audace” an Jens Harder für seinen “monumentalen” Band “Alpha” (erscheint Ende Mai bei Carlsen): “Kühnheit siegt”. Gesammelte Links zu Presseartikeln, Blogs, Fotos und Videos finden sich auf der Website comicsreporter.com in einer umfangreichen Liste.

Und für die “Mittelbayerische Zeitung” berichtete Christine Strasser im Vorfeld und stellte den inzwischen im Berliner avant-verlag vorliegenden Gewinner der größten Festivalauszeichnung (“Best Album”) des Vorjahres vor: Winshluss’ “Pinocchio”, der schon in der Artikelüberschrift treffend zusammengefasst wird: “Repektlos, irrwitzig und ganz schön fies”.

Steffen Richter führt in der “Welt” anhand des kürzlich erschienenen Schwerpunktbandes zum Thema “Comics, Mangas, Graphic Novels” der Reihe “text + kritik” (Edition text + kritik) aus, “Wie die Comics in der Hochkultur ankamen”.

In der “Jungen Welt” schreibt Axel Klingenberg über Martin Büssers “Der Junge von nebenan” (Verbrecher Verlag), erkennt Querverweise auf Jean Genet und zeigt sich leicht irritert ob Büssers “Mut zur Lücke”.

Ein “Meisterwerk” erkennt Markus Lippold auf der Website des Nachrichtensenders n-tv in Craig Thompsons “Blankets”, dessen luxuriöse Neuauflage bei Carlsen Comics er in seinem Artikel “Liebe, Lust – und Sünde” lobt.

“Wenn die Farben verschwinden”

4. Februar 2010

tardi_1914-1916Bereits am 28. Januar schrieb Gottfried Knapp in der “Süddeutschen Zeitung” über Jean-Pierre Verneys und Jacques Tardis “Elender Krieg 1914 – 1915 -1916″ (Edition Moderne).

Wenn die Farben verschwinden

Nie dürfte sich ein Comic-Band so direkt für die Lehrpläne der europäischen Schulen empfohlen haben wie die schonungslos realistische Schilderung der Gemetzel an den Fronten des Ersten Weltkriegs, zu der sich zwei überzeugte französische Kriegsgegner – der Historiker Jean-Pierre Verney und der Comic-Zeichner Jacques Tardi – zusammengefunden haben. Verney hat zuvor im Auftrag des französischen Verteidigungsministeriums mehrere Ausstellungen zusammengestellt, in denen er die hässlichen Details der großen Völkerkatastrophe nicht verheimlicht. mehr

“Auf dunklen Wegen” – neue Graphic Novel von David B.

3. Februar 2010

9783939080414Mit dem ersten Band von “Auf dunklen Wegen” erscheint in Kürze im Berliner avant-verlag ein neues Buch des französischen Comicautors David B.. Der vor allem für “Die heilige Krankheit” (Edition Moderne), seine bewegende Autobiografie im Schatten der Epilepsieerkrankung seines Bruders bekannte, vielfach ausgezeichnete Autor, widmet sich in seiner neuesten Reihe der bewegten Epoche zwischen den beiden Weltkriegen. Die in Frankreich in zwei Bänden veröffentlichte erste Geschichte erscheint als inhaltlich abgeschlossene Gesamtausgabe im April 2010 im avant-verlag.

Am 19. September 1919 “annektierte” Gabriele D’Annunzio mit ca. 2500 desertierten Soldaten die dalmatinische Hafenstadt Fiume (kroatisch: Rijeka). Auf dramatische Weise griff “Der Dichter” damit in die Friedensverhandlungen in Paris ein, wo die Vertreter Italiens sich vergeblich bemühten, die Einhaltung der vor dem Krieg geschlossenen Geheimverträge zu erreichen, die Italien vor allem in Dalmatien territoriale Zugewinne zugesichert hatten. In Fiume aber begann ein schier endloses Fest. Ein Ausnahmezustand herrscht, der alles ergreift: den Krieg, die Politik, das Recht, die Herzen und die Sinne.

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David B., der eigentlich David Beauchard heißt, wurde 1959 im französischen Nimes geboren. 1990 war er einer der Mitgründer der einflussreichen französischen Künstlervereinigung L’Association. Ab 1996 schuf er eines der Meisterwerke in der jüngeren Comicgeschichte mit “Die heilige Krankheit“. David B. zählt wegen seiner symbolischen Bildfindungen zu einem der spannendsten Künstler, die das Medium derzeit vorzuweisen hat. Mit “Auf dunklen Wegen“ startet seine neue Reihe im avant-verlag. Weitere Bände dieser neuen historischen Reihe sind bereits in Arbeit und werden den Leser an andere brisante Schauplätze (Irland, Baltikum, Deutschland) führen.

dunkl_weg_bsp2Bereits jetzt lässt sich eine 18-seitige Leseprobe hier als PDF herunterladen (4,5 MB).

Auf dunklen Wegen, ISBN 978-3-939080-41-4, 124 Seiten, SC, vierfarbig, 24,95 EUR, erscheint im April im avant-verlag

Neuheiten bei Reprodukt im Februar

2. Februar 2010

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Zwei Neuheiten in Sachen Graphic Novel erscheinen in der kommenden Woche bei Reprodukt: Nicolas Mahlers “Pornografie und Selbstmord” (vorveröffentlicht in der “Titanic”) und Tommi Musturis “Unterwegs mit Samuel”.

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Nach “Kunsttheorie versus Frau Goldgruber” und “Die Zumutungen der Moderne” ist “Pornografie und Selbstmord” das dritte Buch mit autobiografischen Kurzgeschichten von Nicolas Mahler. Der Wiener Zeichner gehört zu den bekanntesten Humorzeichnern Österreichs, seine Geschichten und Cartoons erscheinen in vielen europäischen Ländern, in Kanada und den USA. Nicolas Mahler zeichnet für die “FAZ am Sonntag” und “Die Welt”, bekannt ist er zudem für seine Trickfilme, Miniatur-Skulpturen und als Betreiber des Ausstellungsortes Kabinett Passage im Wiener Museumsquartier.

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Samuel, der einsame Wanderer, begibt sich auf eine so psychedelische wie meditative Reise durch Zeit und Raum. Ein klarer Strich und leuchtende Farben laden ein, in Samuels überbordende Welt einzutauchen, in der Motive aus Weltgeschichte und Philosophie wild durcheinander zitiert werden…

Längst genießt die junge finnische Comicszene weit über die Grenzen Skandinaviens hinaus einen hervorragenden Ruf. “Unterwegs mit Samuel” ist die erste deutschsprachige Buchveröffentlichung des umtriebigen Tommi Musturi, die bereits in sieben europäischen Ländern veröffentlicht wurde.

Die Preisträger des Festival International de la Bande Dessinée Angoulême 2010

2. Februar 2010

angou_preisAm vergangenen Wochenende fand im französischen Angoulême wie jedes Jahr das “Festival International de la Bande Dessinée” statt, das größte Comicfestival Europas. Wieder strömten von Donnerstag bis Sonntag zehntausende Besucher in das beschauliche Stadtzentrum, um dort Ausstellungen, Diskussionen, Signierstunden oder weitere Veranstaltungen zu besuchen oder einfach um an den vielen Verlagsständen die neuesten Veröffentlichungen zu erwerben. Höhepunkt war die Verleihung der Festivalpreise in unterschiedlichen Kategorien und die Vergabe des “Grand Prix”, der höchsten Festivalauszeichnung, die immer an einen Zeichner vergeben wird, der wiederum im Folgejahr als Präsident des Festivals mit einer großen Ausstellung gewürdigt wird.

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Nachdem in diesem Jahr Blutch (“Blotch – Der König von Paris”, avant-verlag, “Der kleine Christian”, Reprodukt) diese Ehre zuteil geworden war, fiel die Wahl für 2011 auf Baru. Der als Hervé Baruléa geborene französische Zeichner ist auch hierzulande bekannt, derzeit sind mit “Autoroute du soleil” (Carlsen) sein bekanntestes und mit “Elende Helden”(zusammen mit Autor Pierre Pelote, Edition 52) sein neuestes Werk auf Deutsch erhältlich. Darüber hinaus ist seine Boxergeschichte “Wut im Bauch” (Edition 52) in zwei Bänden lieferbar.

gn_angou2010In den zum Teil neu geschaffenen Preiskategorien der “Selection Officielle” gewannen wieder eine Reihe Graphic Novels. Besonders erfreulich dabei war die Verleihung des “Prix de l’audace” an den Berliner Autor Jens Harder für sein Buch “Alpha” (erscheint Ende Mai bei Carlsen). Nachdem die französische Veröffentlichung von “Alpha” auf dem Festival des Vorjahrs für Aufsehen gesorgt hatte, war die Nominierung in diesem Jahr folgerichtig und die Auszeichnung natürlich sehr erfreulich.

Weitere Auszeichnungen gingen an Michel Rabagliati, der für “Paul à Québec”, eine Fortsetzung von “Pauls Ferienjob” (Edition 52), den “Prix du public” erhielt. Der “Prix regards sur le monde” ging an David Prudhomme für sein nach dem gleichnamigen griechischen Musikstil benanntes Album “Rébétiko” (Futuropolis), das im Herbst dieses Jahres bei Reprodukt erscheinen wird.

Foto Baru © BDAngoulême.com

“Sex, Literatur und zwei Todesfälle”

1. Februar 2010

9783941099319Für die “Neue Zürcher Zeitung” schreibt Christian Gasser über Posy Simmonds’ “Tamara Drewe” (Reprodukt) und lobt die “vielschichtige, subtile und humorvolle Geschichte”.

Sex, Literatur und zwei Todesfälle

Mit «Tamara Drewe» legt die britische Comic-Autorin Posy Simmonds ein süffiges Drama um Liebe, Sex, Ehebruch, Literatur und Mord vor. Zugleich handelt es sich um eine sarkastische Milieustudie des Landlebens in Grossbritannien. Formal wie inhaltlich geht Simmonds dabei eigene Wege.

Tamara Drewe ist unwiderstehlich und überaus sexy. Seit ein geschickter Chirurg ihre eher knollige Nase zu einem zierlichen Näschen ummodelte, entspricht sie ganz den heutigen Schönheitsidealen. Mit der Operation kam auch ihre gesellschaftliche Metamorphose: Aus der unscheinbaren Presse-Frau eines Verlags wurde eine prominente Klatschkolumnistin, die ihrerseits im Mittelpunkt zahlreicher Klatschgeschichten und Affären steht. mehr

“Nie wieder jung!”

26. Januar 2010

cover_blankets_carlsenAuf der Website des Jugendsenders on3 des Bayerischen Rundfunks lassen sich nun zwei Buchvorstellungen nachhören: Ulli Lusts “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens” (avant-verlag) und Craig Thompsons “Blankets” (Carlsen) bespricht Redakteur Markus Köbnik, der auch ein ebenfalls dort abrufbares Interview mit Ulli Lust führte, die unter anderem den praktischen Hinweis gibt: “Tätowiert euch keine politischen Symbole!”.

Nie wieder jung!

Teenager haben es nicht leicht. Doch keine Angst, es gibt immer ein Weg aus der Krise. Das zeigen auch die Comics “Heute ist der letzte Tag …” und “Blankets”. Sie bringen damit sogar Punks und Jesus-Freaks zusammen. mehr

Ein weiterer Beitrag über Ulli Lusts autobiografisches Buch sendete kürzlich der Jugendsender des ORF, fm4. Redakteurin Zita Bereuters Beitrag lässt sich online nachlesen.

lust_der_letzte_tag_01_titel“Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens”

Zwei Punkmädels wollen nach Italien, ans Meer und in die Freiheit. Ein Ausriss in den Abgrund. Ulli Lust hat einen großartigen autobiograhpischen Comic gezeichnet.

“Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens”, was wie ein krisengeschüttelter Lebensratgeber klingt, der zum sofortigen Umdenken animieren soll, ist das Lebensgefühl, von dem Ulli Lust mit 17 überzeugt war. Damals, in den tiefen 80ern habe sie tatsächlich nicht in die Zukunft planen wollen, weil es eh keine gab, also eh alles wurscht, man habe auf die große Bombe gewartet und wollte vor dem baldigen Tod lieber nochmal auf den Putz hauen. mehr

“Punkrock Heartland” – Neue Graphic Novel bei Männerschwarm

26. Januar 2010

punkrock_heartland_andi_liriumIm Hamburger Männerschwarm Verlag, der sich auf das Thema Homosexualtät spezialisiert hat und bei dem unter anderem erstmals die weniger jugendfreien Bücher des Autoren Ralf König verlegt wurden, erscheint im April eine neue Graphic Novel. Andi Lirium schildert in “Punkrock Heartland” eine Dreiecksgeschichte unter Punks.

Bastian ist 20 Jahre alt und schon mit dreizehn von Zuhause ausgerissen, weil es da nur Ärger gab. Seitdem lebt er zusammen mit anderen Punks in Hamburg. Der Autofreak Zottel ist so etwas wie ein großer Bruder für ihn – auf einer Reise nach Norwegen kommt es zwischen ihnen zu einer heftigen Liebesaffäre. Aber Zottel hat eine Freundin und weist Bass schließlich zurück. Der dreht durch und baut erst einmal richtig Mist. Im Knast lernt er Jannik kennen, aber Zottel ist und bleibt für ihn der schönste Mann der Welt.

Die Graphic Novel, der gezeichnete Roman gewinnt in Deutschland immer mehr an Beliebtheit. Dieses Debut mit seinem dynamischen, oft wilden Strich gibt sich sofort als eigenständige Stilrichtung zu erkennen, als Fuchs im Hühnerstall der sonst überwiegend sehr braven Zeichenstile. Den Zeichner wird man sich merken müssen.

Punkrock Heartland, ISBN 978-3-939542-92-6, 176 Seiten, ca. 18 EUR, erscheint im April im Männerschwarm Verlag

Neue Rezensionen – Januar 2010 (2)

24. Januar 2010

Nicht nur Comics selbst standen in den vergangenen Tagen im Mittelpunkt der Presseberichterstattung: Filme über und basierend auf Comics sowie eine Ausstellung sorgten für zusätzliche Artikel.

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Die Verfilmung der Science-Fiction-Graphic Novel “The Surrogates” (Cross Cult) von Robert Venditti und Brian Weidele wird von der Presse wohlwollend aufgenommen (wie zum Beispiel dieser Bericht in der “Welt” zeigt). Auf “tagesspiegel.de” gehen Moritz Honert und Lars von Törne in “Kampf der Bilder” sowohl auf den Film als auch auf die Vorlage ein und kommen zu dem Schluss, dass die Geschichte in beiden Medien funktioniert. Für den “film-dienst” wirft Christian Meyer in “Der Glanz der (Ober-)Fläche” einen Blick auf die Unterschiede zwischen den beiden Versionen.

Für den “Tagesspiegel” wiederum schreibt Lars von Törne über den kürzlich unter anderem auf arte ausgestrahlten Dokumentarfilm “Comics ziehen in den Krieg” und lobt den Film für die Feststellung, dass Comics, die den “Krieg in der ersten Person” nacherzählen, gar nicht erst den unmöglichen Anspruch auf allumfassende Authentizität erheben. Leichte, aber clevere Kost erkennt Jan Oberländer in Nicolas Mahlers “Längen und Kürzen” (Luftschacht), dessen “Schöne Nichtigkeiten” hintergründig mit Form und Genre spielen.

Auf der Seite des WDR-Radiosenders “Eins Live” wurde kürzlich Posy Simmonds’ “Tamara Drewe” (Reprodukt) als eines des “Bücher der Woche” gewürdigt. Einen “gezeichneten Gesellschaftsroman in bester britischer Tradition, mit subtilem Witz und psychologischem Feingefühl” erkennt die Redaktion unter der Überschrift “Am grünen Rand der Welt”.

“Kulturbahnhof Eller zeigt junge Comiczeichner aus Hamburg” meldet Jo Achim Geschke für die “Neue Rhein Zeitung” aus Düsseldorf und sagt damit auch schon, worum es in seinem Bericht geht: Die derzeit laufende Ausstellung im Kulturbahnhof Eller in Düsseldorf. Die Überschrift ist eventuell auch ein verstecktes Kompliment an Martin tom Dieck und Anke Feuchtenberger.

Für “Comicgate.de” empfiehlt Andreas Völlinger die im Berliner avant-verlag erschienene, autobiografische Graphic Novel “drüben” von Simon Schwartz unter anderem als Schullektüre. Felix Giesa schreibt für “satt.org” über zwei Neuerscheinungen, “in denen sich kinderliterarische Topoi wiederfinden”: “Pinocchio” (avant-verlag) von Winshluss  (avant-verlag) und “Jenseits” (Reprodukt) von Kerascoet und Fabien Vehlmann. Sein Fazit: “Gebt den Erwachsenen ihre Comics zurück”.

“Wenn Sachbeschädigung zu Mord wird”

22. Januar 2010

surrogatesJörg Böckem schreibt heute auf “Spiegel Online” über “The Surrogates” von Robert Venditti (Text) und Brett Weldele (Zeichnungen), erschienen bei Cross Cult, und die Filmadaption des Comics von Jonathan Mostow.

Wenn Sachbeschädigung zu Mord wird

Im Jahr 2054 sind die Menschen Couch-Potatoes, den Alltag bewältigen ferngesteuerte Roboter: Der düstere Comic “The Surrogates” erinnert an “The Matrix”, ist aber viel komplexer. Die Filmversion – jetzt im Kino – kommt weitaus konventioneller daher – was die Schöpfer des Originals wenig stört.

Eine dunkle Gasse in Central Georgia Metropolis im Mai des Jahres 2054. Regen fällt, ein Gewitter hängt über der Stadt. “Lebt!” ruft der vermummte Fremde, kurz bevor er einem jungen Pärchen einen Stromstoß durch die Körper jagt. Am nächsten Morgen liegen zwei leblose Gestalten auf dem Asphalt, gut aussehend und elegant gekleidet. mehr

Graphic Novels im “Börsenblatt” und auf börsenblatt.net

21. Januar 2010

börsenblatt_logoDas “Börsenblatts des Deutschen Buchhandels” stellt in seiner heute erschienen Ausgabe unterschiedliche Graphic Novels kurz vor. Erwähnt werden aktuelle Titel, die bei Comic- als auch Belletristikverlagen erscheinen werden oder bereits erschienen sind. Auf “börsenblatt.net” kommentiert Redakteur Stefan Hauck zudem die aktuellen Entwicklungen im Graphic-Novel-Segment:

hauckGraphic Novels: Neue Zielgruppen

Es wurde auch langsam Zeit: Was die Akzeptanz von bilddominierten Geschichten betrifft, scheint Deutschland nun da angekommen, wo Frankreich und Italien schon seit Ewigkeiten sind. Dort gelten Comics nicht als zu belächelnder Kinderkram, sondern als ernst zu nehmende Lektüre für Erwachsene. mehr

Neben den im Heft aufgeführten Titeln werden auf der Website des “Börsenblatts” weitere Graphic Novels vorgestellt, unter anderem “Elende Helden” von Pierre Pelote und Baru (Edition 52), “Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens” von Ulli Lust (avant-verlag), “Blankets” von Craig Thompson (Carlsen), “Tamara Drewe” von Posy Simmonds (Reprodukt) sowie Jean-Pierre Verneys und Jacques Tardis “Elender Krieg. 1914 – 1915 – 1916″ (Edition Moderne). Der Artikel “Hier sprechen die Bilder – Best of Graphic Novels” ist frei zugänglich.

Foto Stefan Hauck © Sophie Thoma

Fünf Fragen: Klaus Schikowski

21. Januar 2010

schikowskiEnde vergangenen Jahres erschien “Die großen Künstler des Comics” (Edel) des in Köln lebenden Journalisten und Autoren Klaus Schikowski. Wie an dieser Stelle bereits berichtet, stehen nicht zuletzt eine ganze Reihe von Graphic-Novel-Autorinnen und -Autoren im Mittelpunkt des Bandes. Grund genug, Klaus Schikowski einige Fragen zu stellen.

Was gibt es in Ihrem Buch über Comics und ihre Künstler zu erfahren?

Das Buch gibt in sechs chronologischen Kapiteln einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen des Comics im 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Ausgehend von der These, dass es die Künstler sind und waren, die die Kunstform maßgeblich beeinflusst haben, werden Leben und Werk verschiedener Zeichner als auch Autoren aus den großen Comic-Kulturen dargestellt. Die vorgestellten Künstler stellen daher so etwas wie einen Wegweiser durch die Comic-Historie dar.

Was zeichnet einen großen Künstler aus?

Jemand, der dem Comic eine neue Möglichkeit aufgezeigt, oder eine neue Richtung gegeben hat. Ein gutes Beispiel dafür ist Will Eisner. Er war direkt an zwei Innovationen beteiligt: Er hat einerseits bei den Anfängen des comic book mitgewirkt und Ende der 70er Jahre dann den Begriff der Graphic Novel popularisiert. Mein Problem war nun folgendes: Sollte ich ihn in dem Kapitel 1920-1945 oder doch lieber 1975-1990 bringen? Demnach habe ich mich entschieden, Eisner kurzerhand zwei Kapitel zukommen zu lassen.

schikowski_künstler_comics_9783941378131_comic_webWas unterscheidet Graphic Novels (und ihre Künstler) von anderen Arten Comics (und deren Schöpfern)?

Natürlich machen die meisten Künstler Comics aus Leidenschaft und jeder möchte mit den Mitteln des grafischen Erzählens anhand von Text und Bild etwas auszudrücken – da spielt es keine Rolle, ob das Kind nun Graphic Novel, Comic-Roman oder Autorencomic heißt. Die Graphic Novel ist ein neueres Genre, das an sich selbst den Anspruch erhebt, anspruchsvolle und ernsthafte Inhalte adäquat umzusetzen. Das war früher einmal anders, da stand die Unterhaltung im Vordergrund. Letzten Endes sind aber dennoch alles Comics.

Welche Bedeutung wird Graphic Novels im Buch zugeschrieben?

In der Gegenwart ist der Comic ohne das Phänomen Graphic Novel nicht mehr denkbar – auch wenn man dem Begriff etwas zähneknirschend begegnen kann. Zudem ist es eine globale Bewegung, die in allen Comic-Kulturen stattfindet und sich gegenseitig beeinflusst. Daher ist es nur folgerichtig, wichtige Künstler aus diesem Kontext am Ende des Buches vorzustellen. Tatsächlich hat der Comic durch die Graphic Novel neue Innovationen durchlebt und ist dadurch wieder zu einer eminent spannenden Kunstform geworden.

Welche Comics lesen Sie selbst besonders gerne?

Ich bin immer sehr neugierig der Form gegenüber. Natürlich sind mir die Comics aus dem Buch lieb und teuer, ich begeistere mich aber genauso für Jacovitti, Seth oder Naoki Urusawa. Erst kürzlich hat mich die Bildsprache von Emmanuel Guibert in “Alans Krieg” sehr angesprochen oder die Eleganz, mit der Posy Simmonds Prosa und Comic verbindet. Generell lese ich nicht gerne schlecht gemachte Comics, aber was das ist, sollte schon jeder für sich selbst herausfinden.

Die großen Künstler des Comics, ISBN 978-3-941378-13-1, 256 Seiten, farbig, 29,95 EUR, erschienen bei Edel

“Richtig gute Geschichten brauchen richtig viel Zeit”

20. Januar 2010

lust_der_letzte_tag_01_titelFür die Wiener Wochenzeitschrift “Falter” hat Thomas Wolkinger Ulli Lusts “Heute ist letzte Tag vom Rest deines Lebens” (avant-verlag) besprochen und reiht das Buch zwischen weiteren gelungenen autobiografischen Graphic Novels ein.

Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens

Richtig gute Geschichten brauchen richtig viel Zeit. Ulli Lust, Mitte der 90er von Wien nach Berlin emigriert, hat das im doppelten Sinn beherzigt. Die Ereignisse, die sie sich in „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ vom Leib schreibt, liegen immerhin ein Vierteljahrhundert zurück. Und fast vier Jahre hat Lust gebraucht, um aus den sehr persönlichen Erlebnissen ihrer Jugend eine der eindringlichsten Erzählungen der jüngeren deutschsprachigen Comicgeschichte zu stricken. Dabei umfasst der Erzählzeitraum des mit 470 Seiten auch physisch ziemlich gewichtigen Bandes nur zwei Monate. Zwei Monate allerdings, die das Leben der Autorin und Zeichnerin nachhaltig geprägt haben. mehr

“Pop goes my world” – Ausstellung von CX Huth im ZS art KunstRaum, Wie

19. Januar 2010

Nach Ausstellungen in Deutschland, der Schweiz, Spanien und Portugal kann man die Arbeiten von CX Huth vom 22. Januar bis 27. März 2010 auch in Österreich – im ZS art KunstRaum Wien – bewundern. Neben der Arbeit an seinen Comics wie “Das 23 fünf acht neun” oder “Hasenhäschen” hat sich CX Huth vor allem mit Drucken und großformatigen Arbeiten einen Namen gemacht. Nun sind neue Zeichnungen und Collagen des Berliner Künstlers erstmalig in Wien zu sehen.

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Die Eröffnung findet in Anwesenheit von CX Huth am Donnerstag, den 21. Januar um 19 Uhr statt. Die einleitenden Worte spricht Guido Zehetbauer-Salzer, Künstlerischer Leiter des ZS art.

ZS art KunstRaum, Westbahnstr. 27-29, A-1070 Wien
www.zsart.at
Öffnungszeiten: Mo-Mi, Fr 11-19 Uhr, Do 11-21 Uhr, Sa 11-14 Uhr

Abbildung © CX Huth / Le Monde diplomatique

Reinhard Kleist – Neue Website online

19. Januar 2010

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Reinhard Kleist, unter anderm Autor und Zeichner der Johnny Cash-Comicbiografie “Cash – I see a darkness” (Carlsen), hat seine Website optisch und inhaltlich neu gestaltet. Die schicke neue Seite ist ab sofort unter www.reinhard-kleist.de zu bewundern.

“Eine Liebe unter Schnee”

18. Januar 2010

9783551749079Jörg Böckem schreibt am 18. Januar auf “Spiegel Online” über die Neuausgabe von Craig Thompsons “Blankets” beim Hamburger Carlsen Verlag.

Eine Liebe unter Schnee

Der Amerikaner Craig Thompson erzählt in seinem fulminantem Comic vom Erwachsenwerden und der ersten Liebe – und demonstriert eindrucksvoll die Stärken des Genres.

Das Wichtigste zuerst – “Blankets” ist ein Comic. Auch wenn der Carlsen Verlag, der das 2004 erstmals auf Deutsch erschienene Werk in einer bibliophilen Luxusausgabe wiederaufgelegt hat, scheinbar verschämt davon ablenken möchte und, wie auch im US-amerikanischen Original, “illustrierter Roman” auf das Cover druckt – was immer das bedeuten soll. Ein Versuch, Qualität zu behaupten und sich an das Feuilleton anzubiedern? Auf jeden Fall unsouverän und ärgerlich. Wird dem Medium Comic selbst von den Machern keine Tiefe, kein Anspruch und keine Relevanz zugetraut? Zumindest wirkt es so. mehr